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Der Wahlkampf des CDU-Spitzenkandidaten Frank Henkel

henkel_wahlplakatFrank Henkel hing als Erster. Wowereit, Kü­nast und der Rest durften erst ab 31. Juli Wahlkampfwerbung machen. Der Berliner CDU-Chef lächelte schon Tage vorher auf uns herab. Mit einem Trick hatte er sich in die Poleposition gebracht. Denn auf den Plakaten macht er keinen Wahlkampf, sondern bewirbt das CDU-Wahlprogramm „100 Lösungen für Berlin“, Verkaufspreis 50 Cent, überall am Kiosk erhältlich. Auf dem Plakat prangt die Schlagzeile „Die 100 Probleme von Berlin“ – und gleich daneben ist Frank Henkel zu sehen. Eine Werbebotschaft, die viele Fragen aufwirft: Hat Frank Henkel 100 Probleme? Oder ist Frank Henkel eines von 100 Problemen?

Testkäufe an drei Kiosken bringen überraschende Erkenntnisse. Die erste: Ich komme mir vor wie beim Pornokauf. Immer wieder schleiche ich im Kiosk im Bahnhof Zoo um den Tisch, auf dem „100 Lösungen für Berlin“ ausliegt. Also: Warten, bis sich der Kiosk leert, dann schnell zuschlagen. Einmal die „100 Lösungen“ und zum Einwickeln noch eine Tageszeitung. Kommentar vom Kiosk-Mann: „Aha, etwas von den ganz Großen.“ Umgehend gestehe ich, dass ich auf Recherche bin, und frage nach Verkaufszahlen. „In meiner Schicht habe ich das noch nie verkauft.“

Vielleicht läuft der Verkauf im Bahnhof Friedrichstraße ja besser. Diesmal erstehe ich Frank Henkels Lösungen pur. Der Verkäufer wirkt freundlich, er scherzt mit den Kunden. Doch als ich das Henkel-Magazin auf den Tresen lege, quittiert er das mit einem kühlen „Na klar“. Ich sage mein Recherche-Sprüchlein. „Hätte ich jetzt auch gesagt, wenn ich so was kaufen würde“, kontert er. Das „So was“ zieht er ziemlich in die Länge. „Ich fühle mich auch ein bisschen schmutzig dabei“, gebe ich ihm recht. „Bin ich der Erste, der so was hier kauft?“ – „Nö, in zwei Wochen zwei Stück jetzt. Ist auch gut so, ich halte nämlich nicht viel von Leuten, die so was kaufen.“ Das scheint der richtige Moment, um den Laden zu verlassen.

Letzter Versuch im Bahnhofskiosk am Alexanderplatz. Kein Henkel, keine Lösungen weit und breit. „CDU-Wahlprogramm? 100 Lösungen?“ Der Verkäufer hat noch nie davon gehört. Nach langen Minuten findet er das Lösungsmagazin im Computer. Wir durchsuchen noch mal gemeinsam die Regale. Nichts. „Vielleicht bei der Politik“, schlägt er vor. Tatsächlich, da steht es, rechts hinten im Laden, eingeklemmt zwischen „Hintergrund – Das Nachrichtenmagazin“ und „GegenStandpunkt“. Das eine ein dezidiert propalästinensisch/antiisraelisches Organ, das andere eine klassenkämpferische, antiimperialistische Kampfansage. Interessante Regal-Platzierung: Henkel zwischen zwei weltanschaulichen Polit-Dinosauriern.

Wie diese Polit-Dinosaurier bewegt sich auch Henkel in seinem eigenen geschlossenen System, das für Außenstehende bizarr wirken kann. Henkels System ist der Ordnungswahn in Zahlenform. Das Wahlprogramm „100 Lösungen“ arbeitet mit sehr, sehr vielen Zahlen und Nummern. Das „Themenregister“ auf den Seiten zehn und elf bereitet „Problemnummern“ und „Ergänzungsproblemnummern“ auf. Es gibt nämlich nicht nur 100 Probleme, sondern auch noch 76 Ergänzungsprobleme, und alle haben eine eigene Nummer. Die Problemnummer 69 vermerkt: „Tempo 30 als Autofahrerschikane“. Dazu gibt es die Problemergänzungsnummer e45: „Radfahren in Berlin gefährlicher als in Polen“. In Henkels Welt werden soziale, politische oder wirtschaftliche Probleme penibel durchnummeriert. Damit will er reale Probleme in eine Bearbeitungsnummer verwandeln, die die Bürokratie nur noch abarbeiten muss.

Ein weiterer Kick für Verwaltungsbeamte: Problemnummern können in verschiedenen Bereichen auftauchen! Und können dabei sogar unterschiedlich gewertet werden! Zum Beispiel Nummer 95: „Vielfalt der Berliner Musik- und Clubszene bedroht“. Diese Pro­blemnummer taucht sowohl im Bereich Kultur als auch im Bereich Wirtschaft auf. Im Kulturbereich ist die 95 fett hervorgehoben. In Henkels Lösungswelt heißt das: Dies ist eine Problemnummer mit „Themenschwerpunkt“. In der Wirtschaft hingegen wurde die Zahl nicht fett hervorgehoben. Hier ist die Musik- und Clubszene eine ganz normale Problemnummer. Henkels Themenregister ist ein Paradies für Bürokratie-Fans.

Inhaltliches Highlight ist die Problemergänzungsnummer e46: „Der Bahnhof Zoo ist noch immer vom DB-Fernverkehr abgekoppelt – Lösung: Der Bahnhof Zoo muss wieder an den Fernverkehr angeschlossen werden.“ Der große Rest ist altbekannte CDU-Programmatik. Vielleicht war das Pornogefühl gar nicht so falsch. Henkel bietet viele Nummern, aber eine sauöde Story.

Text: Volker Gunske

100 Lösungen für Berlin Für 50 Cent am Kiosk oder als kostenloser Download unter www.cduberlin.de

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