Stadtleben

Der Tibeter

MönchNur wenige aus dem bunten Völkchen dürfen vorbei an den bulligen Leibwächtern, heran an das weinrot gewandete Oberhaupt der Tibeter. Der Berliner Bettelmönch Tschaglung Tulku Ngawang Gelek wird vorgelassen, wie immer, wenn der Dalai Lama zu Besuch ist. Gelek ist einer von etwa 40 Tibetern in Berlin. „Wie geht es Seiner Heiligkeit gesundheitlich“, fragt Gelek ehrfurchtsvoll. „Gut, aber du bist ganz schön alt geworden!“, flachst der Dalai Lama zurück, neulich unterm Brandenburger Tor, und herzt Gelek kurz. Die beiden kennen sich schon länger – von 1992 bis 1994 war Gelek sogar sein Schüler. „Drei Jahre teaching und teatime mit den Mönchen, oft waren wir hunderte, manchmal nur zu fünft.“


1961 im Hochland hinter Lhasa geboren – mit ihrer Vielzahl an Yaks gilt seine Familie als reich –, schließt sich Gelek als 25-Jähriger einer Demo in Lhasa gegen die Chinesen an. Er kommt für drei Jahre in Einzelhaft. „Anderthalb Jahre lag ich in Ketten, Tag und Nacht. Kälte, Schläge, Tritte, immer wieder kamen die chinesischen Folterer …“ Als Gelek damals, Ende der 80er Jahre, freikommt, will er Mönch werden, bahnt sich seinen Fluchtweg nach Dharasalam, zum Dalai Lama.
Anfang der 90er Jahre sitzt der junge Mönch als Einsiedler in den Bergen und meditiert, als eine hübsche, exzentrische Schwäbin des Weges kommt und ihn aufliest. Der Mönch verliebt sich, gibt seine Gelübde zurück und folgt 1994 der selbst ernannten Zen-Nonne nach Charlottenburg in die Kantstraße. Tochter Tara, heute 13, wird geboren, und Gelek verdient fortan den Familienunterhalt als Bettelmönch, bietet in seinem Dahlemer Tara-Zentrum Meditationen an für die Gestrauchelten aus der Fußgängerzone. Der Dokumentarfilm Jenseits von Tibet erzählt das bizarre Märchen der schwäbisch-tibetischen Liaison.


Seitdem ist die Wilmersdorfer Straße seine Heimat. Neben Araberjungs, manischen Predigern im Jehova-Look, einem Max-Raabe-Double im grauen Maßgeschneiderten mit Pater-Leppich-Hut und einer rumänischen Kapelle sitzt der Mönch Gelek, stößt wie gewohnt im kehlköpfigen Singsang seine Gebetsmühlenmantras aus und trommelt dazu. In elf Jahren Spielzeit hat sich der Tibeter Tschaglung Tulku Ngawang Gelek die Hauptrolle in diesem Straßen­theater erarbeitet. Das Publikum mag den freundlichen, meist lächelnden Bettelmönch.
Drei Jahre hat Gelek nun Pause gemacht von seiner beschwerlichen Aufgabe in der Wilmersdorfer Straße – eine Dahlemer Gartenbaufirma hat ihn als Baumpfleger eingestellt. Betteln ist Arbeit, der Lotussitz anstrengend, besonders im Winter, das geht auf den Rücken. Aber seine Fans, die Alkis, Junkies, Schnäppchenjäger vermissten ihn. So sehr, dass es schon Anfragen beim Einwohnermeldeamt nach dem Tibeter gab. Seit voriger Woche sitzt er nun wieder an seinem angestammten Platz vor Karstadt, Ecke Pestalozzistraße, samstags von zehn bis 20 Uhr. Und nicht mehr im Schneidersitz, sondern auf einem modernen Camping­stuhl in den Farben Schwarz, Rot, Gold, passend dazu ein Sonnenschirm. „Besser für den Rücken“, freut sich der Mönch über das Geschenk zur Fußball-WM vom Kaufhaus, samt schwarz-rot-goldenem Wägelchen mit Rädern.



Gelek
hat zwar Deutsch gelernt, aber es hapert an der Aussprache. Doch sein Auftritt in der Fußgängerzone hat den Bettelmönch stadtbekannt gemacht. Er stand mit Nina Hagen auf der Bühne und ließ sich von einer Kreuzberger Veranstalterin vermarkten. Zurzeit genießt Gelek die Wiedersehensfreude auf der Wilmersdorfer. Nach der Baumpflege summt der Tibeter noch ein paar Gebete in Obertönen und sammelt zum Feierabend ein paar Euros in die Mütze. Bis das Handy klingelt. Tochter Tara liegt in der Badewanne und braucht unbedingt Conditioner. Papas rote Kutte taucht ein ins rote Neonlicht von Rossmann. In den Regalen kennt er sich bestens aus. Seit Kurzem wohnen Gelek und Tara in der Jungfernheide zusammen. Ihr will er nun seine Zeit widmen, statt mit seiner Exfrau über Bühnen zu tingeln. Für ihn beginne jetzt mit 47 allmählich auch die Zeit der Todesvorbereitung. Denn viel älter als 70 wolle er nicht werden, sagt Gelek vor dem Rossmann-Shop. Er habe schließlich schon genug gesehen. Und jetzt ginge es ums Wesentliche: „Ums Karma kümmern, nächstes Leben vorbereiten …“


Text: Guido Schirmeyer

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