Stadtleben

Der beste ?Friseur Neuköllns

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Mehmet Dönmez: „In der Ausbildung hier bringen sie einem nicht bei, mit kurzen Haaren umzugehen“. Fotos: Thomas Lobenwein

Im Schaufenster des besten Friseurs von Neukölln prangt seit Jahren eine zweisprachige Anzeige – denn Mehmet Dönmez sucht immer Mitarbeiter. Finden tut er allerdings keine für seinen Salon Lord Coiffeur. Vielleicht, weil er zu anspruchsvoll ist? Eben „der beste Friseur von Neukölln“, wie seine Kunden sagen? „Na ja“, sagt Mehmet, „Werbung brauche ich jedenfalls keine zu schalten. Mundpropaganda reicht.“Es ist eigentlich immer voll in seinem Salon in der Silbersteinstraße – besonders samstagsmorgens: Junge Männer und Väter mit Kindern sind da. Die Jungs sitzen still mit ernsten Gesichtern, die Erwachsenen unter-halten sich leise oder starren auf ihre Telefone. Burhan, Mehmets Neffe und Azubi, bringt derweilen türkischen Tee, wenn er gerade nicht wie sein Onkel mit der Schere klappert.

Im Schaufenster von Lord Coiffeur findet sich neben der Stellenanzeige auch ein großer Aufkleber mit einem Männermodellschnitt – dessen Frisur scheint im Salon aber selten gefragt zu sein: „Ist auch nur Werbung“, sagt Mehmet. Martin, der gerade aus dem Salon kommt, hat jedenfalls keinen zurückgekämmten Bürstenhaarschnitt wie der Herr im Fenster. Im Gegenteil – für seinen millimeterkurzen Schnitt ist er sogar 20 Kilometer aus dem brandenburgischen Zossen angereist. Wegen Mehmet. „Der Türke ist eben der Meister der Klinge“, sagt Martin. Und der Laden habe einfach eine tolle, persönliche Atmosphäre. Und was Mehmet besser macht als andere, erkläre sich auch von selbst – Martin zeigt dafür einfach auf seine Haare, natürlich ausrasiert an den Seiten.

Was Martin braucht, können die Deutschen einfach nicht, sagt Mehmet. „In der Ausbildung hier bringen sie einem nicht bei, mit kurzen Haaren umzugehen.“ Deswegen die Probleme, Mitarbeiter zu finden. Vielleicht übernimmt Neffe Burhan irgendwann den Laden, aber auch er hat noch viel zu lernen.

Dass er einmal Haare schneiden würde, war Onkel Mehmet schon mit zwölf klar. Der Anfang seiner Friseurkarriere war nämlich ein Akt des pubertären Widerstands. „Ich wollte immer einen Pony haben“, erzählt Mehmet, „aber mein Vater schnitt ihn immer weg.“ Irgendwann ging Mehmet zum richtigen Friseur, der Pony blieb dran, der Vater nahm’s hin. Vor 15 Jahren zog Mehmet dann nach Deutschland, vor acht Jahren eröffnete er in Berlin-Neukölln seinen Laden.

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Das Bild täuscht – Chef Mehmet ist vor allem berühmt für seine Kurzhaarschnitte.

Der liegt zwischen einem Geschäft für Auto-Ersatzteile und einem halb leeren Ladenlokal mit einer rumänischen Flagge im Schaufenster. Aber selbst diese triste Ecke Neuköllns südlich des S-Bahn-Rings ist nicht mehr, wie sie war. Man sieht erste Ausläufer des neuen, jungen Neuköllns. Um die Ecke hat unlängst eine neue Bar aufgemacht, weiter die Silbersteinstraße runter steht ein Betonbunker, darin ein Hostel. Die Zeiten ändern sich auf allen Ebenen. Bushido, früher ein Kunde, lässt sich seit Langem nicht mehr hier blicken. Heute frisiert Mehmet Jungs ein paar Kaliber drunter.

So wie Alper, der von seinem Vater Sesgin begleitet wird. Eben schmiegte er sich noch an seinen Vater, jetzt sitzt er im Friseursessel – ernst und aufrecht wie ein kleiner Macho. Auf Mehmets harmlose Einwürfe geht er nicht ein. „Warum nicht Glatze? Kommt bald Sommer!“ Stille. Also kurz an den Seiten, wie sonst.

Nach dem Schnitt reicht Vater Alper Mehmet einen Zehneuroschein. Dann gibt es zwei Euro Trinkgeld und schon verabschiedet Mehmet Vater und Sohn mit einem Wangenkuss. So wie es aussieht, wird er auch in nächster Zeit selber sein bester Mitarbeiter bleiben. 

Text: Pavel Lokshin

Fotos: Thomas Lobenwein   ?   

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