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Der Designer Erik Spiekermann im Gespräch

Erik Spiekermann
Erik Spiekermann
Foto: Jens Berger

tip: Herzlichen Glückwunsch Herr Spiekermann, Sie haben gerade den Deutschen Designpreis für Ihr Lebenswerk bekommen. In welcher Schrift kam die Nachricht bei Ihnen an?
Erik Spiekermann: Wie das Leben so spielt, ist das Erscheinungsbild des Rates für Formgebung aus der Meta gestaltet, meiner wahrscheinlich bekanntesten Schrift. Das ist Zufall. Ich hatte an dieser Entscheidung keinen Anteil, und das haben im Saal wahrscheinlich außer mir nur drei, vier Kollegen gewusst.

tip: Woran erkennen Sie eine gute Schrift?
Spiekermann: Eine gute Schrift fällt nicht auf. Sie ist wie der Klang in der Musik, und nicht wie die Melodie. Oder wie die Stimme, über die man nie nachdenkt, aber die man unglaublich lange im Gedächtnis behält und wiedererkennt. Wenn ich Ihnen jetzt drei Schriftzüge vorlegen würde, von Nivea, Daimler-Benz und der Bahn, würden Sie die garantiert zuordnen können. Mit der zugehörigen Farbe sowieso. Das funktioniert. Und das funktioniert vor allem deswegen, weil man es nicht bewusst wahrnimmt.

tip: Wie bezeichnen Sie Ihren Beruf?
Spiekermann: Ich bin Kommunikationsdesigner und auf Typografie spezialisiert. Das Darstellen von komplexen Inhalten mit Schrift ist meine Spezialität. Bei dem Auftrag für die Bahn war beispielsweise von vornherein klar, dass man mit der Schrift alles machen können muss: Geschäftsberichte und die Serviette im Speisewagen, Plakate und den Abfahrtsplan. Deswegen habe ich für die Bahn eine große Schriftenfamilie gestaltet.

tip: Das Maß der Schrift ist der Leser?
Spiekermann: Muss man sich zuerst überlegen: Welchem Zweck dient sie? Dem gründlichen Lesen oder Überfliegen? Die verschiedenen Lesefunktionen haben ihre Schriften. Dazu kommen immer noch ein Dutzend weiterer Parameter wie Größe und Farbe. Die Schrift ist nur einer davon. Aber sie ist der einzige Parameter, der immer da ist. Ohne Schrift geht gar nichts. In einer Welt ohne Schrift würden wir heute wahrscheinlich keine zwei Stunden überleben, weil wir völlig davon abhängig sind, dass irgend­jemand uns schreibt, was wir jetzt machen müssen, oder was wo ist. Aber diese Stimmung, den ästhetischen Mehrwert, den wir mitnehmen, ohne es genau zu wissen, den kann ich gestalten.

tip: Sie gestalten also Stimmungen mit Schrift?
Spiekermann: Ein großer Teil unseres Geschäftes ist, dass sich die Marken voneinander unterscheiden wollen. Und da gibt Schrift verschiedene Informationen, zum Beispiel über die Persönlichkeit des Absenders. H&M wirkt wie handgeschrieben, weil es billig ist, jung und hauruck. Auch das Wort Obst würde ich nie aus einer eckigen Schrift schreiben. Weil Obst ja frisch sein soll, muss es wie eben hingekritzelt wirken. Eigentlich kann man alle Schriften mit Adjektiven bezeichnen. Und diese Adjektive lege ich mir hin und frage: Was muss ich leisten mit dieser Schrift? Ich habe einige Hundert Schriften im Kopf, und dann fange ich an rumzuzeichnen.

tip: Haben Sie ein iPad?
Spiekermann: Ja, sogar zwei.

tip: Werden iPad und E-Book die Schriftgestaltung verändern?
Spiekermann: Wahrscheinlich nicht, aber es ist noch zu früh, um die Frage zu beantworten. Kindle hat eine eigene Version einer Schrift gemacht, die Caecilia. Im Augenblick werden aber meist fertige Schriften genommen. Die Bildschirme sind gut genug, um sie darzustellen, aber das Licht kommt von hinten. Man schaut also immer in eine Lampe rein. Deshalb müsste man langsam wieder etwas Unschärfe einbauen. Die Schrift auf dem Bildschirm ist nämlich so scharf, das ist brutal. So scharf ist sie in keinem Buch.

