Stadtleben

Der Grenzgänger: Régis Présent-Griot

Rйgis Prйsente-Griot_Christina_GoersNamensgebung

Immer mehr Franzosen lieben Berlin. Einer von ihnen ist Régis Présent-Griot, der hier die französischsprachige Zeitung „La Gazette“ herausgibt. Für das eigene Kind einen Namen zu finden, dürfte zu den größten Herausforderungen werdender Eltern gehören. Der Name sollte schön klingen und vielleicht auch die erhoffte Lebensrichtung des Kindes andeuten. Als Régis Présent-Griot, 38, ein in Berlin lebender Franzose, vor zehn Jahren zusammen mit seiner Freundin sein ers­tes Kind, einen Sohn, erwartete, inspirierte ihn die Begegnung mit einem kleinen Senegalesen. „Wir lebten damals in Frankreich, und ich unterrichtete ihn. Er war ein unglaublich sympathischer, kluger Kerl. Souleyman hieß er. Und so haben wir dann auch unseren Sohn genannt.“

Die Geschichte dieser Namensgebung verrät viel über Régis Présent-Griot, der seit 2006 in Berlin die französischsprachige Zeitschrift „La Gazette“ herausgibt. Denn anders, als es das Klischee von der Überheblichkeit der Franzosen nahelegt, ist Pré­sent-Griot ein Mann, der die Dinge vorurteilsfrei zu betrachten scheint. Ein kleiner Senegalese, womöglich gar in einer Banlieue lebend, als Namensvorbild? Impossible! – würde man nicht nur in konservativen französischen Bürgertumskreisen denken.

Kosmopolit

Seine Offenheit scheint Régis Présent-Griot, ein hochgewachsener Mann, aus seinem Elternhaus mitgebracht zu haben. Aufgewachsen in Südfrankreich als Kind einer französisch-italienischen Familie, lernte er schnell, über den eigenen Tellerrand zu gu­cken. „Ich habe bereits früh in meiner Schulzeit mit Deutschstunden begonnen“, erzählt er. Eine anfangs schwere Sprache, deren Erlernen nach seiner Meinung den späteren Erwerb von weiteren Sprachen stark vereinfacht. Englisch sei ihm danach lächerlich leicht vorgekommen. Und selbst die Aneignung des Russischen, das er später auch einige Semester am Osteuropa-Institut in Berlin vorantrieb, habe für ihn keine große Hürde mehr dargestellt.Rйgis Prйsente-Griot_Christina_Goers

Seine Sprachfertigkeiten machten es Régis Prйsent-Griot nicht nur leicht, im Ausland zu leben und zu arbeiten – so war er drei Jahre in Russland als Presseattachй und Journalist tätig. Sie ermöglichten es ihm auch, seine Neugier auf Menschen zu befriedigen, sie tiefgreifend kennen und verstehen zu lernen. „Im Ausland verbindet man mit Deutschland häufig einzig Begriffe wie ‚Neonazis‘ oder ,Qualitäts­autos‘.“ Dabei sei „gerade Berlin mit seinen Künstlern, Schwulen, experimentierfreudigen Jungunternehmern doch völlig anders. Die Identität dieser Stadt wird von Toleranz geprägt.“

Doppelte Perspektive

Weil der Franzose seine Erkenntnisse mit anderen teilen, aber auch eine Plattform für französischsprachige Kultur schaffen wollte, gründete er vor zwei Jahren die Monatszeitung „La Gazette“. Seitdem berichtet er, zusammen mit französischen oder kanadischen Korrespondenten, über Migration und Schulpolitik in Deutschland, Strafjustiz in Frankreich oder über in der Bundesrepublik tourende frankophone Künstler aus aller Welt. „Auch andere berichten darüber. Was uns von ihnen aber unterscheidet, ist diese doppelte Perspektive: Wir betrachten die Dinge immer aus vergleichender Sicht.“

Diese Herangehensweise kommt nicht nur bei den vielen französischsprachigen Berlinern gut an, allein 12.000 Franzosen – „jedes Jahr werden es sechs Prozent mehr“ – leben bereits hier. Auch Deutsche, die eine Affinität zum Französischen haben, greifen gerne zu „La Gazette“ – es gibt darin auch eine deutschsprachige Seite – oder loggen sich auf deren Homepage ein. „Ich habe schon Mails von Bundesbürgern bekommen, die mir berichteten, sie hätten bei uns Dinge über Deutschland erfahren, die sie bis dahin noch nicht wussten“, freut sich Prйsent-Griot.
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Umgekehrt dürften selbst Franzosen aus „La Gazette“ lernen, wie unkonventionell und liberal sie eigentlich sind. „Es sind vor allem französische Studenten, aber auch berufstätige Mittdreißiger, die derzeit nach Berlin strömen“, erzählt Prйsent-Griot. „Sie alle lieben das unkomplizierte, multikulturelle, aber auch preiswerte Leben hier.“

Doch obwohl Régis Présent-Griot sich in der Stadt mittlerweile sehr verwurzelt fühlt – seine Freundin arbeitet am Französischen Gymnasium, und seine mittlerweile zwei Kinder gehen hier zur Schule –, kann er sich auch gut vorstellen, irgendwann wieder weiterzuziehen. „Es gibt noch so viele interessante Länder. ,La Gazette‘ in China, der Türkei oder in Südamerika – das wäre schon was.“

Text: Eva Apraku

www.lagazettedeberlin.de
Am 13. Juli, dem Vortag des französischen Nationalfeiertags, lädt die französische Botschaft von 12-23 Uhr zum „Bal popu­laire“ mit Konzerten, Info- und Imbissständen auf den Pariser Platz ein; www.fetenationale.de

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