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Dawid Danilo Bartelt über die Fußball-WM 2014

Dawid_Bartelt_Portrait_c_Stephan_RoehlKann es etwas Passenderes geben als die Fußball-WM beim Rekordweltmeister?
„Football is coming home“ ist ein Satz der Engländer. Trotzdem beschreibt er genau das Gefühl, das man 2007 in Brasilien nach der WM-Vergabe hatte. Das Überraschende ist, dass jetzt, kurz vor WM-Beginn, diese Freude kaum bemerkbar ist. Stattdessen überwiegen bei der Bevölkerung gemischte Gefühle, wenn sie an die Weltmeisterschaft denkt.

Wer hatte sich in Brasilien für die Bewerbung eingesetzt?
Die Entscheidung, sich zu bewerben, hat die damalige brasilianische Regierung zusammen mit dem brasilianischen Fußballverband getroffen. 2007 herrschte in Brasilien allerdings auch ein völlig anderes gesellschaftliches Klima. Das Wirtschaftswachstum lag bei sechs Prozent, Luiz Inбcio Lula da Silva, der Präsident, war allseits beliebt und konnte der Bevölkerung sehr leicht glaubhaft machen, dass ein Land, das sich gerade anschickte, sich unter die großen Wirtschaftsnationen der Welt einzureihen, so ein Groß­ereignis braucht, um sich der Welt von seiner besten Seite und auch als Investitionsstandort zu zeigen.

Großereignisse wie eine Fußballweltmeisterschaft sollen die Wirtschaft ankurbeln.
Die volkswirtschaftlichen Effekte so eines Ereignisses tendieren gegen null. Die Regierung unter Dilma Rousseff sagt, dass sie mit einem Zuwachs des Bruttoinlandsproduktes durch die WM von 0,5 Prozent rechnet. Andere Experten sagen, selbst dies sei noch zu hoch gegriffen. Für den Tourismus sind die Effekte jedenfalls sehr überschaubar. Viele Touristen, die keine Fußballfans sind und sonst gekommen wären, werden in diesem Jahr wegbleiben, weil sie sich den Rummel nicht antun wollen. Gleichzeitig ist die WM in Brasilien mit Ausgaben von offiziell 8,5 Milliarden Euro die teuerste WM aller Zeiten. Und mehr als 80 Prozent der Ausgaben werden von der öffentlichen Hand bezahlt.

In brasilianischen Metropolen brauchen die Menschen wegen des Verkehrschaos für den Weg bis zu ihrer Arbeit bis zu drei Stunden Anfahrtszeit. Konnte man die Infrastruktur im Rahmen der WM verbessern?
Ein Fortschritt ist, dass Bussonderspuren gebaut werden, wodurch der Straßenverkehr entlastet wird. Die neuen Schnellstraßen, die aber hier in Rio gebaut werden, gehen an dem alltäglichen Bedarf vorbei: Sie sollen den Flughafen mit den Sportstätten, also mit dem WM-Stadion und den noch zu bauenden Sportstätten für die Olympischen Spiele in zwei Jahren verbinden. Die am dichtesten besiedelten Stadtteile, etwa der Westen von Rio de Janeiro und die Vororte in der sogenannten Baixada, sind verkehrstechnisch jedoch kaum angebunden. Da müssten U-Bahnen oder funktionierende Schnellbusspuren hin, denn von da aus pendeln jeden Tag Millionen von Menschen zur Arbeit.

Die Erhöhung der Busfahrpreise war 2013 Auslöser für riesige Demonstrationen, die sich auch gegen die WM richteten.
Ja. Es waren vor allem Studenten der alten Mittelschichten und Mitglieder der neuen Mittelschicht, die sich fragten, wieso einerseits so eine teure WM veranstaltet werden soll, die Regierung andererseits aber ihr originär zufallende Aufgaben nicht erfüllt. Vor allem im Bildungs- und Gesundheitsbereich gibt es immense Defizite. Aber man fordert auch das Recht ein, in angemessener Zeit seine Wege zur Arbeit bewältigen zu können, damit man noch Zeit für die Familie hat. Proteste entzünden sich auch an den Zwangsumsiedlungen, die vom Staat zugunsten des Stadion- oder Schnellstraßenbaus vorgenommen wurden. Rund 250?000 Menschen sollen, oft unter fragwürdigen Bedingungen, umgesiedelt worden beziehungsweise von Zwangsräumung bedroht sein.

Was haben diese Proteste bewirkt?
Die haben auf jeden Fall schon mal bewirkt, dass eine junge Generation von Menschen die Straße als öffentlichen Raum, den man mit politischer Forderung füllen kann, entdeckt hat. Denn die Regierung fürchtet diese unguten und auch für Brasilien eher untypischen Bilder von prügelnden Polizisten, Tränengasschwaden, Gummigeschossen.

Die WM als Chance, gehört zu werden?
Genau. Deswegen treten nun Polizisten in den Streik, was hochgradig effektiv ist, da die Regierung wegen der Sicherheitslage ohnehin sehr nervös ist. Aber auch Lehrer, Taxi- oder Busfahrer machen auf ihre Anliegen aufmerksam. Die Brasilianer zeigen, dass man nicht hinnehmen muss, dass Großveranstalter wie die FIFA einer Demokratie einfach ein Konzept überstülpen, das ganz tief in soziale und politische Gefüge eines Landes eingreift.

Interview: Eva Apraku

Foto: Stephan Röhl

Die WM 2014: Für wen und für was? Dossier der Heinrich Böll Stiftung zur WM unter www.boell.de/de/world-cup-fuer-wen

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