Stadtleben

Der Venusjäger

 „Die Stimmen der Zeit“ und „Vom Leben und Tod Gottes“ – J.G. Ballards neu verlegte Erzählungen

Es ist nicht nur der unbeirrbare Sternenforscher, der sich vor skeptischem Publikum erklärt, der „Venusjäger“ der gleichnamigen Novelle, sondern auch J.G. Ballard selbst: „Nehmen Sie die besten dieser Geschichten als das, was sie sind: fantasievolle Übungen zum Thema Zukunft“.

Wie recht er damit hat. 1956 veröffentlichte der Brite, Jahrgang 1930, seine ersten Kurzgeschichten. Seitdem widmet er sich immer wider der Science-Fiction – der realistischen Zukunft, nicht der erfundenen. Was immer er schreibt, es scheint zum Greifen nah. Kein anderer erzählt so glaubwürdig über Schrecken des Kolonialismus, Mega-Citys, Bürokratie und elitäre Gesellschaften mit chancenlosen Individuen, denen am Ende nur die Assimilation bleibt, jene „Neumodellierung des Menschen durch moderne Technologie“, wie Ballard es in „Crash“ voraussieht.

J.G. Ballard. Copyright: Rolf Thissen 

Seine Storys bis 1992, gesammelt in zwei Bänden auf knapp 2200 Seiten und mit neuen Übersetzungen, sind wie ein Geschenk. Denn wer Ballard auf Deutsch lesen wollte, musste vorher die Kurzgeschichten und Romane in Antiquariaten suchen. Das meiste wurde jahrelang nicht verlegt. Vor allem in seinem in „Die Stimmen der Zeit“ versammelten Frühwerk demonstriert er seine visionäre Stärke und zollt Ray Bradbury Tribut. Von Bradbury hat er jene Figur des anarchistischen Überlebenden aus einer alten Zeit übernommen: Der Mentor, der einem im totalitären Zukunftsstaat aufgewachsenem Kind die Schönheit geheimer Vergangenheit aufzeigt. Bei Ballard ist es der Glockenläuter aus „Chronopolis“, der die verbotenen Uhren zum Schlagen bringt und den Rebellen im Schüler weckt.

Allerdings muss man sich beim jungen Ballard auch auf dramaturgische Missgriffe einstellen. Plotwendungen und Auflösungen im letzten Satz, die wohl Verblüffung und Nachhaltigkeit erzwingen sollen. Kommen aber glücklicherweise selten vor.

Der Mensch, betont Ballard, kann nur auf der Erde gerettet werden. Die Expansion ins All, die Besiedelung fremder Planeten sei ein Fehler. Das sagt, mit Verweis auf das Anfang der Sechziger gestartete Apollo-Programm, auch sein „Venusjäger“: „Weil der Raum, wie das Meer, ein universelles Abbild des Unterbewussten ist, ein Abbild von Psychose und Tod“, ziehe es den Menschen dorthin. Aber er falle auch immer wieder auf die Erde zurück. „Wie ein dummer Ikarus, ohne die Fähigkeit, die Weite des kosmischen Nichts zu begreifen“ 

J.G. Ballard, „Die Stimmen der Zeit“, „Vom Leben und Tod Gottes“, Heyne Verlag.  

 

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