Stadtleben

Demokraten

Für das Ergebnis braucht man keine Abstimmung: Besonders viele Demokraten gibt es in Berlin nicht. Im Gegenteil: Hier bekommt man alles vorgesetzt und muss es schlucken. Es gibt Clubs, die kein Bier ausschenken, sondern nur selbstgemachte Limonade, Gin Fizz mit Basilikum in Halbliterflaschen oder Wodkaflaschen für 40 Euro. Wer Bier oder ein Glas Wein will, kann ja gehen. Das letzte Mal, als ich da war, war der Laden voll. Danach bin ich in ein Restaurant am Kollwitzplatz und habe einen Wein zurückgegeben, der schmeckte, als hätte man Terpentin zugefügt. Der Kellner kam zurück und sagte, dass der Wein dem Koch hervorragend schmecke. Trink oder stirb.

Mitten in der Stadt wird demnächst das Hohenzollernschloss wie­­der aufgebaut, auf einem Platz, den sich eine Mehrheit als Park oder Grünfläche wünscht. Oder als Heimstatt einer Kunsthalle, die nun provisorisch dort steht, bis der Platz für viele Jahre in eine gigantische Baugrube verwandelt wird, die das Leben Unter den Linden zur Hölle macht. Die Kunsthalle ist übrigens sehr beliebt, aber es ist egal, was die Menschen hier wollen. Das Schloss wird gebaut, weil sich ein umtriebiger Baumarkt­besitzer aus Schleswig-Holstein und ein paar Revanchisten ihren Traum verwirkli­chen. Es wird auch niemand gefragt, ob man am Alex eine Art Riesenterrakottaofen haben möchte, der doch nur eine weitere Shopping Mall beheimatet. In Berlin gilt: „Take it or leave it.“Kunsthalle auf dem Schlossplatz

Wenn es mal Volksentscheide gibt, dann haben die hier allenfalls beratende Wirkung – nichts ist verbindlich. Man lässt über die Zukunft von Tempelhof abstimmen, aber halten muss sich an das Ergebnis niemand. Viel undemokratischer geht’s nicht. Der Terror fängt hier schon in der Schule an. Zuerst wird man gezwungen, seine Kinder schon mit fünf Jahren in die Schule zu schi­cken – egal, ob die Eltern das wollen. Dann tritt diesen Kindern im ersten Jahr eine Lehrerin entgegen, die aus einem Dokumentarfilm von Ulrike Meinhof über grausame Kinderheime entsprungen sein könnte: „Regel Numma eins: Wenn ick rede, habt ihr Sendepause!“ So hat es mir mein Sohn erzählt, und im Gegenteil zu solchen Lehrern höre ich zu.

Mitsprache gibt es hier nicht mal bei Modetrends. Die werden geradezu diktatorisch verordnet: Der Erlass, nach dem im Stadtteil Mitte große Brillen, Palästinensertücher, schlabbrige American-Apparel-Ober­teile zu grauen Röhrenjeans und Chucks getragen werden müssen, wurde von der Geschmackspolizei subtil durchgedrückt. Keiner hat gemuckt.

Foto: Harry Schnitger

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