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Der diplomatische Dissident: Roland Jahn

Roland Jahn

Jahn ist 27, als sein Jugendfreund Matthias Domaschk im Stasi-Gefängnis Gera stirbt – unter unklaren Umständen. Jahn protestiert mit Anzeigen und Flugblättern, lässt sich nicht den Mund verbieten, geht mit eigenen Plakaten auf Staatsdemos. Seine Slogans sind mal friedlich, mal leer – aus Ironie. Als Jahn ein Jahr später gegen die große Militärparade am 1. September 1982 demonstriert, nimmt man ihn fest, er kommt in Untersuchungshaft. Vorgeschobener Anlass war die polnische Fahne mit dem Schriftzug „Solidarität mit dem polnischen Volk“ (auf Polnisch), die er an seinem Fahrrad befestigt hatte. Strafparagraf „Verunglimpfung staatlicher Symbole“. Um ihn weich zu kriegen, zu Geständnis und Reue zu treiben, zeigt man ihm Fotos seiner drei Jahre jungen Tochter. Man weiß: Für ihn, der nicht auf oberflächliche Bekannte setzt, zählen Familie und enge Freunde umso mehr. Jahn wägt wieder ab, beschließt aber, dass es nicht gut sei für die Tochter, diesen Staat, die DDR, unverändert zu lassen. Dass sich die beiden nicht sehen können, ist ihm kleineres Übel, notwendiges Opfer. „Alles verändert sich, wenn du es veränderst“, kritzelt er auf die Gefängniswand. So heißt Jahns Lieblingslied von Rio Reisers Band Ton Steine Scherben.
Nachdem Jahn wieder freikommt, gründet er mit Freunden jenseits der kirchlichen Widerstandsgruppen die „Friedensgemeinschaft Jena“. „Jeder Tag im Gefängnis war einer zu viel, aber ich will die Erfahrung trotzdem nicht missen.“ Klingt fast ein bisschen opportun für einen Dissidenten. Dass er der DDR-Führung dann aber doch so gefährlich wird, dass sie ihn im Zug, gefesselt, aus dem Land verfrachten lässt – das hätte er selbst nicht für möglich gehalten. Jahn unterstützt die DDR-Dissidenten fortan aus dem Westen. „Man hat uns unseren Sohn gestohlen“, sagen die Eltern. Das verzeiht der Vater offenbar auch dem Sohn nicht so recht. Der Vater hatte es zu etwas gebracht, den Fußballklub Carl Zeiss Jena mit 22 Nationalspielern aufgebaut. Eine Kompensation, wohlmöglich, für das im Krieg verlorene Bein. Auseinandersetzungen über Jahns Widerstand gibt es fast bis zum Tod des Vaters. So stößt der Widerstand auf Widerstand, inmitten der Familie. Auch wenn die beiden sich nach der Wende wieder einander annähern.
Als ehemaliger Stasi-Häftling jetzt selbst Chef über die Stasi-Akten zu sein – das erfüllt Roland Jahn heute mit einem „Hauch Genugtuung“, wie er sagt – obwohl er das nicht als sein Hauptmotiv verstanden wissen will. „Diktatur ist überwindbar“ – so lautet seine Botschaft. Aber auch: „Je besser wir Diktatur begreifen, umso besser können wir Demokratie gestalten.“ Jahn wiederholt, betont in aller Deutlichkeit das Wort „können“. Die fast 40 seiner Mitarbeiter, die mal bei der Stasi waren, müsste man „respektvoll“ versetzen – allein schon als Symbol für die Diktaturopfer, die darunter litten. Aufklärung nehme kein Ende. Dass seine Behörde 2019 aufgelöst werden soll, wühlt ihn augenscheinlich gar nicht auf: „Türschilder sind nachrangig. Wichtig ist, die Akten bleiben offen.“
In welchen Organisationsformen und Strukturen das zukünftig geschieht, wird der Bundestag wohl in der zweiten Jahreshälfte 2016 entscheiden. Allerdings ist mittlerweile eine Expertenkommission benannt, und der Bundestag hat in diesem Zuge formuliert, dass der Zugang zu den Akten in Zukunft offen bleiben muss.
Jahn hat noch ganz andere Visionen: Einen ganzen Campus für Demokratie möchte er in Lichtenberg entwickeln. So einer wie Jahn gibt sich eben nicht mit Aktenverwaltung zufrieden. Obwohl auch daran das Interesse riesig ist: Über sechs Millionen Anträge auf Akteneinsicht gab es bisher. Zwei Jahre wartet man zurzeit, bis man die bestellte Akte in der Hand hält. Jahn will kein braver Bürokrat sein. Er brennt für die Sache. Man sieht es daran, wie seine Augen leuchten. „Und es gibt keine Freiheit, wenn wir sie nicht nehmen“, heißt es in seinem Lieblingssong von Ton Steine Scherben. Davon kann er ein Lied singen.

Text: Stefan Hochgesand

Foto: BStU / Ronny Rozum

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