Stadtleben

Die 120 Tage von Khuon


 

Zu Beginn seiner Intendanz am Deutschen Theater Mitte September vergangenen
Jahres sagte Ulrich Khuon, er hoffe, dass nach ein paar Monaten so etwa wie
eine Physiognomie des Theaters erkennbar sei, zumindest ein Eindruck davon, was
die Künstler am neuen DT wollen. Nun, dieses Profil ist inzwischen sichtbar,
Zeit für eine Zwischenbilanz. Sie fällt, um es mal betont höflich zu sagen,
durchaus gemischt aus. Franz Wille zum Beispiel konstatiert im Branchenblatt
„theater heute“, Ulrich Khuon organisiere „das Hauptstadt-Kunstgewerbe“. Das
ist nicht besonders charmant und angesichts einiger intelligenter
Inszenierungen wie Nicolas Stemanns „Heilige Johanna der Schlachthöfe“ oder
Michael Thalheimers „Puntilla“, einer Übernahme aus Hamburg, auch nicht ganz
fair. Aber die Kunstgewerbe-Diagnose beschreibt die Gesamtbilanz besser, als es
Khuon recht sein kann. Nicht ganz unbeteiligt am Eindruck, es mit einem
unangenehm saturierten, selbstzufriedenen und intellektuell nicht übertrieben
ehrgeizigen Theater zu tun haben, sind die bildverliebten
Wohlfühlveranstaltungen des Hausregisseurs Andreas Kriegenburg: Parfümierte
Oberfläche, bestenfalls unverbindliches Interesse am verhandelten Stoff .
Schroff gesagt: Zuckerbäckertheater. Dass Khuon so ungeschickt war, in vier
Monaten inflationär ein halbes Dutzend Kriegenburg-Premieren und -Übernahmen
anzusetzen, macht die Neugierde auf diese Nettigkeiten  nicht unbedingt größer. Daneben stehen
Komplett-Konfusionen wie Bötschs „Das Goldene Vließ“, naives Kindertheater
(„Woyzeck“) oder der Boulevard-Absturz „Sein oder Nichtsein“. Bleibt zu hoffen,
dass das einem klugen Mann wie Khuon auf Dauer nicht genügt.

Peter Laudenbach

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