Stadtleben

Deutschland sucht den Super-Dramatiker

Wenn ein netter, kleiner Kultursender wie arte sich als Event-Produzent versucht und unbedingt beweisen will, dass Literatur und Theater sich in einem gängigen Fernsehformat massenkompatibel weichspülen lassen, sind die Peinlichkeiten vorprogrammiert. Am 20. September veranstaltet arte eine Live-Sendung, bei der schon der Titel sprachlich ein wenig verrutscht ist, vom Inhalt mal ganz zu schweigen: Die großen Dramatiker – Finalshow.

Das Publikum soll den „King of Drama“ (arte) wählen. „10 Dramatiker stehen zur Wahl, doch es kann nur einen geben!“ deliriert die arte-Pressestelle. O-Ton-arte-Werbung: „Macht Sartre das Rennen? Oder gar Beckett? Bis zum letzten Augenblick können die Zuschauer die Wahl noch beeinflussen.“ Das klingt nach dem verzweifelten Versuch, Spannung zu simulieren, wo keine ist. Vor allem klingt das Promo-Geschrei als hätten sie bei arte den völlig berechtigten Verdacht, dass sich für ihre „Finalshow“ kein Mensch interessiert. Moderiert wird das vom dauergrinsenden Frettchen Dieter Moor, dem Dieter Bohlen des Kulturfernsehens, gemeinsam mit einer französischen Kollegin, die mit Vornamen Emmanuelle heißt und auch so aussieht.Arte_Logo

Vor der großen „Finalshow“ stellt der Kultursender in 10 Filmen 10 Dramatiker vor, die Reihe beginnt am 7. September mit der „Die großen Damatiker Auftaktsendung“, ein Titel, der ahnen lässt, dass, wo das Möchtegern-Event zuschlägt, nicht nur die deutsche Grammatik dran glauben muss. Die Porträt-Filme über die Dramatiker sind ganz herzallerliebst. Der russische Clown Oleg Popov zum Beispiel widmet sich Samuel Beckett: „Das Leben ist ziemlich irregulär, sagte Beckett. Und er hat absolut Recht!“ Na, wenn Oleg Popov das sagt. Weil es so wenig Filmaufnahmen von Beckett gibt, spielt dann ein schlechter Schauspieler, wie sich ein Pseudo-Beckett bei einem pompösen Foto-Shooting wie ein dekadenter, vor Eitelkeit strotzender Designer fotografieren läßt. Wer Beckett liebt, würde in diesem Augenblick mit den Filmemachern gerne das gleiche tun, was in Becketts Erzählung „Wie es ist“ ein anonymer Fremder einem anderen antut: Er rammt ihm einen verrosteten Dosenöffner in den Anus.

Kritik, Kommentare, Fan-Mails? Her damit.

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