Stadtleben

Der Letzte seiner Art




Mit Gerhard
Stadelmaier, dem so gefürchteten wie aus der Ferne bestaunten Theaterkritiker
der FAZ, geht es uns wie mit einem alten Bekannten, an den man sich im Lauf der
Jahre gewöhnt hat: Von Zeit zu Zeit liest man den Alten gern und hütet sich,
mit ihm zu brechen. Es ist doch hübsch von einem großen Herrn, so launig oder
höhnisch, so schwärmerisch oder genervt von der kleinen Mitwelt und
Theatergegenwart zu sprechen. Das lustigste an Stadelmaiers Kritiken sind nicht
ihre gut sitzenden Pointen, das lustigste ist die selbst gewählte Position, von
der herab er seine Urteile niederkrachen läst: Irgendwo weit oben im Olymp der
Theatergeschichte, von wo aus er die Zumutungen der Gegenwart zwar noch so halb
interessiert zur Kenntnis nimmt, ihnen aber nur dann Bedeutung zuzusprechen
vermag, wenn sie ihn an das Theater erinnern, das er in seinen jungen Jahren
geliebt hat: Bondy! Stein! Breth! Grüber! Tabori! Lange her.

 

Dass er sich konsequent zu einer zwar ein wenig aus der Zeit
gefallenen, aber seiner Sache höchst sicheren Figur stilisiert und auch
groteske Fehlurteile (zum Beispiel über den frühen Castorf, über die großen
Tschechow-Inszenierungen von Jürgen Gosch oder über das ihm unverständliche
Theater von Rimini-Protokoll) mit größtmöglicher Arroganz dekretiert, macht den
unverwechselbaren Reiz dieses Rezensions- und Hohn-Künstlers aus. Und weil ein
gut gelaunter Reaktionär zumindest unterhaltsamer (und im Zweifel
sympathischer) ist als die gesichtslosen Kohorten der verkniffenen Zeitgeist-Streber
und Diskurswichtigtuer steht Stadelmaier, sozusagen als der Letzte seiner Art,
sowieso längst unter Denkmalschutz: Ein rührendes Überbleibsel aus der
versunkenen Ära, in der Theaterkritik noch eine große Sache (und eine Sache für
Große oder zumindest Großmannssüchtige) war. Ein schön anzusehender, anmutig um
sich schlagender Dinosaurier, dem es egal sein kann, ob sein Urteil in den
Theaterkantinen dieser Welt noch etwas anderes als Verwunderung oder tiefe
Seufzer auslöst.

 

Jetzt ist in einem üppigen Band eine Auswahl seiner Kritiken
aus zweineinhalb Jahrzehnten erschienen. Ein Vierteljahrhundert deutsches
Theater, hunderte, tausende von Nächten im Zuschauerraum. Eine so anregende wie
anstrengende Lektüre. Ein Buch, ein Mann wie aus einer anderen Zeit: Anmaßend,
aufregend, borniert, maßlos. Und irgendwie auch toll.

 

Peter Laudenbach

 

 

i) Gerhard Stadelmaier: Parkett, Reihe 6, Mitte. Meine
Theatergeschichte. Zsolnay Verlag,
 448 Seiten, 25.90 Ђ

 

 

 

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