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Der Internet-Unternehmer Karsten Schneider im Interview – Teil 2

karsten schneidertip: Seit den 90ern ist in Deutschland mit dem Internet eine neue Branche entstanden. Schöpft sie ihre Möglichkeiten aus?
Schneider: In Deutschland passiert eigentlich ziemlich wenig, wenn man mal ehrlich ist. Das ist erstaunlich, weil die Ingenieur- und IT-Ausbildung hier sehr solide ist. Außer SAP gibt es keinen deutschen Global Player, und SAP ist eine Gründung aus den frühen 70ern, im Kern ein Software-, kein Internet-Unternehmen. Ich kann es nicht ändern, ich würde auch gerne einen deutschen Amazon-Konkurrenten aufbauen, aber dazu fehlt hier der Background: Potente Investoren, VC-Investoren, große Fonds mit ausreichend Durchhaltevermögen, die mal 100 Millionen in die Hand nehmen. In Deutschland investieren vor allem Unternehmen aus dem Handel und der Medienindustrie in Internet-Unternehmen. Das ist, verglichen mit den Verhältnissen in den USA, ein Tropfen auf dem heißen Stein. 

tip: Man würde einen erfolgreichen Internet-Entrepreneur eher in Berlin, London oder San Francisco vermuten als ausgerechnet im idyllischen Jena. Weshalb sind Sie in Jena geblieben?
Schneider: Das sind rein private Gründe. Mir gefällt es hier. Hier habe ich mein privates Netzwerk.

tip: Zwei Ihrer größten Investments, der Online-Brillenhändler Misterspex.de und der Online-Formularanbieter Formblitz.de sitzen in Berlin. Das ist vermutlich kein Zufall, oder?
Schneider: Das hängt von den Leuten ab, die das Geschäft betreiben, die wollen in Berlin leben.

tip: Weshalb hat Ihnen das Geschäftsmodell von Misterspex eingeleuchtet?
Schneider: Die verkaufen Brillen im Internet. Der stationäre Optiker hat hohe Raumkosten und eine begrenzte Auswahl. Ein Internet-Brillenhändler hat niedrige Raumkosten und eine sehr große Auswahl. Gläser zu schleifen und in Gestelle einzupassen, ist bei großen Stückzahlen kostengünstiger. Also hat Misterspex eine ganz andere Kostenstruktur und andere Preise als der Optiker um die Ecke. Das Unternehmen wächst stark, der Umsatz liegt im zweistelligen Millionenbereich.

tip: Das klingt nicht nach Science Fiction, sondern sehr handfest.
Schneider: Natürlich. Ich gehe nur in Branchen, die ich verstehe.

tip: Ist Berlin die deutsche Start-Up-Hauptstadt?
Schneider: Heute ja. Vor fünf Jahren war das für die meisten Leute in der Branche nicht absehbar. Die deutsche Hightech-Stadt war immer München. Dort sitzen auch viele große ausländische IT-Unternehmen. Insofern  ist es eine exotische Entwicklung, dass ausgerechnet in Berlin viele Internet-Start-Ups entstehen. Ein Grund dafür ist, dass man Leute braucht, die in ihrem ganzen Denken etwas von Künstlern haben, und die fühlen sich natürlich in so einer Event-Stadt, in der man auch günstig leben kann, wohler als in Hamburg oder München. Das fing in Berlin 1998 an, auch mit den ersten Gründungen der Samwer-Brüder, Alando und Jamba.

tip: Obwohl die Samwer-Brüder einen etwas schwierigen Ruf haben?
Schneider: Ich finde die Samwer-Brüder große Klasse. Am Ende sind durch sie gute Investment-Stories entstanden und eine Vielzahl von Unternehmen, die erfolgreich arbeiten. Aus ihren Firmen sind viele Leute hervorgegangen, die heute als Manager Start-Ups leiten. Wenn es in Berlin ein Branchencluster gibt, haben die Samwers, aber auch Leute wie Lukasz Gadowski mit Team Europe mit ihren Berliner Gründungen und Investments dafür die Basis gelegt.

tip: Die Berliner Politik brüstet sich gerne mit der Kreativ- und IT-Wirtschaft. Spielt die Politik in Ihren Augen eine relevante Rolle für den Start-Up-Standort Berlin?
Schneider: Zumindest hat sie nicht groß geschadet.

tip: Was glauben Sie, wie die Berliner Gründerszene in fünf Jahren aussehen wird?
Schneider: Inzwischen gibt es ein so breites Portfolio von Leuten, die Erfahrungen und Kompetenzen gesammelt haben – das muss eine gute Story mit einer ganzen Reihe größerer Unternehmen werden. Cluster-Bildung kann nie schaden. Der Austausch von Informationen und der Austausch von Personen, die die Erfahrung von einer Firma in die nächste mitnehmen, sind ein wichtiger Treiber. Und genau das passiert in Berlin.

tip: In wie viele Unternehmen haben Sie eigentlich derzeit investiert?
Schneider: Das weiß ich im Augenblick gar nicht genau (lacht). Ich sage mal – mehr als zehn und weniger als 100. Arbeiten muss ich schließlich auch noch: bei meinem Internet-Bonus­system Andasa.de. 

Interview: Peter Laudenbach

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