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Fahrradwerkstatt Test: ein Rad – viele Diagnosen

KlappradEs war Liebe auf den ersten Blick, damals, auf einem Berliner Flohmarkt. Da stand es, ein Vintage-Klapprad der Marke Rekord in Blaumetallic, und wartete darauf, dass jemand seinem neu erwachten, hippen Zauber erliegt. Zugegeben: Das Rad hatte schon bessere Zeiten gesehen, die Beleuchtung war sichtbar kaputt, die Reifen abgefahren. Aber was soll’s – es kostete 50 Euro, war fahrbereit und mithilfe eines Fahrradmechanikers bestimmt bald wieder verkehrssicher. Doch was heißt „verkehrssicher“? Und mit welchen Ausgaben muss man für die Reparatur rechnen?

Auf der Suche nach Antworten starten wir in Prenzlauer Berg bei Fahrrad Linke. Hier begann man bereits im Jahr 1912 an Drahteseln herumzuschrauben. Das Geschäft ist mit Ledersätteln und trendigem Fahrradzubehör vollgestopft. Eine Frau bedient gerade jemanden, lässt den Kunden jedoch stehen, als sie die neue Kundschaft erblickt. Angesichts des Klapprades weicht ihr Interesse jedoch merklich. Die Diagnose, was dem guten Stück fehlt, stellt sie, ohne Hand anzulegen: Die Beleuchtung müsse gemacht werden, Kostenpunkt 35 Euro, inklusive Montage. Außerdem bräuchte das Rad eine neue Vorderradbremse, allerdings nicht mehr, wie bisher, eine Stempelbremse. „Die sind, glaub ich, nicht mehr erlaubt“, sagt sie. Und schließlich wäre auch ein Satz neuer Reifenmäntel fällig. Damit das Rad fürs Erste fahrtauglich gemacht werden könne, müsse man mit „mindestens 100 Euro“ rechnen. Noch bevor die Fahrradexpertin den Satz zu Ende gesprochen hat, zieht sie sich wieder zurück. Offensichtlich möchte man sich hier mit der Flohmarkt-Erwerbung nicht unbedingt beschäftigen.

Ist man da in der Fahrradschmiede in Schöneberg besser aufgehoben? Auf seiner Webseite wirbt der Laden mit dem Slogan „Wir lieben und respektieren Fahrräder … und behandeln Ihr High-Tech-Carbon-Fahrrad ebenso sorgfältig wie Ihren alten, aber heiß geliebten Drahtesel“. Tatsächlich wird das Klapprad sorgfältig begutachtet. „Sie müssen da so einiges machen lassen“, sagt der Experte im Laden: Licht und Bremse, außerdem seien neue Radlager fällig. „Ich weiß nicht, ob sich das noch lohnt“, warnt er. Umso mehr überrascht die Antwort auf die Frage nach den Reparaturkosten: „So um die 45 Euro.“

Weiter geht’s nach Friedrichshain zu Fahrrad Görke, eigentlich ein Rennrad-Spezialist. Ob man hier mit einem hilfsbedürftigen alten Klapprad richtig ist? Ja, denn der Ladeninhaber nimmt sich Zeit, das alte Nicht-Rennrad genau zu untersuchen: Er dreht die Pedale, stellt dabei fest, dass das Rad über eine Rücktrittbremse verfügt. „Demnach wäre es nicht absolut nötig, die Stempelbremse zu erneuern“, erklärt er und moniert noch eine lockere Speiche, die repariert werden müsste. Dazu käme auch das Licht vorne und hinten. Der Görke-Mann schätzt die Kosten für die Basisreparatur auf 35 Euro, „maximal 40 Euro“, gibt aber auch den Rat, „nicht mehr allzu viel in das Rad zu investieren“.

