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Der beispiellose Verfall eines Wohn-Komplexes – Teil 2

memiNur wenige Meter über den beiden Reinigungsleuten läuft Heiner Grebe* über die abgewetzten Holzdielen seiner Einzimmer-Wohnung auf und ab. Er ist ein sehr dünner Mann, in seinen 50ern. Mit seinem karierten Jackett könnte er auch ein Universitäts-Professor sein. „Vor der Wende haben in diesem Haus nur Diplomaten, Politiker und Journalisten gewohnt“, sagt er und lässt dabei seine Lesebrille am Bügel zwischen Daumen und Zeigefinger kreisen. Seine Wohnung wirkt wie ein Sammel­surium an Erinnerungen an vergangene Tage. An den Wänden hängen Bilder von Che Guevara, von lachenden Kindern und von ihm selbst, als er noch wesentlich jünger, kräftiger, glücklicher aussah. Das war, bevor ihn sein Herz krank gemacht hat. „Ich bin Ossi und in 20 Jahren wollte ich 40 nachholen – das hat einfach nicht geklappt“, sagt er und verfällt dabei in ein rasselndes Lachen, das seine Augen zu Schlitzen werden lässt.

Grebe war in der DDR Jurist und hat sich nach der Wende auf jüdische Erbenfragen spezialisiert. Bücher geschrieben hat er auch. „Hier, solche Briefe hab ich damals zum Dank bekommen“, sagt er und zieht mit zitternden Fingern einen Brief in einer Schutzhülle hervor. „Ignatz Bubis“ steht darunter, der Name des 1999 verstorbenen ehemaligen Vorsitzenden des Zentralrats der Juden in Deutschland. „Zu DDR-Zeiten hätte ich hier nie wohnen können, das war einer der Gründe, warum ich vor sechs Jahren hergezogen bin“, sagt Grebe. „Und jetzt nimmt die WBM am liebsten die ganzen Hartz IV-Empfänger – denen wird wenigstens die Miete vom Amt gezahlt. Somit haben sie hier auch keine Mietschuldner.“

Grebe setzt sich auf den Drehstuhl vor seinem klapprigen Computer, der auf einem Holztisch neben der Fensterfront steht. „Was mir hier alles schon passiert ist …“, sagt er. „Hier hab ich alles aufgeschrieben.“ Mit einem Klick seiner überdimensionierten Maus chinesischen Fabrikats öffnet er eine Datei namens „Berlin Alexanderplatz“  – in Anlehnung an Döblins Roman. Es war einer seiner ersten Abende in diesem Haus, als Grebe gegen zehn Uhr abends auf den Hausflur trat. Ein blutüberströmter Mann lag dort, nur in Unterhosen. „Die Wunden waren ziemlich tief, wie von einem Messer, deshalb bin ich direkt runter und hab Krankenwagen und Polizei gerufen.“ Wenige Minuten später war das SEK da. „Die Männer in Schwarz“, wie er sagt, „haben nicht lange gefackelt und gleich die Tür meines Nachbarn aufgebrochen und den, nackt wie er war, rausgezerrt. Die Polizistin war dick wie ein Walross und saß plötzlich rücklings auf meinem nackten
Nachbarn, um ihm die Handschellen anzulegen. Einen Tag später war der wieder raus!“ 

Grebe musste im Prozess gegen den Nachbarn aussagen, der am Ende mit drei Jahren auf Bewährung davon kam und ihm seitdem das Leben zur Qual machte: „Der hat mich terrorisiert und wöchentlich die Tür von außen mit Sekundenkleber verschlossen. Ich hatte schon Wetten mit den Schlüsseldiensten abgeschlossen, welcher diesmal schneller war.“

Nur eine Straße weiter sitzt Steffi Pianka im siebten Stock des WBM-Gebäudes, die Sprecherin der Wohnungsbaugesellschaft. In ihrem Büro gibt es viele Gemälde und noch mehr Unterlagen in Ordnern. „Die WBM hat mit der Memhardstraße tatsächlich eine Zeit lang abgewartet, weil es die Pläne für den Alex gab“, sagt sie. „Heute aber ist das überhaupt kein Thema mehr, das Ding ist gegessen. Jedenfalls wird die WBM jetzt eine Veränderung im Haus forcieren!“ Ständig werde etwas instandgesetzt, eine Renovierung des Hauses sei auch geplant. Einen Termin gäbe es dafür allerdings noch nicht. „Viele der Bewohner wollen aber gar keine Veränderung in Form einer Renovierung, weil das höhere Mieten bedeuten würde“, sagt Steffi Pianka. „Das eigentliche Problem ist, dass die Kriminellen ein paar Kooperationspartner unter den Mietern haben – wenn wir das rauskriegen, dann gehen wir direkt auf die zu!“

memiDann greift sie nach einem fingerdicken Ordner. „Es gibt aber noch das ‚Sozialprojekt-Memi‘, sagt sie und deutet mit dem Zeigefinger auf den Ordner. Einige der Blätter darin sind Farbfotos im Querformat. Man sieht darauf neongrüne und –pinke Absperrbänder mit der Aufschrift „Memi“. Ziel des Projekts ist es, einen Zusammenhalt der Mieter über Spaß- und Kunstaktionen zu erzeugen. „Die Aktion ist gut, trifft aber nicht ganz den Kern“, sagt sie dann etwas ratlos.

