Stadtleben

Der Berliner Slutwalk

Anton-BielousovWow, irgendein Polizeipräsident aus Kanada hat es geschafft, dass sich Feministinnen auf der ganzen Welt kurze Röcke, High Heels und Netzstrumpfhosen anziehen, sich mit Filzstift „Slut“ ins Dekolletй schreiben und so in Massen durch die Großstädte marschieren. Passenderweise heißt das Ganze dann auch Slutwalk (dt. Schlampenspaziergang). Auch in Berlin und anderen deutschen Städten soll es im August einen solchen Slutwalk geben. Und wie hat das dieser Typ gemacht? Er hat gesagt, dass Frauen sexuelle Belästigung vermeiden könnten, wenn sie sich nicht wie Schlampen kleiden würden. Dieser Kommentar ist daneben und über alle Maßen respektlos. Ein Polizeipräsident, der so daherredet, sollte sofort seines Amtes enthoben werden. Mittlerweile sollte jeder wissen, dass der Kleidungsstil weder Vergewaltigungen provoziert noch verhindert. Und es dürfte sich auch herumgesprochen haben, dass sich die meisten Männer, zumindest in den Ländern, in denen gerade so heftig protestiert wird, also in England, Schottland, Australien, den USA und Deutschland, so weit im Griff haben, dass sie leicht bekleidete Frauen nicht automatisch sexuell belästigen.

Warum wegen der Dummheit eines einzigen Polizisten Feministinnen oder Postfeministinnen – vor allem sind es weiße Frauen der bürgerlichen Mittelschicht – Feindbilder aus den 70ern auspacken, ist merkwürdig. Dass sie mit diesen alten Bildern – Mann böse und schwanzgesteuert, Frau schwach und Opfer – auch noch halbnackt demonstrieren gehen, ist irgendwie lächerlich und damit ärgerlich. Waren wir nicht schon mal weiter mit dem Feminismus? Den Berliner Slutwalk-Organisatorinnen um die Grether-Zwillinge Sandra und Kerstin ist das egal. Sie begreifen sich als Avantgarde eines neuen Feminismus. Aus ihren peinlichen Slogans im Gendersprech ein auch nur ansatzweise sinnvolles Ziel herauszulesen, ist echt schwierig. Zumindest eins ist klar: Eine Selbsterfahrungsgruppe für Vergewaltigungsopfer seien sie nicht, sagen sie in einem Interview. Stattdessen, so die beiden, benutze die Slutwalk-Bewegung die ironische Überaffirmation einer Männerfantasie als Mittel, um den alltäglichen Pornobildern einen anderen Text entgegenzusetzen. Bitte? Das Motto dieser obskuren Überaffirmation „Lass uns Märchenwesen sein!“ hilft auch nicht wirklich weiter. Aber egal, Hauptsache Party und zwar richtig, so viel verraten die Grether-Schwestern schon mal vorab. Berlin hatte schließlich eine Loveparade, hat immer noch eine Fuckparade, da kommt ein Slutwalk wie gerufen. Dass Vergewaltigungsopfer als Deko für eine Party benutzt werden, ist mehr als traurig. Ganz besonders, weil die Slutwalks als neuer Feminismus verstanden werden sollen.

Text: Katharina Wagner

Foto: Anton Bielousov

Slutwalk Warm-Up-Party, NBI, Do 11.8., ab 21 Uhr; Demo ab Wittenbergplatz, Sa 13.8., 15 Uhr, www.slutwalkberlin.de

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