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Der beispiellose Verfall eines Wohn-Komplexes

memiHinterher wird Renй* sagen: „Das ist das Schlimmste, was ich in meinem Job bisher gesehen habe.“ Da steht er wieder draußen, ein junger Kerl mit struppigem Fünftagebart und kurzgeschorenen Haaren, und blickt stirnrunzelnd an der braun-grauen Fassade des klotzigen Wohnblocks empor, eines von dreien in der Memhardstraße. Der Alexanderplatz ist nur wenige Schritte entfernt. Es ist Renйs erster Tag als Reinigungskraft vor Ort. Wenn es nach ihm geht, auch sein letzter: „Hier will ich niemals wieder arbeiten.“

Renй ist ein „Springer“, also flexibel einsetzbar. An diesem Frühlingsdienstag hilft er Miro*, einem erfahrenen Mitt-50er, auf dessen Schicht. Beide tragen typische Arbeitskluft: Blaumänner und knallgelbe Plastikhandschuhe. Das ist auch nötig. Denn in der „Memi“, wie sie hier den tristen Komplex nennen, hat sich seit anderthalb Jahren eine offene Drogenszene eta­bliert. Ein Komplex, der einem in einer derart zentralen Lage womöglich beispiellosen Verfall ausgesetzt ist. Es scheint, als würden ihm die Junkies und Dealer den Rest geben. „Wir gehen hier nie alleine rein, immer zu zweit“, sagt Miro. „Am schlimmsten ist es im zehnten Stock. Da müssen wir jetzt hin.“ Mit einem Ruck setzt sich der Fahrstuhl in Gang. Nur an manchen Stellen erkennt man noch ein Stück des blanken Metalls, aus dem der Käfig des Fahrstuhls gebaut ist, der Rest ist von einer dicken Marker- und Schmutzschicht überzogen. Auf dem Boden liegen kleine Fetzen Cellophan-Papier, die übliche Verpackung für Heroin-Kügelchen. Die Drogenszene hinterlässt überall Spuren.

Oben, im zehnten Stock, öffnet Miro eine verglaste Tür zum Treppenhaus. Ein beißender Geruch von Kot und Urin weht heraus. „Heute haben wir einen gefunden, der hat hier drin geschlafen“, sagt er kopfschüttelnd. „Vorsicht, da hat einer hingepisst!“ Er deutet auf eine Urinlache, die den gesamten Zwischenstock einnimmt. Der Boden ist übersät mit kreisrunden, untertassenförmigen Brandflecken: vom Aufkochen von Heroin.

„Hier am Fenster“, erklärt Miro seinem jungen Kollegen, „da setzen sie sich immer die Spritzen. Meistens liegen die Nadeln dann hier auf der Fensterbank.“ Wände und Fenster sind übersät von braunen, unterarm-langen Spritzern getrockneten Bluts.
Miro stellt sich mit dem Rücken zur Wand, den Blick aus dem verschmierten Fenster gerichtet: „So stehen die da.“ Er streckt seinen linken Arm aus und formt aus Zeige-, Mittelfinger und Daumen seiner rechten Hand eine Bewegung, so als würde er sich eine Spritze in die Armbeuge setzen. Dann macht er „pfft“, dazu eine fahrige Handbewegung, so als würde er den Spritzeninhalt gegen die Wand entleeren. Renи starrt ihn mit großen Augen an.

memiIm nächsten Hausflur wölben sich Stücke des Linoleum-Bodens in dicken Quaddeln. Der Kleber ist von den Temperaturschwankungen über die Jahrzehnte hinweg kraftlos geworden, besonders an den Stellen, die dem Sonnenlicht ausgesetzt sind. Es wirkt, als gärte es unter dem Fußboden. In einer Tür hat jemand auf Kniehöhe ein fußballgroßes Loch eingetreten. Davor ist eine getrocknete Lache einer undefinierbaren, farblosen Flüssigkeit. Darin einige Blutspritzer.

Fast 30 Jahre schon stehen die drei klotzigen Wohnblocks. Nach der Wende hat die senatseigene Wohnungsbaugesellschaft Mitte (WBM) ihre Verwaltung übernommen. Aber eigentlich sollte an dieser Stelle schon längst etwas ganz anderes stehen. Das hat mit großen Plänen für den Alexanderplatz zu tun, damals in den frühen 90er-Jahren. Pläne, in denen diese drei Blocks, wenn nicht alles täuscht, keinen Platz mehr hatten. Sie sind aber immer noch da.

Die beiden Männer im Blaumann sind mittlerweile einer Kammer für Reinigungs­utensilien angekommen. Dort greift Miro nach einem der quadratischen Plastik-Kanister, die dort an der Wand aufeinander gestapelt sind. „Das hier ist für die Spritzen“, sagt er. „Heute haben wir nur eine gefunden, aber da hinten ist ein Versteck“, sagt er, stellt den Kanister wieder zurück und geht ein paar Schritte in Richtung einer türlosen Abstellkammer. Dort, von außen schwer einzusehen, ragt ein brecheisenförmiges Plastikrohr aus dem Boden. „Hier verstecken sie auch fast immer was“, sagt Miro und zieht die Kappe des Rohres ab. „Heute nicht.“

Über einen sauber gekehrten Vorraum erreichen die beiden die Haupteingangstür. Im Gegensatz zum Rest des Hauses brennt hier blaues Neonlicht – eine Vorkehrung, damit Junkies ihre Venen nicht finden. „Ich weiß auch nicht, wie die hier rein kommen“, sagt Renй und lässt die Tür hinter sich krachend ins Schloss fallen. „Die klingeln hier einfach, haben ja Freunde hier im Haus“, sagt Miro mit einer abwinkenden Handbewegung. „Zwei Monate mache ich diese Arbeit hier schon. Einen Monat noch, dann hab ich genug – eine falsche Bewegung reicht, und du holst dir hier irgendeine Krankheit“, sagt er. „Aber – irgendjemand muss das ja machen.“

1994 hatte die Stadt Berlin begonnen, den Alexanderplatz und die umliegenden Straßen von Grund auf neu zu gestalten. Den Planungswettbewerb gewann damals ein Entwurf von Hans Kollhoff und Helga Timmermann. 13 Wolkenkratzer mit einer Höhe von bis zu 150 Metern sollten rund um den Platz entstehen – ein allzu enthusiastisches Projekt, das von der Aufbruchstimmung kurz nach der Wende geprägt war. In den städtebaulichen Verträgen von 1999 verpflichtete sich das Land Berlin dann, zusammen mit privaten Investoren, eine abgespeckte Version dieses Ur-Plans Stück für Stück umzusetzen – bis zum Jahre 2013. Dann aber habe es einen „finanziellen Einbruch bei den Investoren“ gegeben, wie Mathias Gille, Sprecher der Berliner Senatsverwaltung für Stadtentwicklung, sagt. „Wir gehen aber davon aus, dass dieses Projekt irgendwann wieder interessant wird.“

* Namen von der Redaktion geändert

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