Und wie sieht man den Reparaturbedarf des Klapprades in einer der 14 riesigen Filialen des bundesweit aktiven Fahrradhändlers Zweirad Stadler? In Prenzlauer Berg, wo das Unternehmen eine seiner zwei Berliner Niederlassungen hat, ist man schon beim Betreten des Ladens vom Anblick Hunderter neuer Fahrräder geblendet. Und der eigene Drahtesel kommt einem plötzlich gar nicht mehr so charmant, sondern irgendwie nur noch schäbig vor. „Halt!“, ruft eine Kassiererin. „Die Security muss ein Sicherheitsbändchen an Ihrem Rad befestigen. Damit klar ist, dass das Ihr und kein hier gestohlenes Fahrrad ist“, erklärt sie, ohne eine Miene zu verziehen. Weiter geht es zur Reparaturannahmestelle, wo sich zwei junge Fahrradmechaniker mit Elan des Klapprades annehmen und konzentriert an den Rädern drehen. Das Radlager müsse sowohl beim Vorder- als auch beim Hinterrad ersetzt werden, „weil die Räder Spiel haben“. Außerdem müsse das Licht gemacht werden und natürlich auch die Vorderradbremse. In der Charlottenburger Filiale hätte man eventuell noch eine Stempelbremse vorrätig. Kosten würde die verkehrssichere Instandsetzung des Klapprades 60 bis 70 Euro, sagen die beiden Jungmechaniker.

Der Fahrradladen Rembetis, ebenfalls in Prenzlauer Berg, ist so ziemlich das Gegenteil von Zweirad Stadler: Georgios Velissario aus Kreta hat sich hier einen Traum erfüllt und sich auf den Verkauf von Fahrrädern aus den 1930er- bis 1970er-Jahren spezialisiert. „Wir haben keine Werkstatt mehr“, bremst der Ladeninhaber jedoch die Hoffnung. „Ich kann Ihnen aber jemanden empfehlen“, sagt er und händigt eine Karte mit dem Namen „Max“ und einer Handynummer aus. Der Angerufene bestellt den Kunden in spe in die Möckernstraße nach Kreuzberg, wo er das Rad sogleich auf dem Bürgersteig untersucht. „Das ist aber noch gut in Schuss“, lobt er und schränkt nur ein wenig ein, „na ja, bis auf das Licht und die Vorderbremse natürlich.“ Außerdem, er bemerkt es ebenfalls, hätten die Räder Spiel, das sollte man auch machen. Sein Vorschlag: „40 Euro alles in allem?

Nun fehlt nur noch eine neutrale Einschätzung des Reparaturbedarfs. Wer sollte dafür besser infrage kommen als der wichtigste Lobbyist in Sachen Fahrradfahren, der Allgemeine Deutsche Fahrrad-Club, Sektion Berlin? In der Brunnenstraße 28 in Mitte findet sich nicht nur die Geschäftsstelle, sondern auch eine Selbsthilfewerkstatt, in der ein Experte Unterstützung anbietet. „Die Stempelbremse würde ich so lassen, die bekommt man sowieso nicht mehr anständig hin“, sagt er. Ansonsten aber sollte das Licht gemacht und die Räder zentriert werden, neue Radlager seien fällig, die Speiche sei auch kaputt, eventuell solle man gleich ein neues Vorder- und Hinterrad einbauen. Investitionsbedarf: „Deutlich über 100 Euro“, sagt der Mechaniker.
Was bei all‘ den Einschätzungen zum Schluss bleibt, ist die Frage, warum sich niemand mit dem Klappmechanismus des Klapprades beschäftigt hat? Denn funktioniert er, ist die Mitnahme in öffentlichen Verkehrsmitteln gratis. Ist die Verbindung aber nicht fest, radelt man auf einer Sicherheitsfalle. 

Text: Teresa Geisler, Laila Schläfli
Fotos: Harry Schnitger

Fahrrad Linke
Kastanienallee 10, Prenzlauer Berg, Tel. 449 26 51,
www.fahrrad-linke.de

Fahrradschmiede
Kolonnenstraße 48, Schöneberg, Tel. 782 78 98,
www.fahrradschmiede-berlin.de

Fahrrad Görke
Cotheniusstraße 8, Friedrichshain, Tel. 423 55 00,
www.fahrrad-goerke.de

Zweirad StadleR
August-Lindemann-Straße 9, Prenzlauer Berg, Tel. 20 07 62 50,
www.zweirad-stadler.com

Rembetis
Oderberger Straße 35, Prenzlauer Berg, Tel. 64 83 51 41,
www.rembetis1.de

FahrradSchrauber Max
Tel. 0163-704 57 35, [email protected]

ADFC-Berlin
Brunnenstraße 28, Mitte, Tel. 448 47 24, www.adfc-berlin.de

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