Das Bistro Alex im Erdgeschoss der Memhardstraße 2 ist ein Anlaufpunkt
für viele Hausbewohner. An einem wackeligen Plastik-Stehtisch davor steht ein Grüppchen Mieter aus den Blocks und trinkt dort Bier aus braunen Halbliterflaschen. „Die WBM kümmert sich um nix!“, schimpft der Größte von ihnen. Über seinen weißen Pullover trägt er lässig-schräg eine Gürteltasche geschnallt. Seine auffallend blauen Augen haben mit den geweiteten Pupillen etwas Durchdringendes. „Ne Schweinemiete zahlen wir hier – 619 Ђ für vier Zimmer.“ – „Und rinregnen tut dit ooch noch“, fällt ihm der Mann neben ihm ins Wort. Der ist vielleicht Anfang 30, mit runden, grauen Ringen in den Ohrläppchen und einem selbstbewussten, verschmitzten Ausdruck im Gesicht. Er trägt eine College-Jacke. „Dass es draußen so runterjerottet is – das war ja schon immer so“, erzählt er, „aber das mit den Junkies, das ist erst seit anderthalb Jahren so.“ Der Mann deutet mit einer spitzen Kinnbewegung in Richtung eines schmächtigen, ordentlich gekleideten Kerls, der gerade in Begleitung eines anderen in Richtung Bistro läuft. „Da kommt ja schon einer.“

Als der kleinere der beiden Neuankömmlinge die Eingangstür aufschließt, unterhalten sich die  beiden kaum hörbar. Am Bistrotisch wird es still. Erst, als die Kerle im Hausflur verschwinden, sagt der Große mit der Gürteltasche: „Der Kleenste verkooft dit Zeug. Der hat schon ne Ansage von der WBM gekricht. Die Wohnung wollen sie jetzt räumen, aber dit janze Haus is doch verseucht! Der einzige von uns, der überhaupt noch Treppen läuft, ist er hier“, sagt er und deutet auf seinen Hausnachbarn mit der College-Jacke. „Ick tret die ja von den Treppen runter“, antwortet der, ohne zu zögern. „Die tun ja nix und dass die mich mit den Spritzen stechen – da hab ick keene Angst vor, die brauchen das Zeug ja selber“, sagt er. „Wir bleiben hier, weil es eben wahnsinnig schwer ist, was Vergleichbares in der Lage zu finden zu dem Geld.“

„Schuhe aus“, lautet die erste Anweisung von Dita Beckerodt* an die Besucher, die die Schwelle zu ihrer Wohnung übertreten. Hinter der Eingangstür zu ihrem Appartement eröffnet sich ein gutbürgerlicher Traum einer Stadtwohnung, der im Kontext dieses Hauses fast schon grotesk wirkt. Weißer, makelloser Teppich ist in der gesamten Wohnung verlegt, während Gemälde in freundlich-schillernden Farben an den
Wänden hängen. „Die meisten Leute, die hier wohnen, sind völlig in Ordnung, es gibt genug Wohnungen wie meine hier“, sagt sie und lässt dabei ihren Blick aus dem Fenster schweifen, hinweg, über die Dächer der Stadt.

Beckerodt ist eine resolute Frau und wohnte auch schon zu DDR-Zeiten hier. „Viele meiner Freunde haben Angst, mich hier zu besuchen. Das Haus ist schon abschreckend und es muss auch was passieren“, sagt sie. „In der DDR war das anders – die Gegend hier hieß damals ‚Neu Deli‘, das kommt von: ’neue Delikat-Läden‘, die es hier früher gab.“ Das waren Läden, in denen DDR-Bürger zu gehobenen Preisen hochwertigere Lebensmittel kaufen konnten. „Nach der Wende waren hier dann auf einmal Schnorrer und Kriminelle auf dem Vorplatz“, sagt sie. „Egal was entschieden wird: Das Wohnen hier muss menschenwürdig sein, dafür muss der Senat sorgen. Und das wäre gar nicht mal so teuer, man müsste zum Beispiel nur die fünf Treppenhäuser, die alle drei Blocks miteinander verbinden, mit Trennwänden unterbrechen.“

Viele ihrer Freunde würden sie fragen, wann sie endlich hier ausziehen würde, erzählt Dita Beckerodt, eine gläubige Frau. Dabei scheint sie mit dem Blick an der blütenweißen Tapete Halt zu suchen. „Aber wenn ich weg bin, wer betet dann noch für dieses Haus?“  

* Namen von der Redaktion geändert

Text: Lucas Negroni

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