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Der diplomatische Dissident: Roland Jahn

Roland Jahn

„Für so ’nen Scheiß-Liedermacher setzt du alles aufs Spiel?“, fragt der Vater den damals 23-jährigen Roland Jahn. Der hat öffentlich gegen die Ausbürgerung Wolf Biermanns protestiert. Und ja, er wird alles aufs Spiel setzen. Man wird Roland Jahn als Staatsfeind verhaften, in Ketten legen und mit dem Zug außer Landes bringen – „wie ein Stück Frachtgut“, sagt Roland Jahn heute selbst. Aus dem Revoluzzer mit langen Haaren ist ein diplomatischer Behördenleiter geworden. Schwarzes Hemd, schwarze Hose, schwarzes Sakko. Seit März 2011 ist er Bundesbeauftragter für die Unterlagen des Staatssicherheitsdienstes der ehemaligen Deutschen Demokratischen Republik (BStU). Die einstige Gauck- und dann Birthler-Behörde. 2019 soll die Behörde dichtgemacht werden. Ob er ihr davor noch seinen Namen verpassen kann?
Roland Jahn verschränkt mal Hände, mal Arme symmetrisch ineinander. Er lächelt milde, schaut kurz aus dem Fenster zur Volksbühne am Rosa-Luxemburg-Platz. „Ost“ steht dort in überdimensionierten Lettern auf dem Theaterdach. Er sei schon jung von Ungeduld getrieben worden, sagt Roland Jahn – der Ungeduld eines jungen Menschen, der die Fragen deutlicher als andere gestellt habe. Vielleicht auch, weil „die Folgen der Diktatur und des Krieges am Abendtisch saßen“, wenn der Vater das Holzbein abschnallte. Das richtige hatte er mit 17 im Krieg verloren. Bevor es verdammt ernst wird, geht es Roland Jahn im selben Alter um vermeintlich Leichtes: Er möchte lange Haare tragen. Ist an seiner Schule tabu, einer Elite-Schule mit Russisch ab der dritten Klasse und vielen Professorenkindern. Jahn marschiert zur Behörde und bekommt grünes Licht für die Wunschfrisur.
Als Jahn im Schulfunk eine West-Band spielt, kritisiert ihn der Staatsbürgerkunde-Lehrer. Aber es bleibt nicht bei jugendlicher Rebellion, Jahn wird politischer: „1973 haben wir den FDJ-Sekretär abgesetzt.“ Als er in die Armee eingezogen wird, nimmt er zum ersten Mal „den Staat als Staat wahr“, wie er sagt. Ein lupenreiner Dissident geht in die Armee? „Eine normale Sache, wenn man studieren will“, sagt Jahn. Er hat den minimalen Wehrdienst von 18 Monaten ableisten wollen und ist dann vom Wehrkreiskommando zur Bereitschaftspolizei eingezogen worden. Das war nicht seine Entscheidung – er hätte auch an die Grenze gezogen werden können oder in eine „normale“ NVA-Einheit. Die Bereitschaftspolizei war eine Einheit der Volkspolizei, die quasi kasernierte, militärisch organisierte Einsatztruppe der Volkspolizei. Vielleicht bringt Jahn deshalb so viel Nachsicht und Verständnis auch für Täter auf, gesteht jedem zu, dass er abwägt. Eine Pflicht zum Widerstand gibt es für ihn nicht. „Das wäre ja dann gerade wieder Einschränkung der Freiheit“, sagt er. Jeder könne nur selbst darüber urteilen, ob er sich selbst hätte anders verhalten können in der Diktatur.
Richtig mulmig wird Roland Jahn dann aber doch, als er bei der Bereitschaftspolizei den Einsatz „gegen sich selbst“ übt – gegen rebellierende Studenten, seine Freunde aus Jena. Jahn versucht, sich „in den Strukturen zu bewegen“. An der Uni wird er trotzdem „aussortiert“, man lässt ihn nicht zu Ende studieren. Roland Jahn ist vorsichtig in seinem Widerstand, aber er weiß: „Ich will hier in der DDR bleiben, also muss ich etwas verändern.“ Ein „notorischer Dableiber“ sei er gewesen.

Foto: RBB/Kontraste

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