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Deutschlands erste Imam-Schule in Lichtenberg

Immam_c_Peter_Steffenpicture-alliance-dpaEisiger Wind weht durch die Wallensteinstraße. Das große gelbe Gebäude ist schon von Weitem zu sehen. Viel los scheint nicht zu sein. Das Tor ist verschlossen. Hohe Hecken versperren die Sicht aufs Gelände. An diesem Ort, wo vor mehr als 20 Jahren noch DDR-Eisenbahner ihre Auszeichnungen feierten, lernen heute rund 30 Studenten, den Koran richtig zu lesen und zu interpretieren. Aber an diesem Dienstag ist niemand da. Nur ein Handwerker ordnet seine Schleifmaschinen. Ansonsten: Stille.

Wer Deutschlands erste Imam-Schule kontaktieren möchte, braucht Geduld. E-Mails und Telefonversuche verhallen wochenlang unbeantwortet. Kein Sekretär oder Anruf­beantworter, dem man Nachrichten hinter­lassen könnte. Vielleicht stellt Allah auch nicht jede Anfrage sofort durch – wer weiß das schon? Im Frühjahr vergangenen Jahres, bei der Eröffnung, sah das noch ganz anders aus: Vorträge, Besichtigungen für Gäste, Büfett. Tag der Offenen Tür. Das volle Programm. Was an Fakten bekannt ist: Seit März 2009 bildet das Institut Buhara Imame aus. „Ein Imam kann ein Seelsorger, ein Vorbeter, ein Gelehrter, ein Lehrer und vieles mehr sein“, erklärte Yasar Erkan, Vorsitzender des Schul-Trägervereins Semerkand, im April dieses Jahres auf der Deutschen Islam-Konferenz. Die Gemeinde mit rund 300 Mitgliedern in Tiergarten spendete einen Großteil der Gelder für die Sanierung des Kulturhauses. Zu den Pflichtfächern der künftigen Imame gehören Religion, Kunst, Arabisch, Türkisch und der Koran. Aber auch Deutsch und Gesellschaftskunde stehen auf dem Stunden­plan. Die Ausbildung kostet 4?000 Euro pro Jahr. Dazu erklärte der Schulleiter Alexander Weiger zur Eröffnung des Privat-Instituts seiner­zeit dem Tagesspiegel lapidar, die Ausbildungskosten zahlten die Eltern. Und: „Ihr Kindergeld macht schon die Hälfte des Betrags aus.“ Das ist schon mal eine, gelinde gesagt, bemerkenswerte Interpretation vom Sinn und Zweck des Kindergeldes.

Im Saal des Instituts Buhara tanzten im März 2009 beim Tag der Offenen Tür Derwische in langen weißen Gewändern über den polierten Parkettboden. Die religiösen Tänzer praktizieren den Sufismus, der auch an der Schule gelehrt wird. Schulleiter Weiger sei, so erklärte er an diesem Tag öfter in die Mikrofone, wegen des Sufismus zum Islam konvertiert. Grundlage der mystischen Strömung ist der Koran, doch orthodoxe Muslime werfen den Sufis vor, die Lehren des Islams nicht genügend zu beachten und stattdessen eine individuelle Nähe zu Gott zu pflegen. Tatsächlich ist der Sufismus nicht unbedingt toleranter als der Islam der schiitischen oder sunnitischen Rechtsschulen. So wird der deutsche Orientalist Tilman Nagel oft zitiert mit: „Die Annahme, einem rigiden, unduldsamen ‚Gesetzesislam‘ stehe eine ‚tolerante‘ sufistische Strömung entgegen, gehört zu den Fiktionen der europäischen Islamschwärmerei und wird durch die historischen Fakten tausendfach widerlegt.“ Bundesweit, so schätzte Weiger im Tagesspiegel, gäbe es etwa 100?000 Sufisten, die in Deutschland ausgebildete Vorbeter zu schätzen wüssten. Ob die Studenten nach ihrer sechsjährigen Ausbildung in Karlshorst auch eine bezahlte Stelle in einer Moschee finden, ist aber noch unklar. Viele Gemeinden holen ihre Vorbeter lieber aus der Türkei.

