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Stadtleben

Der Verein Moabit setzt sich für den Bezirk ein

MoabitWenn Diana Gevers, Richard Sieg und Dagmar Bubolz über ihren Berliner Wohnbezirk Moabit reden, dann glänzen ihre Augen ver- schwörerisch. Okay, geben die drei zu, Gegenden wie die Turmstraße wirken mit ihren Ein-Euro-Shops oder den Handyläden auf den ersten Blick vielleicht nicht unbedingt anheimelnd. Doch wer – wie die Landschaftsökologin, der Mathematikstudent und die Diplom-Ingenieurin – erst einmal hinter diese Tarnung geguckt hat, läuft Gefahr, sich unsterblich in diesen Bezirk zu verlieben. „Der Schulgarten Moabit ist ein echtes Kleinod“, schwärmt etwa Dagmar Bubolz. Diana Gevers dagegen schätzt besonders ihr Stammlokal Dicker Engel in der Birkenstraße, eine uriges Restaurant-Unikat. Und Richard Sieg zieht es regelmäßig in die Emdener Straße, wenn im Cafй Moabit mal wieder die „Beste Show“ läuft.

Dass sich diese Attraktionen noch nicht überall in Berlin herumgesprochen haben, macht wohl einen Teil der Faszination aus.
Denn wer immer durch die Zunfthalle schlendert, Moabits restaurierte, historische Markthalle aus dem Jahr 1891, oder in Freddy Leck sein Waschsalon einen Cappuccino schlürft, fühlt sich schnell wie ein Entdecker: Touri-Hype sucht man hier vergebens.
Tatsächlich hatte Moabit, ganz im Gegen- teil, in den vergangenen Jahrzehnten mit wirtschaftlichem und sozialem Niedergang sowie Leerstand zu kämpfen. Das legendäre Hansa Theater überlebte auch als Theater Engelbrot nicht. Auch das Krankenhaus Mo- abit wurde dichtgemacht. Und der Kleine Tiergarten zwischen Alt-Moabit und Turm- straße wurde zum Drogen- und Alki-Treff.
Wer sich vom äußeren Verfall jedoch nicht abschrecken ließ und eine zentral gelegene, bezahlbare Wohnung suchte, der wurde in Moabit schnell fündig. Vor allem das Westfälische Viertel zwischen Levetzowstraße und Alt-Moabit mit seinen verkehrs- beruhigten Straßen und den typischen Ber- liner Altbauten galt als Geheimtipp für junge
Selbstständige und Familien. Echte Individualisten fühlten sich aber auch in anderen Moabiter Gegenden wohl: Denn da logierte auch der nette türkische Bäcker, der schon mal die Post entgegennimmt. Oder der Kioskbesitzer, der auch ohne Bestellung weiß, was man haben will.
Diana Gevers, Richard Sieg und Dagmar Bubolz könnten unzählige Geschichten er- zählen, die man so nur in Moabit erleben kann. Von feuchtfröhlichen Abenden in der absolut szeneunverdächtigen Moabiter Eck- kneipe Zur Quelle. Oder von mitternächtli- chen Shopping-Erlebnissen bei Blumen-Hetzer, einem 24-Stunden-Open-Air-Blumenla- den an der Turm- Ecke Stromstraße. Wer für diese speziellen Moabit-Vibes empfänglich ist, spürt schnell eine Verbindung zu Gleich- gesinnten. Mitte 2011 entstand rund um die Gründung von Frank Wolfs Cafй Moabit – der Betreiber ist HipHop-Aktivist, BMX-Artist und Moabiter Lokalpatriot – so fast zwangs- läufig die Idee, einen Verein zu gründen.
Dnatürlich sah man auch die Defizite des Bezirks, die wirtschaftliche, aber auch kulturelle Armut. Will man dagegen etwas ausrichten und für Aktionen öffentliche Räu- me oder gar Gelder beanspruchen, ist auf den Ämtern ein „e.V.“ sehr hilfreich.
Schon im Namen des am 27. Juli 2011 gegründeten Vereins MOABIT IST BESTE schwingt mit, was nach Ansicht der inzwischen rund 40 Vereinsmitglieder den Bezirk ausmacht: In Sachen Hochkultur ist man hier vielleicht nicht ganz sattelfest. Dafür aber hat der Moabiter Herz – und macht auch gerne mal ein bisschen Dampf. Das bis dahin gleichförmig vor sich hin dümpelnde Turmstraßenfest mischte der Verein mithilfe einer eigenen Bühne erfolgreich auf. Außerdem lud man zum Kiezbingo oder zum Film- Karaoke – aber auch zu Straßensäuberungsaktionen, Protestkundgebungen zugunsten der Wiedereröffnung des Freibades Moabit und zum Runden Tisch gegen Gentrifizierung. Denn der wachsende Druck auf dem Berliner Wohnungsmarkt ist nun auch in Moabit angekommen. Wer hier eine Wohnung neu anmietet, zahlt jetzt deutlich höhere Mieten.
Das Moabit-Engagement der inzwischen in Verein Moabit e. V. umgetauften Organisation kommt deshalb nicht bei allen Kiezbewohnern gut an. Nicht wenige fürchten, dass etwa die vom Verein durchgeführten Kneipentouren neues Volk auf den Bezirk aufmerksam machen – und sich der Kampf um bezahlbaren Wohnraum verschärft. Vor- würfe, die die Vereinsmitglieder von sich weisen. „Ob es in Moabit auch künftig eine gute soziale Mischung gibt, ist eine Frage der Politik“, sagt Diana Gevers. „Es sind Politiker, die dafür zu sorgen haben, dass es Milieuschutz und Sozialwohnungen gibt.“
Welche Pläne die Parteien diesbezüglich für Moabit haben, sollen sie deshalb den Bür- gern selber sagen. Noch vor den Wahlen, am 27. August, lädt der Verein Bewerber für Direktmandate im Deutschen Bundestag in den Gemeindesaal Moabit, um ihnen vor Publi- kum auf den Zahn zu fühlen. Denn dass Moabit nichts von seinem eigenwilligen Charme verlieren soll, darüber ist man sich im Verein einig: „Sollte die Gaststätte Zur Quelle von einer Schließung bedroht werden“, kündigt etwa Diana Gevers an, „würden wir für ihren Erhalt mit aller Kraft kämpfen.“

Text: Eva Apraku
Foto: David von Becker


VEREIN MOABIT e.V. www.verein-moabit.de

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