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Betonwüste

Der absurdeste Ort in Berlin: Der Zentrale Festplatz ist weder zentral noch festlich

Wenn man in Berlin wirklich alles gesehen haben will, muss man auch dahin gehen, wo es wehtut, und auf dem Weg zum Zentralen Festplatz tut es besonders weh. Der Zentrale Festplatz ist weder zentral noch festlich – sondern Berlins absurdester Ort. Ein Besuch.

Zentraler Festplatz Berlin mit einem Rummel im Nirgendwo – und der Jet fliegt glücklicherweise drüber hinweg. Foto: Martha Gropius
Zentraler Festplatz Berlin mit einem Rummel im Nirgendwo – und der Jet fliegt glücklicherweise drüber hinweg. Foto: Martha Gropius

Am Kurt-Schumacher-Platz fürchtet man erst, die Flugzeuge aus Tegel könnten in das Einkaufszentrum mit dem tollen Hochstaplernamen „Der Clou“ krachen, so tief, wie die Dinger hier vorbeizischen. Es wird auch nicht besser, wenn man mit dem Bus den Kurt-Schumacher-Damm entlangfährt, vorbei an Stacheldrahtzäunen. Die Gegend um die Cité Joffre, wo einst die französischen Berufssoldaten lebten, hat bis heute einen wundervoll martialischen Besatzungszonencharme.

Unerhört eigentlich, dass einem gleich bei Zuckerwatte und Bier gute Laune verordnet werden soll. Es ist nämlich Rummel. Aber bevor wir aufs Riesenrad dürfen, müssen wir – knapp vorm Flughafen – den Bus verlassen und an der Autobahn lang. Natürlich ist der Himmel grau, wir wollten ja schließlich was Trauriges sehen, und natürlich fühlen wir uns vom „Herzlich Willkommen“-Schild an der Abfahrt zum Festplatz verhöhnt.

Wir denken an Wolfgang Ambros und sein Lied „Es lebe der Zentralfriedhof“, in dem am Ort der Totenruhe das Leben barbarisch zu blühen beginnt: „Dort hinten bei der Marmorgruft, durt stengan zwa Skelette / Die stess’n mit zwa Urnen on und saufen um die Wette.“ Ambros kommt bekanntlich aus Wien, und die haben ihren prahlerischen Prater, aber diesen Ort hier würde er sicher verstehen. Denn der Zentrale Festplatz ist der absurdeste Ort Berlins.

Zentraler Festplatz Berlin: Nur die Flugzeuge erinnern daran, dass es einen Himmel gibt

Schon im Namen sind zwei Lügen versteckt. Der Platz ist weder zentral gelegen noch festlich, was daran liegen könnte, dass man hier nach der Wende und dem Abzug der alliierten Schutzmächte tatsächlich ein Munitionsdepot der französischem Streitkräfte zum Ort für Spiel, Spaß und Volksfeste umgewidmet hat. Zu Beginn der Corona-Pandemie wurde der Zentrale Festplatz kurz zum „Zentralen Testplatz“, zur Anlaufstelle für Corona-Tests.

Jetzt ist er wieder ganz der alte, ein Nicht-Ort, der mit jedwedem Inhalt gefüllt werden kann, dabei aber nie beliebig oder verkennbar aussieht: So viel Nichts wie hier muss man erst mal hinkriegen.

Der Zentrale Festplatz wurde zwischenzeitlich als Berlins erste Corona-Teststation genutzt. Foto: imago images/Future Image

Dann zaubern sie doch noch auf dem Zentralen Festplatz in Berlin

Nun also Herbstfest mit Maskenpflicht. Oben rauschen die Flugzeuge, unten scheppert die Achterbahn, am Nachmittag noch fast ohne Gäste. Die Wildwasserbahn ist dekoriert mit Kunstpalmen, die albern in den Himmel ragen, als wollten sie die vorüberfliegenden Touristen auf ihrem Weg an bessere Orte verschaukeln. Immerhin erinnern einen die Flugzeuge daran, dass es einen Horizont gibt. Den sieht man hier nicht, sondern muss ihn durch die Baumumfriedung des Platzes hindurch erahnen.

Frühlingsfest auf dem Zentralen Festplatz, auch speziell. Foto: tipBerlin

Es ist seltsam, dass man hier, in diesem Besatzungszonen-Fantasialand, ein bisschen außerhalb der Zeit ist, aber trotzdem genau weiß, dass man sich im rauen, nördlichsten Nordwesten des Weddings befindet, einer Gegend wie eine Bratwurst im Sturm.

Wir essen Langos und sehen Kinder, die sich freuen und gucken und das alles sicher anders erstaunlich finden als verstiegene Journalistinnen. Und irgendwann versteht man sie. Denn wenn es dämmert, schaffen es die Schausteller dann doch zu zaubern, mit ihren ratterigen Fahrgeschäften und Blinkelichtern, mit ihren Rummelskulpturen (Ob die Kinder wissen, wer James Dean ist?), ihren Büdchen und Hüttchen, in denen man sich Plüschflamingos angeln, schießen oder anders umständlich erwerben kann. Spielt da vielleicht ein Orchester auf? Ach nee, es läuft nur „Time to say goodbye”. Später auch der Wendler und Billie Eilish.

Probierpommes und Jim Beam beim Volksfest auf dem Zentralen Festplatz Berlin

Bonjour Tristesse: Der Eingangsbereich des Zentralen Festplatzes wirkt seltsam verlassen, selbst in Rummelzeiten. Foto: imago images/Gora

Der Jim Beam ist ausverkauft an „Dani’s Bierbar“, und das ist schade, aber dann reißt auch bald der Himmel auf, „Einsteigen bitte“. Eine Familie läuft vorbei. Die Erwachsenen tragen Zipfelmützen aus braunem Filz auf dem Kopf, die Kinder nicht, aber dafür haben sie offenbar unpraktische Kuscheltiere gewonnen. Am Snack- und Bierstand reicht man einem jungen Mädchen eine Probierpommes über die Theke wie eine Scheibe Leberkäs beim Metzger. Einen Tag auf dem Zentralen Festplatz, diesen seltsam melancholischen Eskapismus an der Autobahn, muss man wollen, wenn der Berliner Horizont sonst nur vom Leopoldplatz bis zur Hermannstraße reicht.

Aber wer kommt, wird belohnt, irgendwie. Vor allem, wenn die Abendwelt grell und laut geworden ist. Wrrrumm, ein Flugzeug. Bumm, Helene Fischer. Vor dem Klo spielen kleine Jungs mit Plastikschwertern, Teenager durchstreifen das Gelände in Fünfergruppen. Es ist Rummel. Es lebe der Zentralfestplatz.


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