tip: Wir leben in der Welt der lateinischen Buchstaben. Wie ist das im Japanischen, Chinesischen, Arabischen? Entstehen da auch permanent neue Schriften?
Spiekermann: Im Chinesischen ist es wesentlich schwieriger, eine neue Schrift zu machen, weil man 8000 Schriftzeichen braucht. Deswegen gibt es relativ wenig chinesische Schriften. Japan ist ähnlich. Was jetzt langsam anfängt ist, dass die Araber und die Inder mehr Schriften machen. In Europa hat Gutenberg die Handschrift industrialisiert, jedes A sah aus wie das nächste. Das wurde immer mehr verfeinert, so bis 1500, seitdem sehen alle Schriften ähnlich aus. Die Garamond ist 1560 entstanden und wird heute noch in fast allen Büchern verwendet. Diese Entwicklung haben diese Länder, die in den Jahrhunderten immer Kolonien waren, nicht mitgemacht. Sie haben das lateinische Alphabet für die offizielle Kommunikation benutzt, ihre eigenen Sprachen haben sie nur privat geschrieben oder mal für eine Gebäudeinschrift. Deswegen gibt es gerade einen Riesenstreit bei den Arabern. Eine Fraktion will die Schrift vereinfachen und standardisieren, die Traditionalisten sagen dagegen: Nein, die Schrift muss aus dem Handgeschriebenen kommen.

tip: Und Indien?
Spiekermann: Die Inder sind wesentlich pragmatischer. Inzwischen gibt es zwei oder drei Firmen in Indien, die Schriftgestaltung anbieten. Der nicht-lateinische Markt wächst gerade unglaublich, weil die Wirtschaft wächst und die Geschäftswelt danach verlangt.

spiekermannBVGtip: Sie haben 1991 das Informationssystem der BVG neu gestaltet.
Spiekermann: Es hatte mich als Nutzer des Öffentlichen Nahverkehrs in den 70er- und 80er-Jahren immer beleidigt, dass ich mich in so eine Umgebung begeben musste, besonders in der U-Bahn. Es war alles unheimlich duster und versifft, und die Informationen waren nicht nur schlecht und fehlerhaft, sondern auch ästhetisch furchtbar. Ich hatte schon in den 80er-Jahren ein paar Projekte für die BVG gemacht und ich weiß noch genau, als ich das erste Mal bei der BVG am Kleist-Park war und aus dem Fenster guckte. Da war ein Riesenparkplatz voll mit Audis und BMWs und Mercedes. Die gehörten den BVG-Angestellten, die umsonst mit der U-Bahn fahren können. Da hat der Typ zu mir gesagt: Die fahren doch nicht mit der BVG. Die können sich doch ein Auto leisten. So hat man damals die Fahrgäste behandelt, wie Idioten, die zu doof waren, Autos zu haben.

tip: Und an der Bushaltestelle stand wirklich nicht, um welche Station es sich handelt?
Spiekermann: Natürlich nicht, das wusste man doch. So hat es mir jedenfalls ein Mitarbeiter der BVG erklärt: Ja, wieso, das weeß doch jeder. Wenn se den Ku’damm ruff fahren, dann heißt die Haltestelle wie die nächste Querstraße. Natürlich hatten die bei der BVG ein System. Aber das haben sie keinem mitgeteilt.

tip: Das System den Fahrgästen mitzuteilen, wurde dann Ihr Job.
Spiekermann: Man kann auch den ganzen Tag nur Dreck fressen. Da wird man auch satt von. Aber wir reden ja hier auch ein bisschen von Kultur. Das war also mein Anliegen, Kultur zur BVG zu bringen, nicht als Geschäftsmann, sondern weil mich das einfach genervt hat. Anfang der 80er-Jahre hatte ich außerdem angefangen, mit der Bundespost zu arbeiten. Ich hatte immer ein Interesse an den Aufträgen, die uns alle betreffen. Bei der BVG haben wir den Netzplan gemacht und dafür gesorgt, dass der überall groß hängt. Es gab dann an den Haltestellen ordentliche Informationen. Vor allen Dingen haben wir eingeführt, dass die Busse gelb sind.

