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Der Berliner Vattenfall-Chef Rainer Knauber im Gespräch

Knaubertip: Aber Sie sind noch in der Experimentierphase, oder?

Knauber: Die haben wir hinter uns, wir sind heute Technologieführer bei CCS und Kohle. Wir haben jetzt über 9?000 Betriebsstunden bei dem Versuchskraftwerk in der Lausitz in Schwarze Pumpe, Spremberg, hinter uns. Ein wichtiger Kritikpunkt war immer: Ihr verliert dort sehr viel Wirkungsgrad, ihr müsst viel mehr Kohle einsetzen. Hier haben wir einen Riesenschritt gemacht. Das geplante
Demo-Kraftwerk wird auch in dieser Hinsicht Weltspitze sein.

tip: Größere Sorgen machen sich Kritiker um die Einlagerung des
CO2 unter der Erde. Kritiker sprechen von einer „Zeitbombe“. Die wurde in Schwarze Pumpe noch gar nicht getestet.  

Knauber: Weltweit gibt es damit bereits seit Jahrzehnten eine
geübte Praxis. In Ketzin betreibt man bereits seit Jahren einen Demonstrations­speicher, wo das auch vorexerziert worden ist. Das ist ein Forschungsprojekt des GeoForschungsZentrums Potsdam. In Schwarze Pumpe haben wir zunächst mal einen anderen Schwerpunkt gesetzt – Optimierung des Kraftwerksprozesses. Wir wollen jetzt einen
potenziellen Speicher in Brandenburg geologisch untersuchen, ob er geeignet ist, das CO2 hier zu lagern: in der Nähe von Frankfurt/Oder, rund um Beeskow.

tip: Eine Bürgerinitiative in Beeskow wehrt sich heftig dagegen.

Knauber: Das ist ihr Job. Wir wollen lediglich untersuchen, ob es geologisch möglich ist. Falls nicht, wird nicht gespeichert.

tip: Auch die drei Lausitz-Dörfer, die neuen Kohletagebauen
weichen sollen, haben wenig von Ihren Berliner Klimazielen. Also nochmal zur „Insellösung“: Berlin alles schick – Brandenburg alles Kohle?

Knauber: Dann gehen Sie weiter nach Thüringen, da sehen Sie
gigantische Wasserkraftwerke. Wir haben das größte Pumpspeicherwerk in Europa vor sieben Jahren dort in Betrieb genommen. Andernorts werden Sie Vattenfall-Gezeitenkraftwerke, große Windparks und Wasserstoffprojekte finden. Deshalb kann man nicht von einer „Insel­lösung“ auf der einen und von „nur Kohle“ auf der anderen Seite sprechen. Das Bild ist viel bunter und viel größer. Unser Ziel ist, bis 2050 in die Nähe der Klimaneutralität zu kommen mit unserer
Kraftwerkslandschaft. Und das ist extrem ehrgeizig, aber wir halten das für machbar und arbeiten daran.

tip: Und auf dem Weg zur Klimaneutralität wollen Sie auch Ihre Atomkraftwerke noch mal hochfahren, Krümmel und Brunsbüttel?

Knauber: Die haben, wie jedes andere Kraftwerk, verbleibende
Stromproduktionsmengen, die gesetzlich festgelegt sind. Wir haben keinen Grund, die nicht zu nutzen.

tip: Ein Grund wäre zum Beispiel die Pannenserie in beiden Meilern.

Knauber: Ja, im Moment ist es so, dass die beiden Anlagen nicht am Netz sind. Geplant ist, Krümmel Anfang 2011 und Brunsbüttel im zweiten Halbjahr 2011 wieder in Betrieb zu nehmen.

tip: Da dürfte es reichlich Proteste hageln.  

Knauber: Das ist ein öffentlich diskutiertes Thema, und es würde mich deshalb sehr wundern, wenn es anders wäre.

tip: Fallen mit der Laufzeitverlängerung wenigstens die Strompreise?  

Knauber: Kernenergie hat einen Anteil von 22 Prozent im Strommix. Wenn Sie eine solche Menge an Strom zunächst mal im Markt belassen, dann hat das auf mittlere Sicht eine preisdämpfende Wirkung. Dass wir in Zukunft in einer Welt leben, in der Energie oder Rohstoffe immer billiger werden, das glaube ich nicht, das glauben Sie nicht, und keiner Ihrer Leser. Aber dass Preisanstiege auf der Erzeugungsseite
damit gedämpft werden auf mittlere Sicht, das ist wahrscheinlich so. Auf Steuern und Abgaben haben wir allerdings keinen Einfluss.

tip: Sie selbst haben letztes Jahr als Wirtschaftsminister der
SPD im Saarland kandidiert. Da wurden Sie ausgerechnet von CDU und FDP, die im Bund die Atomkraftwerke länger laufen lassen, als „Atomlobbyist“ bezeichnet.

Knauber: Ja, das ist interessant (lacht). Es gibt im Saarland
keine Kernkraftwerke, die gibt’s auch in Zukunft nicht. Man kann über Wahlkämpfe vieles sagen, aber selten, dass sie rational sind.

Interview: Erik Heier & Heiko Zwirner

Foto: David von Becker

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