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Das Deathfestival Berlin: Über ein Tabuthema nachdenken

Vom 16. bis 18. Januar findet das Berlin Deathfestival 2026 im Holzmarkt statt, zum zweiten Mal. „Über den Tod zu sprechen heißt auch, das Leben bewusster zu leben” lautet das Motto dieses Formats zum Tabuthema Tod und Sterben. Unsere Autorin Nike Wessel hat vor einem Jahr schon die erste Ausgabe des Festivals besucht

Im offenen Sarg: Szene vom Deathfestival Berlin 2025; Foto: Swen Brandy/ CARNIVORE
Im offenen Sarg: Szene vom Deathfestival Berlin 2025; Foto: Swen Brandy/ CARNIVORE

Ich musste kräftig ziehen, um die große Brandschutztür zu öffnen, an diesem kalten Tag im Winter 2025. Gerade gingen mir noch tausend Sachen durch den Kopf. Jetzt wurde es in mir ganz ruhig. In der mehrgeschossigen, liebevoll beleuchteten Halle vor mir herrschte eine ungewöhnliche Atmosphäre von Ruhe und Gemeinschaft. Die Menschen standen in Gruppen zusammen, gingen umher oder saßen herum. Jemand legte sich, scheinbar zur Probe, gerade in einen Sarg. In der Mitte des Raums bemerkte ich einen Komposthaufen. Alles erschien mir erst irgendwie merkwürdig – und ich blieb bis zum Ende.

Von Sterbebegleitung bis zu Sexualität in Trauer

So ungern wir es hören: Wir alle müssen sterben und das Sterben naher Menschen miterleben. Wie gehen wir damit um? Auf welche Weise können wir uns darüber austauschen – auch bevor es uns unmittelbar betrifft? Dieses Thema ist in den letzten Jahren etwas enttabuisiert worden, woran der Berliner Bestatter, Buchautor, Podcaster und zuletzt sogar Protagonist eines Dokumentarfilms Eric Wrede keinen geringen Anteil hat. Doch nun gibt es die Möglichkeit, tiefer einzutauchen. Vom 16. bis 18. Januar dreht sich im Säälchen am Holzmarkt – diesem kreativen und lebensfrohen Ort – zum zweiten Mal alles um diese Frage. Die Themen reichen von praktischer Sterbebegleitung bis zu Sexualität innerhalb der Trauer – in Workshops, Gesprächen, Ritualen, Performances und Vorträgen. Ich habe mit den Beteiligten Matthias Gockel und Dennis Trendelberend gesprochen, und sie erzählten mir, worauf wir beim kommenden Deathfest gespannt sein dürfen.

Umarmung auf dem Deathfestival Berlin 2025, keiner sollte einsam sterben müssen; Foto: Swen Brandy/ CARNIVORE
Umarmung ist wichtig, keiner sollte einsam sterben; Foto: Swen Brandy/CARNIVORE

tipBerlin Was ist die Idee hinter dem Festival?

Matthias Gockel Tod und Sterben sind immer noch Tabuthemen. Viele Menschen fühlen sich einsam damit. Uns geht es darum, Menschen zusammenzubringen. Wir setzen uns offen und gemeinsam mit dem Thema auseinander. Auf unterschiedlichen Ebenen.

tipBerlin Warum braucht Berlin ein Death Festival?

Matthias Gockel Man sagt ja, dass es in Berlin schon alles gibt. Ich würde sagen: fast alles. Ein Deathfestival gab es bisher nicht. Das hat einen Grund, glaube ich: Die meisten verdrängen das Thema Tod und Sterben. Wenn es dann für einen selbst oder einen nahen Menschen an der Zeit ist, tritt oft die große Überforderung ein. Als Palliativmediziner erlebe ich das jeden Tag. Und ich frage mich immer wieder: Wie können wir gut mit unserer Sterblichkeit umgehen? Es gibt praktische Fragen, zum Beispiel im Rahmen einer Patientenverfügung. Schon da schwingen aber Fragen mit, die uns wirklich Angst machen können. Zum Beispiel: Wie möchte ich eigentlich sterben? Wer soll da sein? Wie möchte ich mein restliches Leben nutzen?

