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Der Berliner Vattenfall-Chef Rainer Knauber im Gespräch

Knaubertip: Unabhängig vom Gesetzgebungsverfahren und
Klimaschutzvereinbarungen mit dem Senat hat Vattenfall sich eigene Ziele gesetzt und im vergangenen Jahr erklärt, den Kohlendioxid-Ausstoß in Berlin bis 2020 zu halbieren.

Knauber: Ja, das ist unser Ziel. Und das ist sehr ehrgeizig. Der Senat hat einen Reduktionsplan von 40 Prozent bis 2020, von 1990 an gerechnet. Wir legen was drauf, wir schaffen 50 Prozent. Das heißt real: von 13,3 Millionen Tonnen CO2 im Jahr 1990 runter auf 6,4 Millionen im Jahr 2020. In dieser Größenordnung macht das sonst niemand.

tip: Wie wollen Sie das schaffen?

Knauber: Durch ein ganzes Maßnahmenbündel. Zum Beispiel ersetzen wir bestehende Kraftwerksanlagen sukzessive durch neue und gehen systematisch in CO2-arme und CO2-neutrale Bereiche hinein. Das heißt, durch Gas- und Dampfkraftwerke und durch Biomasse-Kraftwerke. Das heißt auch: Wir bauen kein neues Kohlekraftwerk in Berlin. Das haben wir ja schon vor einem Jahr bekannt gegeben.

tip: Es ist ja nicht so, dass Sie ganz freiwillig auf das neue
Steinkohlekraftwerk verzichtet hätten. Die Proteste dagegen waren massiv.

Knauber: Widerspruch kann zum Nachdenken anregen. Aber die
Klimaschutzvereinbarung, die wir danach vorgestellt haben, beinhaltet ja wesentlich mehr als das Versprechen, kein Kohlekraftwerk zu bauen. Klar ist doch auch, dass eine verlässliche und zukunftsfähige Energieversorgung nur auf der Basis eines breiten politischen und gesellschaftlichen Konsens funktionieren kann. Den bietet die
Klimaschutzvereinbarung.

tip: Nun sollen zwei Biomasse-Kraftwerke das alte Kohlekraftwerk
Klingenberg ersetzen. Dafür wollen Sie offensichtlich auch abgestorbene Kautschukbäume aus Liberia herbeischiffen und verfeuern. Die reichen aber kaum ewig. Wo wollen Sie ausreichend Biomasse für die nächsten, sagen wir, 50 Jahre herbekommen?

Knauber: Ich weiß nicht, ob Sie wissen, wo Ihre Abonnenten der nächsten 50 Jahre herkommen werden, aber daran arbeiten Sie natürlich. Es ist doch so: Bisher haben wir unsere Brennstoffe auf dem Weltmarkt besorgt und das war’s. Beim Thema Biomasse müssen wir uns als Versorgungsunternehmen mit völlig neuen Fragen beschäftigen: Wie wird die Biomasse erzeugt, wie wird sie geerntet, wie transportiert? In welchem gesellschaftlichen Kontext findet die Erzeugung statt? Wird damit Lebensmittelproduktion verdrängt? Ist der Transport des Brennstoffes vom Gesamtgefüge her vertretbar? Das sind Fragen, die wir in jeder Diskussion beantworten werden.

tip: Da drängt sich die Frage auf, was aus Afrika eingeschiffte Tropenhölzer mit Nachhaltigkeit zu tun haben.

Knauber: Nachhaltig ist, wenn unproduktiv gewordene Kautschukbäume nicht in Liberia brandgerodet werden, sondern hier bei uns zur Wärme­erzeugung dienen. Wir stellen uns deshalb gerne der Diskussion zu unserer Kooperation in Liberia. Wir kaufen die Bäume, stellen den Farmern neue Setzlinge zur Verfügung und bieten ihnen
langjährige Kooperation an. Ein Modell, das sie auf diesem Kontinent lange suchen können. Die Kautschukfarmer bekommen erstmals seit Jahren eine wirtschaftliche Perspektive, und wir beziehen Holz, das auch anspruchsvollen Nachhaltigkeitskriterien entspricht.

tip: Sie wollen uns doch nicht erzählen, dass der Bezug von Biomasse aus Afrika die Krone der Nachhaltigkeit darstellt.

