Stadtleben

Das Theater ist die Krätze

Theaterkritiker sind das letzte, zumindest wenn man dem Dramatiker Anton
Tschechow glauben will. Und weshalb sollte man ihm ausgerechnet bei diesem
Thema nicht glauben. „Alle diese Kritiker sind Speichellecker und Feiglinge; sie
haben Angst, etwas zu loben, Angst, etwas zu tadeln und bewegen sich in einer
erbärmlichen, grauen Mitte. Und vor allem, sie glauben nicht an sich
selbst…“, stöhnt Tschechow in einem Brief an einem Freund. Überhaupt sind
schwere Charakterdefizite offenbar typisch für diese Berufsgruppe. Tschechow:
„Was für eine Dienerei vor großen Namen, und was für ein herablassendes
Geschwätz, wenn es sich um Anfänger handelt!“ Kein Wunder, dass Tschechow nur
Verachtung für diese traurigen Gestalten übrig hat. Von Kunst verstehen sie
ohnehin nichts. „Wir haben keine Kritik“, stellt Tschechow knapp fest. „Der
ständig Schablonen reitende Taticev, der Esel Michnevic und der gleichgültige
Burenin – das ist doch schon die ganze kritische Potenz in Russland. Und für
die zu schreiben lohnt sich nicht, so wie es sich nicht lohnt, jemanden an
Blumen riechen zu lassen, der Schnupfen hat.“

 

Aber nicht nur die Kritiker sind eine Zumutung, eine einzige
Peinlichkeit, eine Belästigung, die man am besten ignoriert. Auch das Theater
selbst ist nicht viel besser. „Ich flehe Sie an, bitte hören Sie auf, das
Theater zu lieben“, schreibt Tschechow an einen Bekannten, mit dem er es gut
meint. „Wirklich, da ist so wenig gutes dran.  Das Gute wird maßlos übertrieben, das Ekelhafte maskiert. Das
Theater heute ist die Krätze, eine üble Krankheit der Städte. Man muss diese
Krankheit mit dem Besen austreiben, und sie zu lieben ist ungesund.“  Als ihm der Bekannte widerspricht, wird
Tschechow prinzipiell: „Das moderne Theater ist eine Welt des Unsinns, des
Stumpfsinns und des hohlen Geklingels.“ Das war 1888. In den folgenden fünfzehn
Jahren hat Tschechow, dessen 150. Geburtstag die Theaterwelt dieses Jahr
feiert,  einige der schönsten und
klügsten Theaterstücke überhaupt geschrieben und vorgeführt, dass Theater mehr
sein kann als Krätze. „There was never a smile like this“, sagt Samuel Beckett
über Tschechows Kunst und besser kann man es nicht sagen.

 

Peter Laudenbach

Mehr über Cookies erfahren