Das Deathfestival Berlin imaginiert den Tod und feiert das Leben

Dennis: Mir fällt Matthias Workshop vom letzten Deathfest ein. Als erstes hat Matthias die Leute in Gruppen eingeteilt. Und man kam darin langsam ins Gespräch miteinander. Matthias selbst hat dann quasi den Tod gespielt. Denn nach einer Weile hat er eine Zahl angesagt – in jeder Gruppe war nämlich jemand, dem er vorher diese Zahl zugewiesen hatte. Zufällig. Diese Person musste die Gruppe verlassen und sich an den Rand stellen. Nach und nach wurden die weiteren Zahlen genannt. Ich glaube, ich blieb als Zweitletzter übrig. Fast bis zum Ende jedenfalls. Natürlich war es nicht echt. Also natürlich musste niemand wirklich sterben. Doch die Gespräche und das Miteinander wurden immer intensiver und intimer. Am Ende kamen mir die Tränen.

Shakespeares Orphelia, die ins Wasser ging, wurde durch einen Song von Taylor Swift wieder zur modernen Kultfigur. Foto: Swen Brandy/ CARNIVORE
Shakespeares Ophelia, die ins Wasser ging, wurde durch einen Song von Taylor Swift wieder zur modernen Kultfigur. Foto: Swen Brandy/ CARNIVORE

tipBerlin Wird es eher gruselig oder eher sexpositiv?

Matthias Gockel Du spielst vermutlich auf Felix an. Als Choreograph bietet er seit vielen Jahren erfolgreich Events an, die sich um experimentelle Sexualität drehen. Natürlich gehen seine Impulse mit ein. Sterblichkeit ist eng verbunden mit Lust und zu ihr gehört als ein Aspekt körperliche Berührung. Auch sexuelle. Manche Presenter:innen sind außerdem im sexological Bodywork tätig. Sexualität steht aber nicht im Zentrum des Deathfestivals. Und wer überhaupt nichts damit zu tun haben möchte, wird das sicherlich auch nicht. Es gibt so viele Angebote. Jede und jeder entscheidet selbst, welche sie oder er wahrnimmt.

Dennis Trendelberend Ich muss schmunzeln beim Wort »gruselig«. Letztes Jahr gab es einen Workshop, in dem die Leute Zombies gespielt haben. Für mich selbst war es nichts. Ich habe sie aber total gerne beobachtet, wie sie untot herumgewackelt sind. Am Ende gab es eine große Zombie-Party. Ein großer Spaß.

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Der Zombie-Walk auf dem Deathfestival Berlin 2025; Foto: Swen Brandy/ CARNIVORE
Der Zombie-Walk auf dem Deathfestival Berlin 2025; Foto: Swen Brandy/ CARNIVORE

tipBerlin Wer steckt hinter dem Festival?

Matthias Gockel Es gibt einen engeren Kurationskreis mit Felix Ruckert, Peter Banki und mir. Vor allem aber gibt es 30 Presenter:innen aus ganz unterschiedlichen Bereichen. Einige kommen aus der Sterbe- und Trauerbegleitung. Andere aus dem Tanz oder der Kunst. Manche aus der Körperarbeit. Mit Peter, der ein ähnliches Festival in Sydney macht, gibt es außerdem einen philosophischen Blick auf das Ganze.

Dennis Trendelberend Es gibt eine Fülle an Expertise, glaube ich. Theoretisch wie praktisch. Ich persönlich freue mich besonders auf die Presenter:innen, die durch eine schwierige Zeit gegangen sind und jetzt einen Begegnungsraum öffnen: Eine Mutter, die ihr Kind verloren hat. Oder ein Mann, der bis zu ihrem Tod seine Frau pflegte. Ich bin gespannt darauf, mit ihnen und der Gruppe ins Gespräch zu kommen, Fragen zu stellen und Erfahrungen zu teilen.

tipBerlin Gibt es eine Trigger-Warnung?

