Stadtleben

Der Schwabe gehört zu Berlin

holy_wood_kosslick_wowereitWir haben ein Problem. Bis vor Kurzem konnte man sich auch als normal vergammelter Berliner ohne große Mühe ganz weit vorne fühlen. Alt-Mitte, der schwarz-grüne Besserverdiener-Öko-Bezirk, sah aus wie das neue, bessere, irgendwie postmaterialistische Grundeinkommen-für-alle-Deutschland. Ein schwuler Bürgermeister, digitale Wichtigtuer-Boheme, Berghain, White und anderer Trash im Nachtleben, Modemessen hier, Karnevale der Kulturen da, und Neukölln war das medientauglichste Ghetto in ganz „Spiegel TV“-Deutschland. Mit anderen Worten: Wir waren die Zukunft.

Und nun gönnen sich die Schwaben, der langweiligste Volksstamm der Welt, aller Voraussicht nach den ersten Grünen als Ministerpräsidenten. Nebenbei haben sie, der Schwabe ist bekanntlich schlau, hinterhältig und kleinkariert, auch noch im Protest gegen einen modernen Bahnhof die neue Spießer-APO gegründet. Demnächst kriegen sie vermutlich in Böblingen oder Karlruhe auch noch die angesagteren Elendsviertel. Dann bleibt uns in Berlin gar nichts mehr, worauf wir uns was einbilden können.

Ist Baden-Württemberg die neue In-Gegend? Ziehen nächste Woche Jochen Distelmeyer und Daniel Richter nach Sindelfingen? Übernimmt Matthias Lilienthal das Freiburger Stadttheater? Wird Daniel Barenboim Jazz-Pianist in Karlsruhe? Emigriert das Berghain auf die Schwäbische Alb? Jobben die Rammsteins nächstes Jahr als Türsteher in einer badischen Dorfdisco? Das wäre im Prinzip okay, aber wenn die Schwaben die neuen Hipness-Gewinner sind – was wird dann aus uns? Sind wir die Thüringer von morgen? Und müssen wir dann in Kreuzberg anfangen, richtig zu arbeiten und auf einmal Autos statt Joints bauen? Panik macht sich breit.

Die gute Nachricht ist: So weit kommt es nicht. Und das nicht nur, weil die Schwaben gewählt haben wie immer: gewohnt konservativ. Dass auch ein grüner Schwabe vor allem ein Schwabe ist, also etwas verkniffen, selbstgefällig und bieder, beweist Cem Özdemir mit jedem einschläfernden Talkshow-Besuch. Spätestens wenn er, um zu demonstrieren, dass er ein echt lustiger Typ und auch als Polit-Karrierist Mensch geblieben ist, von „Dick & Doof“-Filmen schwärmt. Das, genau das, ist Baden-Württemberg pur. (Pur, die fürchterlichste Band des Universums, kommen übrigens und logischerweise auch aus der Biedersinn-Folterkammer Baden-Württemberg). Ein grüner Ministerpräsident in Stuttgart ist keine Revolution, sondern gemütlich, vernünftig und etwa so glamourös wie Martin Walser, der alte Bodensee-Schnarchsack.

Die Befürchtung, die Schwaben könnten im Hipness-Wettbewerb auf der Überholspur an Berlin vorbeifahren (am besten mit dem ersten Solarenergie-angetriebenen Mercedes), ist unnötig. Schon weil die braven Schwaben weiter via Länderfinanzausgleich Geld in unseren Berliner Subventionssumpf pumpen, danke schön. Bewährte Arbeitsteilung: Die Schwaben schaffen, die Berliner feiern und schlafen aus, und alles ist gut. Auch die Angst, Schwaben könnten jetzt das Berliner Kulturleben unterwandern, ist unbegründet. Das haben sie längst getan. Vermutlich gibt es genau deshalb ein gut geöltes Berliner Kulturleben, in dem sogar mit schwäbischer Gründlichkeit ordentlich Geld verdient wird. Castorf, der „arbeitsscheue Ostler“ (Selbsteinschätzung), kann da trotz robustem Erwerbstrieb nicht mithalten.

Längst sind die Schwaben – leise, geschickt und mit der typischen Mischung aus scheinbarer Bescheidenheit und beinhartem Kalkül – eine Hegemonialmacht im Berliner Kulturbetrieb. Der Berliner Filmregisseur Andres Veiel: ein Schwabe. Der Intendant des Deutschen Theaters, Ulrich Khuon: ein sehr typischer Schwabe, gnadenlos rechtschaffen, kostenbewusst und fleißig – schaffe, schaffe, Spielplan baue … Sasha Waltz: eine Schwäbin. Jochen Sandig, der Radialsystem-Kulturbetriebsmittelständler: ein Schwabe, was sonst. Wo wohnte Renй Pollesch, bevor er in Berlin berühmt wurde? In Stuttgart. Wo leitete Claus Peymann sein erstes Theater? In Stuttgart. Wo gilt sogar der talentfreie Honk Volker Lösch, der an der Schaubühne regelmäßig das mäßige Niveau senkt, als politischer Künstler? Am Staatstheater Stuttgart.

Die Schwabenschwemme in Berlin hat einen simplen Grund. Wer in Schwaben aufwächst und mehr vom Leben will als ein Grüßgottle und ein Eigenheim, macht, dass er wegkommt, am besten so weit weg wie möglich. Also besetzten Generationen von Exil-Schwaben in Berlin Häuser, gründeten Bioläden und Käsespätzle-Restaurants. In denen sitzen sie jetzt immer noch, trinken Tannenzäpfle-Bier oder schlotzen Trollinger (jawohl, Trollinger wird geschlotzt, nicht getrunken) und reden über ihre Baugruppen, Eigentumswohnungen und Steuersparmodelle.

Besonders hoch ist der Output an Exil-Schwaben aus einer rätselhaften Region zwischen Baden und Schwaben: die Hölle von Pforzheim, in der nicht nur der abgewählte Steinzeitministerpräsident Mappus ausgebrütet wurde, sondern auch jede Menge verhaltensauffällige zugezogene Berliner. Der Leiter der Filmfestspiele Dieter Kosslick: ein Exil-Pforzheimer (mit sehr Pforzheim-untypischem Charme). tip-Gründer Klaus Stemmler: ein Exil-Pforzheimer (mit sehr Pforzheim-typischem Mittelständler-Erwerbssinn). Der Autor dieser Zeilen: genau, auch Exil-Pforzheimer. Vielleicht wird es Zeit, über ein Zuzugsverbot für Pforzheimer in Problembezirken wie Kreuzberg oder Schöneberg nachzudenken – schon aus Rücksicht auf unsere türkischen Nachbarn. Spätestens wenn im ersten Mietshaus am Görlitzer Bahnhof die Kehrwoche eingeführt wird, ist die Berliner Leitkultur der entspannten Verwahr­losung in Gefahr. So weit darf es nicht kommen. Aber um die mutigen, ja, die unerschrockenen Worte unseres Bundespräsidenten zu zitieren: Der Schwabe gehört zu Deutschland. Da kann man nichts machen. 

Text: Peter Laudenbach

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