Knauber: Grundsätzlich haben wir natürlich ein Interesse daran,
sie so standortnah wie möglich zu beschaffen. Aber unser Bedarf steigt von heute 30?000 auf etwas über 1,3 Millionen Tonnen im Jahr 2020. Wenn Sie mich zum jetzigen Stand fragen, dann wird zu 100 Prozent Wald und Restholz aus Berlin und Umgebung verfeuert.

tip: Wir fragen aber nicht nur nach dem Stand von heute.

Knauber: Die besagte Steigerung des Volumens werden wir zunächst
aus der Stadt und dem Umland beschaffen können. Der Schwerpunkt der Biomasse soll aus der Region stammen. Das ist unser Ziel. In Kooperation mit der Landwirtschaft werden wir über die nächsten Jahrzehnte schnell wachsende Gehölze in sogenannten
Kurzumtriebsplantagen anbauen. Wir werden aber auch auf den Weltmarkt zurückgreifen. Da gibt es Potenziale unter anderem in Nordamerika, in Südamerika und eben in Afrika.

tip: Alles schön und gut. Kritiker werfen aber Vattenfall bei
seiner Klimaschutzverpflichtung für Berlin eine Insellösung vor. In Branden­burg verfeuern Sie weiter die Braunkohle.

Knauber: Wir sind schon jetzt ein Unternehmen, das bereits heute einen hohen Anteil an erneuerbaren Energien hat, der ständig steigt.

tip: Reden wir von Europa oder Deutschland?

Knauber: Wir sind ein europäischer Konzern. Da haben Sie
natürlich auch einen Stromerzeugungsmix, der eine hohe Bandbreite hat.
Da ist Wasserkraft drin, natürlich auch Kohle. Im Bereich Offshore-Windenergie sind wir fast völlig unbemerkt weltweit einer der Marktführer geworden. Unser globaler Marktanteil liegt hier bei 30 Prozent. Gerade erst haben wir in England den größten Windpark Europas in Betrieb genommen. Und erst vor wenigen Tagen wurde die Entscheidung
getroffen, vor Sylt für über eine Milliarde Euro gemeinsam mit den Stadtwerken München den nächsten deutschen Windpark auf dem Meer zu bauen. In diesem wachsenden Markt treten wir mit dem Anspruch an, ein wichtiger Player zu werden. Sie sehen also, dass unsere Schwerpunkte für die Zukunft klar im Bereich CO2-armer und CO2-neutraler Erzeugung liegen.

tip: Trotzdem: In Brandenburg steht nach wie vor die Kohle im
Mittelpunkt. Da setzen Sie auf das sogenannte CCS-Verfahren. Das steht für „Carbon Capture and Storage“. Dabei wird das Kohlendioxid nicht in
die Luft geblasen, sondern verflüssigt unter die Erde gebracht. Einige Forschungseinrichtungen behaupten aber, Sie wären damit technologisch auf dem Holzweg.

Knauber: Wenn die Internationale Energieagentur oder auch das
Ökoinstitut Freiburg in seinem neuesten Gutachten im Auftrag des World Wildlife Fund sagen, dass ohne CCS die weltweiten Klimaschutzziele nicht mehr erreicht werden können und im Grunde in allen wichtigen europäischen Industrieländern an dem Thema intensiv geforscht wird –, dann, glaube ich, gibt es ein paar Gründe, sich mit dem Thema CCS zu
befassen. Deshalb fördert die EU-Kommission unser Projekt mit 180 Millionen Euro. Und das wird im Übrigen dann auch ein Exportschlager sein können. China oder Indien werden im 21. Jahrhundert massiv auf ihre Kohlevorräte zurückgreifen. Die zentrale Frage ist: mit oder ohne CCS?

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