Dennis Trendelberend Es wird intensiv. Das Einzige, was du dagegen tun kannst, ist dir ein Tagesticket zu kaufen, anstatt eines für das ganze Wochenende. (Grinst.) 

Matthias Gockel Im Ernst: Ich persönlich traue niemandem, der einen absoluten Safe Space verspricht. Du weißt nie hundertprozentig, was Erlebnisse mit dir machen und wie sie in dir weiterwirken. Eins ist aber sicher: Wir gestalten den Raum so zuverlässig wie möglich. Unter anderem hält sich ein psychotherapeutisch und medizinisch ausgebildetes Team die ganze Zeit bereit und steht dir bei Bedarf sofort zur Seite. Im letzten Jahr haben sich die Teilnehmenden außerdem viel gegenseitig unterstützt. Es gab viel Wärme.

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Beim Deathfestival Berlin ist das Publikum involviert; Foto: Swen Brandy/ CARNIVORE
Beim Deathfestival Berlin ist das Publikum oft involviert. Foto: Swen Brandy/ CARNIVORE

Braucht man Vorwissen?

Dennis Trendelberend Neugier reicht völlig.

Matthias Gockel Das Festival ist für Fachleute aus Medizin und Pflege ebenso wie für Leute, die auf andere Weise mit dem Thema zu tun haben. Auch Menschen, die bisher keine Berührungspunkte damit hatten, sind bei uns absolut richtig.

tipBerlin Was ziehe ich an? Was sollte ich mitbringen?

Dennis Trendelberend Du kommst so, wie du dich wohlfühlst. Am besten in gemütlicher Kleidung, in der du dich gut bewegen kannst. Du kannst dich vor Ort auch umziehen.

Matthias Gockel Eine Einschränkung: Im Säälchen werden keine Schuhe getragen. Bring daher vielleicht ein Paar warme Socken mit. 

Wiederauferstehung ist einfacher, wenn der Tod nur simuliert wird. Foto: Swen Brandy/ CARNIVORE
Wiederauferstehung ist einfacher, wenn der Tod nur simuliert wird. Foto: Swen Brandy/ CARNIVORE

tipBerlin Was haben die Teilnehmenden letztes Jahr gesagt?

Matthias Gockel Ein Teilnehmer sagte so etwas wie: „Als ich gestern herkam, dachte ich: Alles Verrückte. Einen Tag später ist plötzlich alles normal. Erstaunlich, was das menschliche Gehirn kann, wenn es sich traut. Und plötzlich frage ich mich, wovor ich die letzten fünfzig Jahre solche Angst hatte. Ich bin froh, dass ich mich getraut habe.“

Dennis Trendelberend Viele waren dankbar für den Austausch, den sie in dieser Form sonst nicht haben. Oft waren es die Pausen, in denen sich intensive Gespräche ergeben haben. Manche hat es auch sehr berührt, endlich Worte für etwas zu finden.

tipBerlin Habt ihr ein schönes Zitat, mit dem ihr die zu erwartende Stimmung beschreiben könnt?

Matthias Gockel „Über den Tod zu sprechen heißt auch, das Leben bewusster zu leben.”

Dennis Trendelberend Mir fällt ein Rilke-Gedicht ein: „Der Tod ist groß. Wir sind die Seinen lachenden Munds. Wenn wir uns mitten im Leben meinen, wagt er zu weinen mitten in uns.“ Heißt: Der Tod dichtet eh immer mit. Ob es uns lieb ist oder nicht. Er macht das Leben zu dem, was es ist.

  • Deathfestival Berlin 16.–18.1.2026, Säälchen im Holzmarkt, Holzmarktstr. 25, Friedrichshain, Tagesticket für Freitag, Samstag oder Sonntag: jeweils 120 €, 3-Tage-Ticket 300/250 €, Website

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