Stadtleben

Die 68er

„Ein Mann ohne Knast ist wie ein Baum ohne Ast‚“ ruft Angelika mit Reibeisenstimme und hebt zum Prosten ein 0,5er-Rex-Pils in die Luft. Die lockere Freundschaft zur 60-jährigen Gastronomin bedeutet mir viel, schließlich gelange ich durch sie in Welten, zu denen ich sonst keinen Zugang hätte, so wie heute beim Treffen einer Gruppe ZZ-Top-Fans beim Open-Air-Festival im Landkreis Brandenburg.

Vorm Bierausschank wird mir eine düstere Gestalt vorgestellt, der Mann mit dem glasigen Blick macht keine große Umschweife: „Wa’te hier siehst, sind 1000 Jahre Knast.“ Sein Haar ist unterhalb der Glatze zu einem langen, dünnen Zopf gebunden – um ihn herum sind bärtige Männer in Jeans- oder Lederwesten an kleinen Plastikstehtischen stationiert. Ihre Langhaarfrisuren sind meist schon grau, und die Kleidungsfarbe konsequent schwarz.

Frauen sind hier zahlenmäßig in der Minderheit, tragen eher Camouflagehosen oder „wat mit Fransen“. Man kennt sich seit den frühen 70er Jahren, traf sich in der ehemaligen DDR häufiger in einer Diskothek namens Sack, falls man nicht gerade wegen staatsfeindlicher Äußerungen in U-Haft saß. Und im Sack muss es ordentlich zugegangen sein, wie ich aus dem Kommentar eines gewissen Kamminski zum Tischnachbarn ableite: „.. weste noch, wie wa dem Schlagzeuger den Arm jebrochen haben, als der den Jimi-Hendrix-Song nicht spielen wollte?“

Heute, in der Senior-Rocker-Generation, verlaufen Konzertbesuche aus anderen Gründen dramatisch. Angelika berichtet vom Revivalkonzert der Lords: „Dit war inne Einkaufspassagen in Potsdam – da fiel auf einmal der Sänger von der Bühne.. Klar, der is och älter jeworden, aber sowat … Ick dachte zuerst – wat für’ne jeile Showeinlage, dabei hatte der’n Herzinfarkt.“ Der Anflug von Nachdenklichkeit verflüchtigt sich, als sich eine greise Erscheinung mit langem weißen Bart dem Bierstand nähert.

„Spritti!“, ruft Angelika euphorisch und fällt dem Mann um den Hals. „Wo ist denn Karotte?“ „Im Krankenhaus – Nierenkolik“, wird vom Nachbartisch ergänzt. Der Informationsträger ist ein gewisser Schweine-Achim – der Entertainer in der Runde macht andauernd lustige Ansagen, wie vorhin bei der 59-jährigen Monika, als sie bei der Begrüßung meinte: „Hey, Achim, erkennst du mich nicht mehr?“ Er öffnete daraufhin ihre Lederweste, betrachtete ihren Busen und antwortete schließlich: „Doch, klar, jetzt schon!“ (Und alle lachten.)

Interessiert höre ich mir Schweine-Achims Anekdoten über sein Leben als Spät-68er an. Ohne Frage ist er ein Spitzenerzähler, erst als in einem Nebensatz sein aktuelles Berufsbild zur Sprache kommt – „Puffbetreiber auf Thailand“ – finde ich ihn nicht mehr ganz so cool. Ich frage ihn, ob er keine Angst davor hat, im Gefängnis zu landen. Da lächelt Achim nur müde und tut, als hätte er meine Frage nicht gehört. Womöglich ist ihm Angelika mit der Antwort schon zuvorgekommen: „Ein Mann ohne Knast ist wie ein Baum ohne Ast.“

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