Stadtleben

Der Chefredakteur & ich

Was mich betrifft, waren die letzten sechs Jahre beim tip ein schlechter Witz. Gut, nicht alles ist eine Zumutung in dieser netten, kleinen und erfreulich dekadenten Redaktion. Die Assistentin, die mir gerade zum zweiten Frühstück grünen Tee und Carpaccio vom Kobe-Rind mit Spargel serviert, der Champagner bei den Konferenzen, der Limousinen-Service, die üppige Ausschüttung am Jahresende, die 15 Monatsgehälter, die grotesk hohen Honorare für die Autoren?– das sind nette Gesten, mit denen sich das Management bei uns bedankt. Die vergangenen sechs Jahre waren trotzdem eine Unverschämtheit, und das lag nur an einer Person: am Chefredakteur.

Ein Chefredakteur sollte ein mürrischer alter Mann in einem grauen Anzug sein. Ein Chef­redakteur sollte uninspiriert und schlecht gelaunt sein. Ein Chefredakteur sollte ein Kontrollfreak sein, der sich qua Amt bei jedem Thema für kompetenter als der Rest der Menschheit hält. Das Mindeste, was man von einem Chef erwarten kann, ist, dass man ihn hassen kann, um sich selber gut zu fühlen. Ein Chef­redakteur sollte auf keinen Fall Humor haben und niemals dafür sorgen, dass Leute, die mit ihm ihre Zeit verbringen, sich gut fühlen. Keiner dieser Aufgaben war der bisherige Chefredakteur gewachsen. Jetzt hat Heiko Zwirner, so hieß der Mann, der Redaktionshierarchie mit Fairness, Respekt und egozentrikfreier Freude an den Talenten anderer verwechselt hat, den tip nach sechs Jahren verlassen. Als Vorgesetzter war er, nun ja, gewöhnungsbedürftig. Der Mann ging sogar freiwillig ins Theater! Plötzlich ertappte ich mich dabei, gerne ins Büro zu kommen. Bei aller in meinem Arbeitsvertrag in Juristendeutsch gemeißelten Treuepflicht: Geht’s noch?

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