tip: Welche Farbe hatten die Busse vorher?
Spiekermann: Beige. Also beamtengelb. Wenn sich Beamte auf eine Farbe verständigen, kommt ja immer beigefarben raus. Ich weiß noch, wie ich mit Konrad Lorenzen, er war der Chef, da­rüber gesprochen habe, irgendwann Ende 1992. In der BZ stand damals immer: der große Gelbe. Ich sagte zu Herrn Lorenzen, die Busse sind doch beige, oder? Er sagte: Da haben Sie eigentlich recht. Was machen wir denn da? Und ich sagte: Machen wir sie gelb. Jetzt sind sie alle gelb, die U-Bahnen, die Straßenbahnen und die Busse. Und das rechne ich mir hoch an.

spiekermanntip: Sie sind auch ein Weltverbesserer, oder?
Spiekermann: Ja.

tip: In den 80er-Jahren hatten Sie bei der BVG mal Hausverbot, Sie sagen relativ deutlich Ihre Meinung, auch gegenüber Ihren Auftraggebern.
Spiekermann: Das Problem ist heutzutage, dass es bei den meisten Großunternehmen zwar jede Menge Leute und Abteilungen, aber gar keine Ansprechpartner mehr gibt. Also mit solchen Chefs wie Lorenzen oder auch Hartmut Mehdorn, mit dem ich bei dem Auftrag für die Bahn zusammengearbeitet habe, kann ich. Da kann man sich auch mal anschreien, haben wir auch gemacht, und dann haben wir einen Cognac getrunken oder sind abends essen gegangen, dann war wieder alles gut. Das geht, solange man es mit Leuten zu tun hat, die Entscheidungen treffen. Inzwischen gibt es aber gerade in den Großunternehmen immer mehr von diesen Leuten, die jeden Tag eine andere Meinung haben, keine davon je vertreten und nur auf ihren Karriereplan gucken.

tip: Warum?
Spiekermann: Weil die wissen, in drei Jahren müssen sie entweder befördert werden oder ins nächste Unternehmen gehen, um da befördert zu werden. Die gehen alle kein Risiko ein. Die sagen nicht Nein. Die sagen auch nicht Ja. Die sagen: Das finden wir ganz toll. Und dann wird mein Vorschlag weitergereicht und kursiert zwei Jahre im Unternehmen. Es wird nie was entschieden, es wird alles nur immer schlechter und breiter, also eigentlich wird alles beige, und am Ende kostet alles ein Schweinegeld. Wir hätten unseren Auftrag in zehn Tagen erledigen können, aber zwei Jahre lang wird alles immer wieder neu gekocht, und es ist wahnsinnig mühselig. Wenn die uns machen ließen, wäre unsere Arbeit schnell vorbei und wesentlich billiger.

tip: Sie haben sich auch mit der Selbstdarstellung von Städten beschäftigt, unter anderem Berlin.
Spiekermann: Wir haben ’93 das  Brandenburger Tor gemacht, an dem Berlin oben dran steht, es war damals als eine Art Wappenersatz gedacht. Davor gab es dieses Bärchen mit der Mauerkrone drüber. Unser Brandenburger Tor ist ein amtliches Hoheitszeichen, es wird vom Land Berlin auf den Briefbögen und für Publikationen verwendet. Es war nie dafür gedacht, motivierend zu wirken. Aber dieses arme, geometrische Zeichen ist jetzt inzwischen bei Kampagnen wie be Berlin und visitBerlin mit dabei und soll emotionalisiert werden. Dabei ist es ein Ziegelstein. Man kann einen Ziegelstein nicht emotionalisieren.

tip: Was denken Sie denn über die aktuelle Außendarstellung von Berlin?
Spiekermann: Grässlich.

tip: Aha.
Spiekermann: Eine Stadt wie Berlin kann man nicht darstellen. Berlin sollte man lieber in Ruhe lassen, es stellt sich ja selbst dar. Wir hatten damals eine andere Idee bei diesem Wettbewerb, den wir nicht gewonnen haben, nämlich eben kein festes Zeichen für Berlin zu gestalten. Das Wort Berlin wird immer gleich geschrieben, aber alles andere ist offen. Weil jeden Tag etwas anders ist in Berlin. Das versucht be Berlin im Grunde auch zu sagen mit diesem Rahmen, es ist nur alles wahnsinnig schwer und aufgesetzt. Eine Stadt kann man eben nicht verkaufen wie eine verpackte Ware. Die Stadt lebt von den Leuten und davon, dass nicht alles voraussehbar ist.

