Stadtleben

Internet-Unternehmer Karsten Schneider

karsten schneidertip: Herr Schneider, Sie gründeten Anfang der 90er mit zwei Partnern in Jena das E-Commerce-Unternehmen Intershop, damals einer der Stars der deutschen New Economy. An der Spitze war Intershop an der Börse über 11 Milliarden Euro wert. Heute investieren Sie sechsstellige Beträge in Start-Ups. Wie unterscheidet sich die jetzige Gründerszene internetbasierter Geschäftsmodelle von der ersten Welle?
Karsten Schneider: Die Erwartungshaltungen sind realistischer geworden. Damals ist über die Börsengänge sehr viel Geld in die Branche gespült worden. Wir haben sicher auch von der damaligen Euphorie profitiert. Viele Investoren hatten einfach Angst, etwas zu verpassen. Heute haben viele Investoren Angst, sich die Finger zu verbrennen. Deshalb sind die Preise für Unternehmensanteile derzeit relativ niedrig.

tip: Haben damals Investoren vor lauter Interneteuphorie nicht groß darüber nachgedacht, ob die jungen Unternehmen irgendwann mal profitabel werden?
Schneider: Ich würde davon ausgehen, dass in den frühen 90ern nur eine geringe Anzahl von Leuten überhaupt begriffen hat, was das Internet bedeutet. Unser Investor damals fand das alles sehr faszinierend, aber er konnte die Businesspläne vermutlich nicht gegenrechnen. Heute herrscht Waffengleichheit bei allen Beteiligten, das Geschehen ist wesentlich transparenter. Es gibt keinen Vorsprung durch exklusives Wissen. Das nötige Wissen findet jeder im Internet, manchmal sogar schon in Büchern. Heute kommt es darauf an, das schnell und handwerklich sauber umzusetzen. Wer technologische Herausforderungen und Geheimwissen sucht, für den sind heute vermutlich andere Gebiete aufregender, Bio- oder Nano-Technologie etwa. Unser Geschäftsmodell im E-Commerce beruhte damals wie heute im Kern darauf, dass das Internet Kommunikations- und Transaktionskosten und damit Prozesse wesentlich billiger macht. Daraus entsteht ein Innovationsschub in der gesamten Wirtschaft, auch im Handel.

tip: Anfang 2000 platzte die damalige Blase, das hat auch Intershop getroffen. Sie sind 2002 bei Intershop ausgestiegen. Trotz des Crashs hatten Sie genug Millionen verdient, um es sich für den Rest Ihres Lebens gut gehen zu lassen, ohne je wieder arbeiten zu müssen. Wie war das?
Schneider: Das ist ein Privileg, aber damit bin ich nicht der einzige in der Welt. Wenn Sie auf dem Papier plötzlich astronomische Summen besitzen und das als früherer DDR-Bürger nicht gewohnt sind, ist das Thema Geld erst einmal erledigt. Wir wollten das Geschäft vo­rantreiben und damit Anerkennung sammeln. So war bei einem Großteil von uns die Stimmung.

tip: Gibt es in Ihren Augen 20 Jahre nach Beginn des Siegeszugs des Internets überhaupt noch neue, überraschende Geschäftsmodelle oder ist es sinnlos, das Rad neu erfinden zu wollen?
Schneider: Ich bin mir sicher, es wird immer wieder neue, faszinierende Geschäftsideen geben, von denen wir heute noch nichts ahnen. Im  ersten Schub wurde nur an der Oberfläche abgegrast, was man mit diesen schnellen und günstigen Kommunikationsmitteln alles machen kann. Ein Beispiel: Das Versicherungsgewerbe ist noch kaum vom Internet beeinflusst. Die besten Zeiten kommen erst noch.

tip: Nach welchen Kriterien entscheiden Sie heute, ob Sie in ein Start-Up investieren?
Schneider: Bei mir spielt das reine Bauchgefühl eine große Rolle: Gefallen mir die Leute, gefällt mir das Geschäftsfeld? Im zweiten Schritt geht es darum, ob das Geschäftsmodell skalierbar ist. Kann man das, was heute im stationären Handel geschieht, durch ein Internetmodell wesentlich effizienter abwickeln?

tip: Gibt es Geschäftsmodelle, bei denen Sie sagen: Das muss funktionieren, das kann gar nicht scheitern? Ist der Erfolg eines Start-Ups planbar?
Schneider: Das wäre schön. Das Buch, in dem diese Planung steht, würde ich sofort kaufen. Das ist ein Labor, da muss man ausprobieren und Experimente machen. Viel hängt auch vom richtigen Timing ab.

tip: Sind umgekehrt Projekte, die gar nicht funktionieren können und von denen man als Investor die Finger lassen sollte, leicht zu identifizieren?
Schneider: Ich habe viele Unternehmen durchstarten sehen, bei denen ich am Anfang nicht begriffen habe, wie das funktionieren und sich rechnen soll. Ich bin seit knapp 20 Jahren in diesem Bereich nicht ganz ohne Erfolg aktiv und werde immer noch oft überrascht. Wenn allerdings die Start-Up-Gründer selbst ihr Projekt nicht sinnvoll begründen können, lasse ich lieber die Finger davon. Teilweise haben Gründer auch völlig überzogene Erwartungen und wollen Riesensummen für fünf Prozent eines Unternehmens, das nur Geld verbrennt. Es gibt sicher auch Investoren, denen es letztlich egal ist, ob das Unternehmen profitabel arbeitet. Die wollen einfach bei diesem Wertsteigerungsprozess dabei sein: billig einsteigen, beim Exit teuer an einen anderen Investor verkaufen. Da geht es nicht um Wertschöpfung. Ein großer Teil der Finanzindustrie funktioniert nach ähnlichen Regeln.

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