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Der Berliner Vattenfall-Chef Rainer Knauber im Gespräch

Rainer KnauberNun erklärt der Berliner Vattenfall-Chef Rainer Knauber, wie der Stromkonzern es trotzdem schaffen will, seine ambitionierten Klimaschutzziele zu erreichen. Ein Gespräch über Kurzumtriebsplantagen, unterirdische CO2-Speicher und den Import von Kautschukbäumen aus Liberia

tip: Herr Knauber, gerade haben wir Ihren Chef Tuomo Hatakka auf dem Gang getroffen, den Vorstandsvorsitzenden von Vattenfall Europe. Das hat uns überrascht. Ist er nicht längst nach Stockholm abberufen worden?

Rainer Knauber Nein. Herr Hatakka bleibt natürlich in Berlin.

tip: In den Zeitungen war aber kürzlich zu lesen, dass Ihr schwedischer Mutterkonzern den Berliner Standort im Zuge einer Umstrukturierung entmachte und Kompetenzen nach Stockholm verlagere.

Knauber: Ach, es wird so viel geschrieben. Es wurde ja auch berichtet, dass wir uns von der deutschen Braunkohle verabschieden, obwohl wir das dementiert haben. Die Wahrheit ist, dass die Strukturveränderungen im Konzern faktisch eine Aufwertung für den Standort Berlin bedeuten. Ab kommendem Jahr wird die gesamte Stromerzeugung europaweit von der Wasserkraft bis hin zur Kohle von hier aus koordiniert. Und das, was uns in Berlin besonders stark macht, nämlich die Fernwärme, ist als Kerngeschäft für die Zukunft definiert worden.

tip: Die Wahrheit ist aber auch, dass der Gesamtkonzern seine Investitionen bis 2015 von 21,7 auf 17,8 Milliarden Euro zurückfahren will. Bisher hieß es immer, dass Vattenfall in den nächsten Jahren über eine Milliarde Euro in Berlin investieren werde. Müssen Sie jetzt sparen?

Knauber:Das ist nicht geplant. Und das Gesamtvolumen bleibt nach wie vor sehr hoch. Sie werden auch sehen, dass der Investitionsschwerpunkt der Vattenfall-Gruppe weiterhin in Deutschland liegt.

tip: Der Senat hat gerade sein Vorhaben für ein Berliner Klimaschutzgesetz aufgeschoben. Was bedeutet das für die Stadt?

Knauber: Zunächst mal überrascht mich der Aufschub nicht so sehr, weil wir in der Klimadiskussion inzwischen an einem Punkt angekommen sind, wo es einfach Geld kostet. Und genau so kommt das Thema jetzt auch beim Verbraucher an. Das ist eine Generationenaufgabe. Immer mehr erneuerbare Energien, immer mehr Ausbau von Stromnetzen, immer mehr energetische Sanierung von Häusern – das wird irgendwer bezahlen müssen. Außerdem wurde gerade auf Bundesebene ein Energiekonzept erstellt, aus dem sich wieder eine ganze Folge von weiteren Gesetzgebungsverfahren entwickelt. Diese Entwicklungen abzuwarten, ist umsichtig.

tip: Die Klimaschutzvereinbarung, die Vattenfall vor fast genau einem Jahr mit dem Senat getroffen hat, bleibt jedoch bestehen. Ein Bestandteil: „Vattenfall steht Berliner Schulen bei Fragen mit Aktionen und Unterrichtsmaterial rund um das Thema Energie zur Seite.“ Macht ein Energiekonzern so etwas freiwillig oder auf besondern Wunsch des Senats?

Knauber: Es gibt diese Kooperation schon aus Zeiten der Bewag (die 2003 von Vattenfall übernommen wurde – Anm. d. Red). Bei den Verhandlungen zu der Vereinbarung haben wir angeboten, die Kooperation fortzusetzen.

tip: Kommt Ihnen in den Schulen nicht mindestens ab dem Gymnasial­alter ein gewisses Misstrauen entgegen?

Knauber: Das habe ich bei den Aktionen, an denen ich teilgenommen habe,  nicht festgestellt. Ich kann auch nicht sagen, dass da eine Blas­kapelle steht und man beklatscht wird. Aber es ist keine Feindseligkeit da. Im Gegenteil, die Schüler sind oft sehr aufgeschlossen, sehr offen und sehr interessiert.

tip: Trotzdem provoziert Marktmacht nun einmal Misstrauen. Das ist nicht nur bei Vattenfall mit einem Marktanteil von rund 80 Prozent an der Berliner Stromversorgung so. Aber eben auch.

Knauber: Ich halte die Stromkunden für mündig und gehe nicht davon aus, dass fast 80 Prozent der Leute in Berlin mit Gewalt dazu gezwungen werden, Vattenfall-Strom zu beziehen. Wir haben in Deutschland über tausend Unternehmen, die Strom anbieten. Beim Endkunden hat sich seit der Strommarktliberalisierung ein Wettbewerb entwickelt wie in kaum einem anderen Land in Europa. Dass das Gute nicht immer noch ein bisschen besser werden kann, ist keine Frage. Aber wenn man es mal in Relation setzt, dann sehen wir in Deutschland gar nicht so schlecht aus. In Berlin schon gar nicht. Übrigens sind die Strompreise im Vergleich der 20 größten Städte Deutschlands nirgendwo so günstig wie in unseren beiden Kernmärkten Hamburg und Berlin. Das zeigt doch, dass der Wettbewerb dort wunderbar funktioniert, wo wir sind.

tip: Trotzdem plant Wirtschaftssenator Harald Wolf, einen kommunalen Stromversorger aufzubauen. Das ist auch eine Kampfansage an die Marktposition von Vattenfall.

Knauber: Der Kunde kann in Berlin schon jetzt unter über 160 Stromanbietern wählen. Es ist dem Steuerzahler sicher schwer zu erklären, warum man jetzt noch einen mehr braucht. Aber wir sehen jedem neuen Wettbewerber mit Selbstbewusstsein entgegen.

tip: Herr Wolf will auch den 2013 endenden Konzessionsvertrag neu ausschreiben, nach dem Vattenfall das Berliner Stromnetz betreibt.

Knauber: Wir tun so viel in Berlin, dass ich der Meinung bin: Unser Selbstbewusstsein ist berechtigt, wenn es darum geht, sich wieder um die Konzessionen zu bewerben. Wir werden in den nächsten Jahren zum Beispiel bei den Stromausfällen auf unter zehn Minuten pro Jahr und Kunde kommen. Schon heute liegen wir damit ganz weit vorne in Deutschland. So war die Entscheidung von e-shelter, einem namhaften Hersteller von IT und Netzwerksystemen in Spandau, sich in Berlin anzusiedeln, ganz wesentlich auf die hohe Versorgungsqualität unseres Netzes zurückzuführen. Und wir arbeiten daran, dass Berlin durch den Einsatz von Biomasse die Hauptstadt der grünen Energie und der grünen Wärme wird.

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