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Klaus Hoffmann: Der kleine Prinz aus Charlottenburg

Hoffmann_KlausDer Liedermacher, Schauspieler und Autor Klaus Hoffmann hat die meiste Zeit seines Lebens in Charlotten­burg verbracht. Und viele Lieder darüber geschrieben. Ein prachtvolles Eckhaus, typische Ku’damm-Architektur zwischen Bleibtreu- und Schlüter­straße. Unten residiert die Edel-Boutique, oben Klaus Hoffmann. Hier am Boulevard hat der Liedermacher, Schauspieler und Autor sein Büro. „Hallo, ich bin Klaus“, joviale Begrüßung. Dann: „Im Treppenhaus hat Theo Angelopoulos eine Szene aus ‚The Dust of Time‘ gedreht. Unterm Dach, in einer Turmflucht mit sieben Zimmern, wohnt eine jüdische Witwe ganz allein.“ Charlottenburger Geschichte zwischen Tür und Angel. Im Büro hängt ein Plakat des Films „Die neuen Leiden des jungen W.“ von 1976, Hoffmanns Konterfei im Close-Up, der Edgar Wibeau war die Rolle, die ihn lange verfolgt hat. Auf der Fens­­terbank liegen Stapel seines druckfrischen Romans „Phillip und die Frauen“, die Geschichte eines Schauspielers, der kurz vor seinem 60. Geburtstag einen Rappel bekommt und nach Sylt zur Kur aufbricht. Er wird selber bald 60, aber „Phillip und die Frauen“ sei keine Bio, sagt er. Andererseits: „Alles, was ich je geschrieben habe, basiert auf meinem Mist. Nur bin ich manchmal nicht mehr sicher, wo eigentlich Wirklichkeit und Spinnerei zusammenkommen.“

Hoffmann ist in Charlottenburg geboren, Kaiser-Friedrich-Straße 3A, in 50er-Jahre-Enge ohne Puseratze, will heißen: arm. Sonntags ging es mit dem Vater zu Rogacki, Sprotten essen, er hat das auf der Bühne oft erzählt, es zählt zu den schöneren Kindheitserinnerungen, der Rest war Kriegsheimkehrer-Schweigen. Meistens flüchtete er sich ins Kino, „weil ich da meine Ruhe hatte, vor den geplagten Eltern, die sich stritten, dem Vater, der fortwährend starb.“

Er ging ins Amor um die Ecke, oder ins Baldur an der Behaimstraße, ganz in der Nähe war die Lützower Lampe, damals ein bekannter Transvestitenladen. Laurel und Hardy zerschmissen Porzellan, das fand er befreiend. Hoffmanns Erzählungen mäandern dahin, wildbewegt und sehr bewegend, er verklärt nichts, nur in seinen Liedern, da erlaubt er sich eine Berlin-Wehmut, die nach SchwarzWeiß-Film mit knisternden Laufstreifen klingt: „In meinem Kiez gab es den Händler um die Ecke, da konnt‘ man abends unsere Väter stehen seh’n, da roch’s nach Zigaretten, nach Maggi und Buletten, und die Vergangenheit ertränkten sie im Stehn“, so hört sich das auf der Platte „Sänger“ von 1993 an.

Hoffmann, den sie den kleinen Prinzen nennen, wollte immer am Ku’damm sein, morgens um fünf ist er mit der Gitarre ums Karree gelaufen und hat durch die Fenster ins Kempinski geschaut. „Ich wollte Kohle machen, ich wollte Autos, Frauen“. Belmondo sein oder Brando. Die Anfänge sahen anders aus: „Da steh ich im Steve-Club in der Krummen Straße vorm Ofen, 16 oder 17, vor mir waren Hannes Wader und Insterburg dran, die ganz straighten Jungs, und dann tapere ich raus, sage kein Wort, und singe ein Lied von der Knef.“

Es gibt einen Konzertmitschnitt aus dem Admiralspalast, „Spirit“, da amüsiert er sich in einer seiner Publikums-Ansprachen über die Spottnamen, die man ihm verpasst hat: „Die singende Wärmflasche“, „Botschafter für innere Angelegenheiten.“ Unterm Strich: unpolitisch. „Natürlich stand ich immer auf der Seite der Schwächeren“, sagt Hoffmann. „Aber eine linke Gesinnung vor mir herzutragen wie den Kaffee aus Nicaragua – das fand ich so peinlich!“

Hoffmanns Thema ist Berlin, war es immer. Von Jacques Brel, dessen Lieder er sang und dem er ein ganzes Musical widmete, uraufgeführt im Schillertheater, hat er sich abgeschaut, „dass man eine Stadt behandeln kann wie eine Frau in seinen Texten“. Frühe Platten hießen „Was fang ich an in dieser Stadt“, „Morjen Berlin“ oder „Westend“. Er ist Westkind geblieben. Zwischendrin hat er mal in Kreuzberg gewohnt und in Neukölln, auf seinem jüngsten Album „Das süße Leben“ von 2010 findet sich mit „Bäng Bäng“ auch ein Neukölln-Song. Heute lebt er in Kladow und nennt sich trotzdem „ne alte Charlottenburger Tante“. Das bleibt sein Kiez.

In letzter Zeit ziehen viele Politiker her, Antje Vollmer zum Beispiel. „Die isst jetzt Fisch bei Rogacki“, sagt Hoffmann. Das Viertel lebt auf und hat gleichzeitig Patina, die Paris Bar beispielsweise. „Ein Relikt, ein Museum!“, sagt Hoffmann.  
Für Hoffmann fängt gerade was Neues an, er will wieder vor die Kamera, eine große Rolle, er arbeitet an einem Berlin-Album, das rauer im Ton sein soll, ein bisschen wie „Stadtaffe“ von Peter Fox, das gefiel ihm. Das Gespräch driftet in einen Hoffmann-Flow, die Assoziationen kommen wie Songzeilen, und er erzählt, wie er kürzlich den Ku’damm entlanglief, sich ein Ingwer-Getränk im Starbucks kaufte und das Gefühl bekam: „Der Prinz geht wieder auf die Straße.“

Text: Patrick Wildermann

 

Klaus Hoffmann live – Geburtstagskonzert Friedrichstadtpalast, So 27.3., 19 Uhr (ausverkauft)

Phillip und die Frauen – Roman; Rütten & Loening, 240 Seiten, 16,95 Ђ

 

Hoffmanns Lieblingsorte

1. Das Delphi-Kino in der Kantstraße 12a

2. Das Cafй des Literaturhauses in der Fasanenstraße 23

3. Die Luisenkirche am Gierkeplatz 4

4. Delikatessen­imbiss Rogacki in der Wilmersdorfer Str. 145

5. Der Karpfen­teich im Schlosspark Charlottenburg

 

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