Stadtleben

Demonstrationen

Neulich sah ich eine Todesanzeige an einem Laternen­masten kleben und dachte zunächst, dass wieder mal ein armer Radfahrer von einem Lkw ohne vernünftigen Rück­spiegel überfahren wurde – aber die Anzeige war keinem Menschen gewidmet, sondern einem Artikel aus dem Grundgesetz. Welchem, weiß ich nicht mehr, es ist aber auch nicht so wichtig, weil im Grunde genommen alle Grundgesetzartikel schon einmal symbolisch zu Grabe getragen wurden. Die Todesanzeige gehört zur Standardausstattung der sehr ausgeprägten Berliner Protestkultur. Sehr beliebt ist auch der Sarg, in dem wahlweise das Schulsystem, die Bildung an den Universitäten, die Gesundheitsreform oder eben ein Artikel aus dem Grundgesetz beigesetzt werden. Wobei es die heutigen Demonstranten im Gegensatz zu Fritz Teufel und Rainer Langhans ein wenig an Einsatz fehlen lassen – die Kommunarden lagen immerhin noch selbst in der Kiste und schossen mit Wasserpistolen auf Polizisten.

Seit 68 hat sich in der Stadt auch eine schöne Neigung zum Exhibitionismus halten können. Nicht nur bei der Vereidigung der Bundeswehrsoldaten im Bendlerblock gibt es Flitzer, auch sonst lassen Berliner Demonstranten gern die Hüllen falle, um zu zeigen, dass man nichts in der Tasche hat, respektive einen der Staat/das System am Arsch lecken kann. Was natürlich oft eine vernünftige Haltung ist, zudem sehen nackte Demonstranten auch immer viel gewaltloser aus als ihre Kombattanten in Cargohosen und Kapuzenshirts.
Rein rhetorisch ist die Demonstrationskultur allerdings nicht wirklich weitergekommen über die letzten Jahrzehnte: „Deutsche Polizisten – Mörder und Faschisten“, „BRD – Bullen­staat“, „Wir wollen keine – Bullenschweine“ – solche Sprüche sind leider nur die mühsam als politische Meinungsäußerung verkleidete Entsprechung zum dümmlichen „Ha-Ho-He – Hertha-BeEsCe“ im Stadion. Wobei man ja die Wut auf die Polizei schon verstehen kann, schließlich gab es mit Benno Ohnesorg und Klaus-Jürgen Rattay, der im Verlauf einer Hausbesetzerdemo von Polizisten vor einen BVG-Bus getrieben wurde und in dessen Radkasten starb, schon frühzeitig zwei prominente Opfer beherzter Polizeitaktik. Und die ARD veröffentlichte schon in den 70er Jahren geheime Mitschnitte aus einer Polizeiwanne, in der sich die Beamten aufs Ketchup-Machen freuten.

Dass die Berliner Demonstranten noch lernen können, sah man unlängst auf der Anti-AKW-Demo, wo die Besucher aus Gorleben und Umgebung die Berliner Sehenswürdigkeiten fantasievoll in ihren Protest einbezogen. Die Panzer des sowjetischen Ehrenmals etwa wurden bestiegen, die Kanonenrohre mit Fahnen geschmückt. Ein ganz Verwegener kletterte sogar hinauf zum sowjetischen Soldaten und steckte ihm eine Flagge des freien Wendlands in die bronzene Hand. Da plötzlich aber gab es ein lautes Getrappel,  und 20 kampferprobte Polizisten trabten zum Ort des Geschehens, um den Mann wegen unerlaubten Fahnehissens und Besteigens eines sowjetischen Ehrenmals zu stellen. Die Drumherumstehenden, darunter auch Kinder, wurden dabei mit einer auf einen Stab gepflanzten Videokamera gefilmt, auf dass man ihre Gesichter später mit den Bildern aus der biometrischen Datenbank wird abgleichen können.
Wenn mich nicht alles irrt, wurde in dem Augenblick Artikel 2 des Grundgesetzes zu Grabe getragen.

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