Stadtleben

„Der Nächste bitte!“

 

„Erst wenn der letzte Beat gerodet,
der letzte Flow vergiftet,
der letzte Beef gefangen ist,
werdet ihr feststellen,
daß man Rap nicht essen kann.“

 

Zeiten kommen, Zeiten vergehen. So sieht’s aus. Ich habe das Gefühl, dass wir hier gerade wieder einmal vor einem kleinen Paradigmenwechsel stehen. Da bröckelt etwas… zumindest in der deutschen HipHop-Welt.

Marcus Staiger hat’s bereits auf Myspace geschrieben, ich verweise auch gerne noch einmal darauf: Manuellsen ist der nächste, der die Schnauze voll hat (checkt seinen Abgesang auf http://www.pottweiler.de, dort „Ihr bringt mich dazu“). Schon vor ein paar Wochen meldeten die Zentralorgane der Szene, dass das Optik-Camp (für alle, die es nicht wissen: das war der Brüter des allseits respektierten Kool Savas) dicht gemacht hat und abgeschrieben wurde. Hat sich in den Zeiten der illegalen Downloads einfach nicht gerechnet. Manuellsen scheint es ebenso ergangen zu sein bei Samy Deluxes Label „Deluxe Records“. Allerdings ist der Mann aus dem Pott – im Gegensatz zur Optik Army – sauer auf alle, nur nicht auf sich selbst (siehe Aufnahme).

Ich glaube, da kommen noch mehr. Während Markus Staiger auf die Veränderungen in der Musikindustrie grundsätzlich verweist, möchte ich gar nicht so weit gehen, sondern frage eine Nummer kleiner: Was passiert wohl noch in nächster Zeit, wenn noch mehr, durch diese Ereignisse demotivierte Rapkarriere-Anwärter endgültig feststellen werden, dass sie mit HipHop nichts dauerhaft zu essen bekommen? Da purzeln die Gangster von den Bäumen wie Regentropfen. Marktbereinigung. Who’s next? – Ersguterjunge?! Bushido ist doch mehr Geschäftsmann als alle anderen. Sagt er zumindest immer, dann wird er wohl auch hier kühl rechnen… time will tell.

Mir erscheint es irgendwie logisch, dass die wirtschaftliche Misere der Musikindustrie genau im HipHop-Bereich so „auf die Straße“ durchschlägt. Seit jeher eine Sparte der großen Worte und großer Gesten haben sich hier in den letzten Jahren so wahnsinnig viele Jungs versammelt, die ihre Attitüde mit eben ihrer vermeintlichen Inkompatibilität zum Rest der Gesellschaft legitimierten. Was ich damit meine? – Ich weiss nicht, wie oft ich mir in den letzten Jahren über meinen Kopfhörer anhören musste, das da jemand rappt, „weil er keine andere Wahl hat, weil er sonst nichts kann und weil das Leben ihn gefickt hat und er jetzt endlich alle anderen ficken kann, weil er jetzt ganz oben ist“. Es waren aber viel zu viele!

In kaum einem anderen Musikgenre ist der individuelle Erfolg so offensichtlich in die Repräsentation „billiger Massenkonsumgüter“ umgemünzt worden wie im HipHop. Jedes beliebige Musikvideo zeugt davon. „Guck auf die Goldkette“ und „Ich bezahl meinen Laptop jetzt in bar“ – die Teilhabe und Rückkehr in die gesellschaftliche Mitte führt beim Rap immer noch über industriell gefertigte Statussymbole. Ja, ich weiß, das sind keine neuen Gedanken – und ja, ich weiß, Rap repräsentiert nun einmal seit jeher die „Unterschicht“ mit ihren Wertvorstellungen. Aber es sind halt meine Gedanken dazu – und mein Themenblog.

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