„Wir legen großen Wert darauf, dass unsere Imame einen theologischen Hochschulabschluss haben“, sagte Bekir Alboga, Leiter der Dialogabteilung von der Türkisch-Islamischen Union der Anstalt für Religion (DITIB) kurz vor der Eröffnung.
Und so einen Bachelor oder Master gibt es in Berlin noch nicht. Auch wenn immer mal wieder Stimmen wie die des Integrationsbeauftragten Günter Piening laut werden, eine Alternative zum Institut Buhara anzustreben, etwa: „Die Schule entlastet uns nicht davon, über eine universitäre Ausbildung für muslimische Geistliche in Deutschland nachzudenken.“
Bisher sind die rund 2?000 Imame im sogenannten Rotationsverfahren hier. Das heißt, dass sie kaum Deutsch sprechen und nach drei bis vier Jahren wieder in ihr Herkunftsland, die meisten in die Türkei, zurückkehren. Christian Pfeiffer, streitbarer Direktor des Kriminologischen Forschungsinstituts in Niedersachsen, sieht darin die Hauptursache für die Gewaltbereitschaft junger Muslime: „Wir haben kein Islam-Problem, sondern ein Imam-Problem“, sagte er kürzlich bei „Menschen bei Maischberger“. Denn die Imame auf Zeit orientieren sich überwiegend am Herkunftsland. Gesellschaftliche und politische Diskussionen in Deutschland bekommen sie nicht mit.

Zwar hat Wissenschaftssenator Jürgen Zöllner angekündigt, dass demnächst ein Treffen zwischen Humboldt-Universität und Freier Universität zum Thema stattfinden wird. Möglich wäre beispiels­weise eine Kooperation von Humboldt- und Freier Universität bei der ­­Doktorandenausbildung islamischer Bekenntnistheologen. Doch das Projekt scheint seit geraumer Zeit nicht richtig voranzukommen. Und während in Berlin noch nachgedacht wird, welche von den Hochschulen künftig ein bekenntnistheologisches Islam-Studium anbietet, schafft Frankfurt am Main Tatsachen. Mit mehr als 100 Studenten startete die Goethe-Universität im Oktober den Bachelor-Studiengang „Islamische Studien“. Der Direktor des neuen Instituts für Studien der Kultur und Religion des Islam, Ömer Özsoy, sagte, mit diesen Angeboten sei einem wissenschaftlichen Umgang mit dem Islam aus der Binnenperspektive die Tür geöffnet worden.

Als Religionslehrer an Schulen werden die Buhara-Imame nicht unterrichten können – „das dürfen nur Lehrkräfte mit einem fachwissenschaftlichen Studium oder einer vergleichbaren Ausbildung“, so die Senatsschulverwaltung. „Die Buhara-Schule ist nicht staatlich anerkannt, und entsprechend besteht auch keine Kontrolle hinsichtlich der Qualität der Lehre.“ Wenn in knapp fünf Jahren also die ersten Buhara-Absolventen auf Jobsuche gehen, scheiden Schulen als potenzielle Arbeitgeber aus. Das Letzte, was man vom Institut hörte: Im Mai dieses Jahres war Innensenator Ehrhart Körting da. Fragt man nun notgedrungen rund um das Haus nach, gibt es keinerlei Kritik. Weder von den Anwohnern: „Manche der jungen Männer grüßen morgens freundlich, wenn sie hier vorbeilaufen“, erzählt ein Kleingärtner aus der direkten Nachbarschaft. Noch vom Bezirksamt. Im Gegenteil. In Lichtenberg ist man froh über den Einsatz für das alte Kulturhaus. „Die haben das ganze Gebäude ausgebaut und den großen Saal modernisiert“,  sagt Diana Eisenach von der Pressestelle.

Irgendwann, nach Wochen der versuchten Kontaktaufnahme, kommt dann aber doch eine kurze Mail. Man bedankt sich für das Interesse an Buhara und bittet um Entschuldigung. Man sei „zurzeit sehr ausgelastet“. Und dann gibt es tatsächlich noch eine öffentlichkeitswirksame Information: Wegen der vielen Anfragen wollen „wir in Kürze einen ‚Tag der Offenen Tür‘ veranstalten, und somit öffentlich alle Interessierten herzlich einladen“, erklärt Burhan Simsek von der Institutsverwaltung.
Also liegt es doch nicht an höheren Mächten, wenn E-Mails mit erheblicher Zeitverzögerung beantwortet werden. Es fehlt in Karlshorst offenbar schlicht an Personal.

Text: Britta Geithe

Foto: Peter Steffen/dpa

www.institutbuhara.com

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