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Interview

David-Bowie-Straße in Berlin: Die Frage ist nur noch, wann und wo

Für Paul Spies, den Direktor des Stadtmuseums, ist klar: Es wird eine David-Bowie-Straße in Berlin geben. Nur wie die Ehrung umgesetzt wird und ob es die Umbenennung eines Teils der Hauptstraße sein sollte oder ein neuer Platz dafür geschaffen wird, bleibt abzuwarten. Die Bedeutung des englischen Popstars, der von 1976 bis 1978 in Schöneberg lebte, ist für Berlin immens und wirkt bis heute nach.

David Bowie bei einem Konzert in Berlin, 1981. Foto: Imago/Prod.DB
David Bowie bei einem Konzert in Berlin, 1981 – hier soll eine Straße oder ein Platz nach ihm benannt werden. Foto: Imago/Prod.DB

Wir sprachen mit dem gebürtigen Niederländer Spies über seine ersten Erinnerungen an Bowie, die Aufnahme von Objekten, die Berliner Fans nach dem Tod des einstigen Wahl-Schönebergers 2016 vor dessen ehemaligen Wohnhaus hinterlassen haben, in die Sammlung des Stadtmuseums und die Frage, warum sich in dem Bezirk gerade die CDU für eine David-Bowie-Straße einsetzt.

Bedeutung von David Bowie für Berlin schnell deutlich geworden

tipBerlin Herr Spies, Sie sind Jahrgang 1960. Erinnern Sie sich, wann Sie erstmals von David Bowie gehört haben?

Paul Spies Ich habe zwei ältere Brüder und eine ältere Schwester, die waren natürlich für die Musik verantwortlich, die ich als Kind und Jugendlicher gehört habe. David Bowie kam über meine Schwester, die Brüder haben eher Soul und die Stones und Beatles gehört. Mit Bowie hat das für mich in den frühen 1970er-Jahren angefangen, mit der Ziggy Stardust-Phase. 

tipBerlin Sind Sie Fan geworden?

Paul Spies Absolut. Aber nicht unbedingt von den Ziggy-Stardust-Sachen, das Verkleiden fand ich ein bisschen albern. Aber etwas später wurde ich wirklich Fan, als die Berliner Alben herauskamen, also „Low“ und „Heroes“. Man spürt da die Tiefgründigkeit von Bowie. Er befand sich ja einer privaten Krise und hat in Berlin seine Schauspielereien abgelegt. Diese Songs gleichen Selbstreflektionen und sind keine Science-Fiction-Spielchen mehr. Denn Science-Fiction hat mich nie interessiert, ich bin Historiker und schaue eher zurück und analysiere, was war oder was ist und wo es herkommt.

tipBerlin Sie sind in den Niederlanden geboren und aufgewachsen. Als Sie als Direktor des Stadtmuseums nach Berlin gekommen sind, hatten Sie da auch die Bowie im Kopf?

Paul Spies Nein, ich mochte zwar Bowie und auch genau diese Alben, aber damals wusste ich nicht, dass sie hier aufgenommen wurden. Seine Biografie kannte ich nicht so genau. Die Berliner sind darauf zwar sehr stolz, aber wenn man aus Amsterdam kommt, weiß man das alles nicht wirklich. 

Vorstand und Direktor des Stadtmuseums Berlin sowie Chef-Kurator des Landes Berlin im Humboldt Forum. Foto: Michael Setzpfandt
Paul Spies ist Vorstand und Direktor des Stadtmuseums Berlin sowie Chef-Kurator des Landes Berlin im Humboldt Forum. Foto: Michael Setzpfandt

tipBerlin Sie haben von Bowies Berliner Zeit also erst hier erfahren?

Paul Spies Genau, das war 2016, ich kam ans Stadtmuseum und war dann sehr bald in der historischen Kommission des Regierenden Bürgermeisters und musste über die Gedenktafel mitentscheiden, die an Bowies Wohnhaus in der Hauptstraße angebracht werden sollte. Wegen seiner Bedeutung für Berlin haben wir dann dazu ja gesagt.

Berliner Stadtmuseum bewahrt Gedenken an David-Bowie

tipBerlin Das Stadtmuseum erhielt vor fünf Jahren eine Sammlung von Objekten, die Fans direkt nach Bowies Tod am 10. Januar 2016 vor das Haus in der Hauptstraße 155 in Schöneberg gelegt hatten. Welchen historischen Wert haben diese Objekte?

Paul Spies Nach der Beschäftigung mit David Bowie und seiner Zeit in Berlin im Zusammenhang mit der Gedenktafel stellte ich fest, wie wichtig für ihn diese Zeit war. Es war ein Schlüsselmoment in seinem Leben und er schaute immer wieder zurück, bis zum Ende, und hat die Bedeutung dieser Zeit oft bestätigt, nicht zuletzt in dem Song „Where Are We Now“. Damit war klar, dass es sich dabei um ein Stück Berliner Geschichte handelt. Und als Stadtmuseum sind wir in der Pflicht, diese Geschichte zu sammeln. Heute ist vor allem wichtig, auch die Auseinandersetzung der Bewohner einer Stadt mit einem historischen Ereignis festzuhalten. Wir nennen das partizipatives Sammeln. Also nicht nur Dinge aufzunehmen, die der Kurator zufälligerweise interessant findet, sondern was auch die Leute, die hier wohnen, als wichtig befinden. Genau deswegen haben wir diese Dinge angenommen.

tipBerlin Welche Art von Objekten sind das konkret?

