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Der Blumenbar Verlag, neue Lesegewohnheiten und „Hardcover“

tip Herr Farkas, Herr Rohlf, der Blumenbar-Verlag ist von München nach Berlin gezogen. Dabei hatten Sie sich in ihrer alten Heimat etabliert – als Independent-Verlag, der auch für außerge­wöhn­liche Lesungen bekannt geworden ist. Warum nun der Schritt nach Berlin?
Wolfgang Farkas Der Umzug ist eine schöne Fortschreibung der Verlagsgeschichte. Zuerst war Blumenbar ein literarischer Club in einer Privatwohnung, nach fünf Jahren ein etablierter unabhängiger Münchner Verlag, und jetzt, nach sieben Jahren, beginnt wieder etwas Neues. Es kann uns nur gut tun, dass wir ein neues Terrain erobern wollen. München ist eine überschaubare Stadt mit einer kleinen Literatur- und Kunstszene. Das kann sehr angenehm sein, andererseits fehlt einem irgendwann die Inspiration. Konkreter Auslöser für den Umzug aber ist die Kooperation mit einem neuen Vertriebspartner gewesen, dem Berlin Verlag: ein überlebenswichtiger Schritt. Man kann noch so tolle Bücher produzieren – wenn die Präsenz im Handel nicht stark genug ist, funktioniert auf Dauer kein Verlag.

tip War der Berlin Verlag Ihr Wunschpartner?
Farkas Die Verlegerin Elisabeth Ruge sprach beim ersten Treffen in der Paris Bar von einer Seelenverwandtschaft der beiden Verlage. Gleichzeitig haben wir so unterschiedliche Programme, dass wir uns gut ergänzen dürften.
Hendrik Rohlf Es ist ein ideales Modell. Wir profitieren davon, dass in Zukunft zehn statt drei Vertreter für uns unterwegs sind. Und wir beginnen jetzt mit unserem literarischen Nachtclub „Hardcover“, den das Maxim Gorki Theater mitveranstaltet und der sicher auch dem Berlin Verlag zugute kommt. Blumenbar war ja nie nur ein Unternehmen, das Bücher produziert, sondern wurde von Anfang an von einer Community getragen.
Farkas Und in den Taschen der Vertreter findet der Buchhändler in Zukunft etwa eine moderne Klassikerin wie Margaret Atwood neben literarischen Freaks wie Matias Faldbakken (lacht).

tip Der Suhrkamp Verlag zieht ebenfalls nach Berlin. Da geht man davon aus, dass sich das literarische Leben Deutschlands zukünftig vor allem hier abspielen wird. Wird sich in Berlin Ihr Kontakt zu den Schriftstellern intensivieren?
Rohlf Es hat sicher etwas für sich, wenn die eigenen Autoren öfters mal im Verlagsbüro vorbeischauen; und wir haben auch eine Reihe in­ternationaler Autoren im Programm, die wiederum eher einmal in Berlin Zwischenstopp machen als in München. Ich lebe ja schon seit 1993 hier, und so ist in den letzten Jahren ein Umfeld aus Übersetzern, Lektoren und Freunden des Verlags entstanden.

tip Bei Suhrkamp hofft man auch, dass die räumliche Nähe zu Berliner Autoren zu mehr Publikationen führt. Wunschdenken?
Farkas Ich vermute, dass bei Suhrkamp, ähnlich wie bei Blumenbar, handfeste ökonomische Dinge der Hauptgrund für einen Umzug sind. Räumliche Nähe zu Autoren? Das ist eher ein Mythos. Jemanden wie Raul Zelik oder Hans-Peter Kunisch, die mittlerweile Nachbarn sind, sehe ich nicht öfter als früher. Bis man sich in Berlin verabredet hat und dann auch tatsächlich trifft, können Wochen vergehen.

tip In München war Blumenbar mit Lesungen und Clubabenden quasi Platzhirsch. Wie wollen Sie sich hier von der Konkurrenz abheben?
Rohlf Indem Elemente aus Clubkultur, Salon, Musik, Literatur und Theater zusammengebracht werden. Dafür gibt es bislang keinen zentralen Ort in Berlin. Viele Verlage, auch bundesweit, sehnen sich nach einem solchen Ort. Wir hoffen, eben mehr bieten zu können als Veranstaltungen, bei denen ein Autor eine Stunde liest und ein Moderator drei Fragen stellt. Man soll bleiben, reden, trinken, tanzen.

tip Schwächt das ganze Drumherum nicht die eigentliche Lesung?
Rohlf Es muss nicht bei jeder Lesung ein Video laufen, eine Band spielen, ein DJ auflegen. Wir werden mit dem Format experimentieren und versuchen, eine neue Dramaturgie zu entwickeln – statt den Abend auf „den einen Moment“, die große Lesung auszurichten. Es geht um den Abend, um die Nacht, als Ganzes …
Farkas … und um das Verbindende. Es ist uns wichtig, Literatur und Leben zusammenzubringen. Uns war von Anfang an klar, dass die Bücherproduktion allein nicht ausreicht, um bestehen zu können. Unsere ersten Veranstaltungen in München sahen so aus, dass wir Freunde und Zufallsbekanntschaften in unsere Wohnung eingeladen hatten. Wer da nun gelesen oder nicht gelesen hat, war gar nicht mehr so wichtig. Irgendjemand legte auf. Aus der Küche, wo sich passenderweise auch die Badewan­ne befand, wurde Bier herausgegeben. So entstand eine Szene, die sehr speziell war: Es kamen Leute, die gerne auf Lesungen gehen, aber nicht unbedingt auf Partys – und umgekehrt. Mit dem Salon in der Klos­terstraße knüpfen wir daran an, diesmal eine Nummer größer. Wir wollen versuchen, eine Atmosphäre zu schaffen, in der sich ein Old-School-Verleger genauso wohlfühlt wie seine ausgehfreudige Tochter.

tip Die Nachbarschaft zum WMF-Club ist da ja ganz praktisch.
Rohlf Stimmt. Wobei das Ganze auch eine Gratwanderung ist. Wir sind ein Verlag, der auch Veranstaltungen macht, aber keine Clubbetreiber.
Farkas Nicht wenige Leute, die in München zu Blumenbar-Abenden kamen, wussten lange nicht, dass wir auch ein Verlag sind. Selbst wenn also auf dem Bar-Kühlschrank „Blumenbar“ steht, und zwar exakt so wie auf dem Buchrücken – es kann trotzdem Jahre dauern, bis das jemand wahrnimmt (lacht).

tip Gut für das Image des Verlags dürfte jedenfalls der Prozessgewinn im Fall „Romy Schneider“ sein. In Olaf Kraemers Roman „Ende einer Nacht: Die letzten Stunden von Romy Schneider“ muss­ten vor einem Jahr Stellen geschwärzt werden, in denen Romys Mutter Magda eine Nähe zu Adolf Hitler zugeschrieben wurde.
Farkas Bis auf eine kleine Passage wurden jetzt alle Schwärzungen wieder zurückgenommen. Das heißt: Die Romanfigur Romy Schnei­der darf mit ihrer Mutter über die Nazi-Zeit sprechen, auch wenn diese sich windet. Jessica Schwarz durfte das nicht.
Rohlf Der Prozess war sehr mühsam. Aber es hat sich gelohnt: Für literarische Doku-Fiktionen gibt es in Zukunft größere künstlerische Freiheit.

tip Im Jahr 2002 waren Sie erstmals auf der Frankfurter Buchmesse vertreten: mit einem Buch, auf vier Quadratmetern, für tausend Euro Standmiete. Wie optimistisch muss man da sein?

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