tip: Zum Image Berlins gehört auch, dass es eine kreative Stadt ist. Create Berlin, eine Vereinigung von Designern, versucht, die Designstadt Berlin als Marke international bekannt zu machen. Sie machen da auch mit. Das Vorhaben ist gut, tritt aber jetzt auf der Stelle.
Spiekermann: Ja, und zwar aus dem gleichen Grunde, so etwas lässt sich nicht verwalten. Create Berlin ist eine relativ lockere Geschichte, eher eine Interessenvertretung, man trifft sich. Und wenn es mehr wird, dann ist es kontraproduktiv. Man kann Design nicht regeln.

tip: Was könnte der Senat für die Kulturwirtschaft tun?
Spiekermann: Sobald man die kreative Szene organisiert, ist sie weg. Das ist ein lebender Organismus. Vielleicht könnte der Senat Orte sponsern und sagen: Hier ist Platz, da sind Mieten billiger, und Ihr könnt machen, was Ihr wollt. Aber wenn die öffentliche Hand Aufträge vergibt, ist es eine Katastrophe, die sind immer schrecklich und unterbezahlt. Ich erwarte eigentlich nur, dass uns die Verwaltung in Ruhe lässt und jungen Leuten, die eine Firma aufmachen wollen, das vereinfacht.

tip: Sie leben jetzt in einem Townhouse auf dem Friedrichswerder. Es wird ja viel gelästert über die architektonische Qualität der Bauten. Ich war verwundert, als ich das erfuhr.
Spiekermann: Ich bin auch immer noch verwundert.

tip: Wie ist das gekommen?
Spiekermann: Ich habe 1983 ein Dachgeschoss am Viktoria-Luise-Platz ausgebaut, es mit meiner zweiten Frau Susanna 2003 noch mal für ziemlich viel Geld umgebaut, und wir waren eigentlich ganz glücklich. Eines Tages saß ich auf dem Flughafen Tegel, da rief ein Freund von uns an. Seine Frau hatte geerbt, sie hatten sich gerade ein Grundstück auf dem Friedrichswerder gekauft. Die Grundstücke waren in einer Auktion sofort weg, sie waren subventioniert und dadurch billiger. Doch jemand war vom Kauf zurückgetreten. Das war dieses Grundstück hier. Mein Freund fragte, ist das interessant für dich? Ich sagte: Nee, was soll ich denn damit? Ich bin ganz glücklich in meiner Motzstraße.

tip: Und dann?
Spiekermann: Dann habe ich meinen Berater Rainer angerufen. Ich lese nie Verträge, er macht das alles seit Jahrzehnten für mich. Tage später rief er zurück und sagte: Ich habe mir das mal angeguckt. Mach das. Ich finanziere dir das.

tip: Wie gefällt es Ihnen in der neuen Umgebung?
Spiekermann: Es ist schon noch ein bisschen komisch. Ich bin ja kein trendiger Mittebewohner. Und hier in der Gegend gibt es ja eigentlich nichts. Doch, einen guten Zeitungsladen, und wir essen manchmal im Chipps von Cookie. Aber es gibt keine eingeborene alte Szene. Es ist eben alles nagelneu. Und die meisten Leute sind zugereist und irgendwie im Finanzwesen tätig, auch nicht so richtig meine Welt, außer meine Freunde hier nebenan, zum Glück. Also ein Kiez ist das nicht. Und wenn wir zum Einkaufen los gehen, sind wir plötzlich wieder in Charlottenburg oder im KaDeWe. Ich bin halt ein alter Westberliner.

Interview: Stefanie Dörre

Erik Spiekermann. Schriftgestalten Umfassende Ausstellung zu Erik Spiekermanns Werk und Netzwerk, Bauhaus-Archiv, Klingelhöferstraße 14, Tiergarten, Mi–Mo 10–17 Uhr, bis 6.6.

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