Stadtleben

Der Rockfotograf: Olaf Heine

olaf-heine„Fotografiert zu werden, ist mir unangenehm. Aber natürlich weigere ich mich nicht, denn schließlich stehe ich sonst auf der anderen Seite und muss mit gutem Beispiel vorangehen, wenn ich möchte, dass die Leute mitmachen.“ Geduldig folgt Olaf Heine den Anweisungen des Fotografen, hin und wieder gibt er einen Tipp. Dann entschuldigt er sich, gerade sind etwa zehn Leute einer Produktionsfirma in sein Kreuzberger Atelier gekommen. Sie wollen hier vielleicht einen Werbespot drehen, um die muss er sich kurz kümmern. Gleichzeitig regelt er mit seinem Assistenten die Formalien für die Überführung einiger seiner Bilder aus den USA. Schnell dreht er noch die Schallplatte um. Und schon steht er wieder vor der Kamera und posiert. „Gefilmt werden ist noch viel schlimmer“, sagt er.

Olaf Heine gehört zu den erfolgreichsten Fotografen Deutschlands. Iggy Pop, Kurt Cobain, Nick Cave, die Ärzte, Sportfreunde Stiller, Bret Easton Ellis, Heike Makatsch, Mario Gomez, Luca Toni – die Zahl der Stars und Prominenten, ob Performer, Schriftsteller, Schauspieler oder Sportler, ist riesig. Aber es ist die Welt der Musik und der Musiker, die ihn schon immer am meisten fasziniert hat. „Ohne meine Begeisterung für die Musik wäre ich wohl kein Fotograf geworden“, sagt er. „Früher habe ich viermal die Woche Konzerte besucht. Ich bin immer gerne mit auf Tour gegangen und habe den Bands bei ihren Aufnahmen im Studio zugeschaut.“ Früher, vor etwa 20 Jahren, fotografierte er, um sein Taschengeld aufzubessern. 1992 brach er sein Architektur­studium ab und zog von Hannover nach Berlin. Seitdem begleitet er Bands um die ganze Welt.

Im Oktober ist sein aktuelles Buch „I love you but I’ve chosen rock“ erschienen. Das älteste Foto stammt von 1991: Kurt Cobain auf einem Konzert in Köln, kurz bevor er mit Nirvana das Album „Nevermind“ veröffentlichte. „Damals hatte ich noch keinen Fotoausweis, ich habe meine Kamera reingeschmuggelt und mich in die vorderen Reihen gedrängelt“, erzählt Heine. Eines der aktuellsten Fotos ist auf dem Cover: Die noch sehr junge New Yorker Band The Drums in der Bar 25 in diesem Sommer, die Jungs sind gerade mal Anfang 20. „Die Arbeit an dem Buch war für mich eine Selbstreflexion und eine Aufarbeitung der vergangenen Jahre, ein Rückblick“, sagt der 42-Jährige.

olaf-heineUnd so ist das Buch auch dokumentarischer, ja autobiographischer, als man es von Heine erwartet, auch wenn er selbst auf ­keinem der Bilder zu sehen ist. „Wenn man mit Olaf Heine über seine Arbeit spricht, dann spricht man auch über sein Leben“, schreibt der Journalist Adriano Sack im Vorwort. Anders als in seinem vor zwei Jahren veröffentlichten Buch „Leaving the comfort zone“ sind ausschließlich Musiker abgebildet und es sind nicht mehr die inszenierten Porträts, die im Mittelpunkt stehen. So findet man keinen als Mönch verkleideten Snoop Dogg – eines seiner berühmtesten Porträts – wie 2008, sondern einen in sich gekehrten, müde wirkenden Rapper, der einen Zigarillo raucht. „Es sind viele Fotos, die am Rande der konzeptionelleren Shootings entstanden sind“, sagt Heine. Und da sind nicht immer Menschen drauf: Es gibt Bilder von aufgeschlagenen Kalendern, Notizbüchern, Collagen mit Flugtickets, Eintrittskarten und Visitenkarten von Hotels. Für Heine ist „I love you but I’ve chosen rock“ eine Art Tagebuch: „Es zeigt Stationen meines Lebens“, sagt er.

Aber der Band folgt Heines Leben nicht chronologisch, sondern in seinen geografischen Etappen. Es beginnt mit Hannover und endet in Berlin, wo er heute wieder lebt. Dazwischen liegen Australien, Kalifornien – in Los Angeles verbrachte er mehrere Jahre –, New York, Argentinien, Puerto Rico, Brasilien, Hawaii. Zu einigen Stationen hat Heine kurze, persönliche Texte geschrieben. Der Titel des Buches „I love you but I’ve chosen rock“, ein Graffiti, das er, während er an dem Buch arbeitete, in Kreuzberg entdeckte und das ihn nicht mehr losließ, erklärt sich von selbst: Er beschreibt den Punkt, an dem sich ein Musiker für seine Karriere entscheidet, ebenso wie es ein Satz war, den Heine hätte sagen können, als er Hannover verließ, um sich ganz der Fotografie und einem Leben an der Seite der Musiker zu widmen.

Und was dieses Leben betrifft, hat Heine mit seinem Buch auch so etwas wie einen Schlusspunkt gesetzt: „Ich bin Vater geworden, ich bin über 40, die meisten Bands sind heute ja mehr als 15 Jahre jünger als ich. Da habe ich nicht mehr das Gefühl noch auf Augenhöhe zu sein. Doch das ist mir wichtig in diesem Job – man muss schon das gleiche Lebensgefühl haben wie die Musiker“, sagt er. Dann verabschiedet er die Produktionsfirma und legt eine neue Schallplatte auf.

Text: Katharina Wagner

Foto: Oliver Wolff

Olaf Heine „I love you but I’ve chosen rock“, Hantje Cantz Verlag, 288 Seiten, 49,80?Ђ

Ausstellung
Galerie Hiltawsky, Tucholskystraße 41, Mitte, bis Fr 7.1.2011, Di-Fr 13.30-19.30, Sa 14-17.30 Uhr

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