Paul Spies Das sind Zeichnungen, Collagen, kleine gebastelte Objekte, die mit sehr viel Liebe und sehr viel Kenntnis seiner Musik angefertigt wurden. Das meiste sind kleine Kunstwerke, kreative Produkte, sehr einzigartig und sehr persönlich. Im Prinzip sind das von Fans produzierte Zeitdokumente, die davon erzählen, wie sich um 2016 herum Menschen erinnert haben. In 20 Jahren wird das anders sein, dann gibt es eine andere Erinnerungskultur.

David Bowie-Devotionalen in der Sammlung des Stadtmuseums Berlin. Foto: Stadtmuseum Berlin
David-Bowie-Devotionalen in der Sammlung des Stadtmuseums Berlin. Foto: Stadtmuseum Berlin

tipBerlin Berlin war für Bowie wichtig. War dies aber nicht umgekehrt auch der Fall, ist Bowie für Berlin nicht von ebenso großer Bedeutung?

Paul Spies Es gibt sicherlich diese Wechselwirkung und der Mythos Berlin hat auch mit Bowie zu tun. Berlin wird bis heute in der Welt als ein Ort der Freiheit und der Kreativität angesehen. Natürlich spielen auch andere Aspekte eine Rolle, Kriege, die Teilung der Stadt und die Mauer, aber es existiert auch die Idee von West-Berlin als Insel der Freiheit und die ist auch richtig. Bowie hat viel mit dieser Idee zu tun. Und das hat viele Menschen angezogen, die dann herkamen und hier etwas gemacht haben. Auch wenn es oft nur im Underground stattfand, entwickelte sich daraus etwas Neues und Besonderes und das hat bis heute Bestand.

tipBerlin Eine andere Form der Erinnerungskultur ist eine Initiative, die die Umbenennung eines Teils der Hauptstraße in David-Bowie-Straße fordert. Ist das eine adäquate Art des Erinnerns an einen Popstar?

Paul Spies Menschen, die von großer Bedeutung für eine Stadt waren, bekommen eine Straße, die nach ihnen benannt wird. Das ist eine normale Form der Ehrung und dass man Bowie mit einer Straße ehrt, ist völlig klar. Ob das aber direkt an dem Ort sein muss, an dem er gelebt hat, also in der Schöneberger Hauptstraße, ist eine andere Frage. Es entstehen immer wieder neue Straßen und man kann auch eine Straße in einem Neubaugebiet nach Bowie benennen. Die Initiative sagt aber, Bowie war so wichtig, dass ein bereits existierender Name verändert werden soll. Ich finde, man muss da vorsichtig handeln, weil so eine Umbenennung für viele Anwohner und Anwohnerinnen zum Problem werden kann.

Für Fans ist eine David-Bowie-Straße vor seinem ehemaligen Haus ein wunderbarer Gedanke

tipBerlin Deshalb gibt es ja auch die Idee, aus der Straßenkreuzung am Kleistpark einen Platz zu machen, der vorher nicht existiert hat und den dann David-Bowie-Platz zu nennen.

Paul Spies Das wäre eine gute Lösung, weil somit die Probleme wegfallen und die Geschichte nicht geändert werden muss. Die Hauptstraße kann weiterhin Hauptstraße heißen. Für Fans ist eine David-Bowie-Straße vor seinem ehemaligen Haus ein wunderbarer Gedanke, aber für die Mehrheit der Bevölkerung nicht unbedingt. Eine Straßenumbenennung muss eigentlich nur sein, wenn der bereits bestehende Straßenname historisch belastet ist, wie im Fall der Mohrenstraße. Davon kann man aber bei der Hauptstraße nicht sprechen.

David-Bowie-Straße: Das Schild wurde der David-Bowie-Straße wurde kurz nach Bowies Tod im Januar 2016 vor dem Haus in der Hauptstraße 155 angebracht. Foto: Imago/Peter Homann
Das Schild wurde der David-Bowie-Straße wurde kurz nach Bowies Tod im Januar 2016 vor dem Haus in der Hauptstraße 155 angebracht. Foto: Imago/Peter Homann

tipBerlin Nun will ausgerechnet die CDU-Fraktion Tempelhof-Schöneberg prüfen lassen, wie David Bowie geehrt und wie eine nach ihm benannte Straße entstehen kann. Die CDU! Das ist beachtlich und zeigt, wie sich die Zeiten ändern. Sehen Sie das auch so?

Paul Spies Ja, das ist spannend. Nur fürchte ich, dass Bowie zwar für meine Generation neu und fortschrittlich war, teilweise sogar revolutionär. Doch heute ist David Bowie in der Musikgeschichte, in der Geschichte überhaupt, eine Institution. Die CDU von heute besteht ja auch aus Menschen, die zu Bowies Berliner Ära Jugendliche waren und vielleicht auch Fans. Das ist Nostalgie und in gewisser Weise betreibt die CDU mit dem Vorstoß emotionale Geschichte. 

tipBerlin Sie sind Museumsmann und der Vergangenheit verpflichtet, aber schauen wir mal in die Zukunft, wird es eine David-Bowie-Straße oder einen Bowie-Platz in Berlin geben?

Paul Spies Ja und das ist auch gut so.


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