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Stadtleben

Die Alte Försterei Berlin wird wieder eröffnet

Union-StadionDer 1. FC Union bedankt sich bei 1739 „Stadionbauern“. Ihre bürgerlichen Namen stehen auf der Liste, mit der sich die Baustelle der neuen Alten Försterei schmückt. Auf den Schildern für die Brust steht Siggi, Gossi oder Schnalle. Es ist sieben Uhr, der Frühappell, und Sylvia flötet: „Mor­jen, Jungs!“ Wie jeden Wochentag, seit 13 Monaten. Von Sylvia weiß man, dass sie Sylvia Weisheit heißt. Als „Eiserne Lady“ leitet sie das freundschaftlichste Stadionprojekt aller Zeiten. Sylvia sorgt dafür, dass Benno an der richtigen Stelle schippt und Marek besser fegt als bei den Fundamen­ten hilft. In Köpenick errichten die Fanatiker sich ihren eigenen Tempel. In der Regel lassen sich die Clubs der Bundesligen praktische Arenen an den Stadtrand betonieren. Mit dem Geld der Stadt, bescheidener Selbstbeteiligung und Zuschüssen von Investoren, deren Namen dann die Stadien tragen dürfen.

Bei Union fühlte der Fan sich rundum wohl in seiner baufälligen Alten Försterei. Ob in der Zweiten oder Vierten Liga. Als die Dritte allerdings erfunden wurde, kam es bei der Lizenzierung zu Problemen mit dem DFB. Die erodierten Stehränge wurden beanstandet. Die Oberliga mit dem BFC Dynamo drohte und die Stadt mit der Baupolizei. Als neue Spielstätte schlug der Senat im Januar 2008 den zuletzt überflüssigerweise renovierten Jahn-Sportpark vor. Oder das Olympiastadion. In Köpenick brach Panik aus. Im Jahn-Sportpark war in den Achtzigern der BFC beheimatet, der Erzfeind. Und die Strapazen einer Reise nach Charlottenburg nimmt niemand im Südosten klaglos auf sich. Trotzdem hatte Union letztlich keine Wahl und musste im Jahn-Sportpark spielen. Umso emsiger buddelten, schweißten und malerten die Fans vor der eigenen Haustür.
„Ich bin Fan, Oberbauleiter und Betonlieferant“, erklärt Dirk Zingler. Der Vereinspräsident ist Bauunternehmer, auch im Hauptberuf. Vor allem vor der Leistung, ah­nungslose Senatoren umgestimmt zu haben, ziehen alle an der Alten Försterei den Helm. Der Ein-Euro-Symbolkauf des Geländes war von der EU vereitelt worden. Zingler handelte der Stadt die Erbbaupacht für 99 Jahre ab. 600.000 Euro Baukosten schoss der Bezirk zu, mit der Auflage, den Um- und Ausbau selbst voranzutreiben. Zweieinhalb Millionen Euro stifteten Sponsoren. Der bisher geleistete Subbotnik wird auf einen Gegenwert von zwei Millionen geschätzt. Der Architekt Dirk Thieme sitzt als Fan im Aufsichtsrat.

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„Bestünde das Präsidium aus Schustern und Bäckern“, sagt Zingler, „wäre es niemals gegangen.“ Stünden bei Union normale Fans auf den Traversen, hätte Köpenick heute eine Ruine, die von einem Fußballclub erzählen könnte, der sich mehr als Soziotop verstand und weniger als Marke. Jetzt erzählt die Baustelle davon, dass es so bleibt. Von einem Club, der auch das Zeitalter des Unterhaltungsfußballs überleben könnte.

1968 überraschte der bis dahin unauffällige Verein die DDR mit dem Pokalgewinn. Der internationale Auftritt blieb Union versagt. Wegen des Prager Frühlings trennte die UEFA Ost- und Westclubs, was die Ostverbände boykottierten. Die politischen Verhältnisse schweißten die Anhänger der „Schlos­serjungs aus Schöneweide“ inniger zusammen als in anderen Stadien. Erich Mielkes Stasi kümmerte sich um die Serienmeisterschaft des BFC Dynamo. An der Alten Försterei wurde der Staat verhöhnt, bei Freistößen der Mauerfall gefordert. 1980 schaufelte die wachsende Gemeinde die Tribünen höher. Seither werkeln regelmäßig Spieler, Fans und Funktionäre am Erhalt der Spielstätte. Entsorgte Sitzschalen aus dem Olympiastadion wurden eigenhändig angeschraubt. Der kollektive Winterdienst war selbstverständlich. Jetzt wird die vom DFB verlangte Rasenheizung eingebaut.

Union schwamm nie in Geld. Der Profisport bescherte dem Verein zunächst Geschäftsleute mit hochfliegenden Plänen. 1997 drohte der Konkurs. 3000 ohnmächtige Fans stapften durchs Brandenburger Tor und verlangten „Rettet Union!“ Das tat im Jahr darauf das Unternehmen Kinowelt mit einem Konjunkturpaket. 2001 bestritt Union das DFB-Pokalfinale im Olympiastadion, scheiterte und feierte. Es ging wieder hinab bis in die Oberliga. Bei Finanz­engpässen trafen sich die Fans zum Sammeln, vor fünf Jahren wurde unentgeltlich Blut gespendet, „Bluten für Union“. Im Jahr darauf fiel erstmals das Wort Stadionneubau. Sofort konnten „Grün­dersteine“, mit einer persönlichen Gravur verziert, erworben werden. Davon zeugt auch nach den Baumaßnahmen eine Klinkerwand im Eingangstunnel. Selbst die antike Anzeigentafel bleibt. Hier werden noch in Handarbeit die Spielstände mit Zahlentafeln angezeigt. Die Aufbauhelfer motivieren sich zur Arbeit täglich mit dem Acht-zu-Null über den BFC Dynamo von 2005.


Am 8. Juli wird das Stadion feierlich eröffnet. Seit neun Monaten werden die Eisernen vertröstet. Säumige Slowaken lieferten die Überdachung erst verspätet, dann versagten sie bei der Montage. Einen Monat vor dem Festakt wurde ihnen der Vertrag gekündigt, um die Einweihung nicht zu gefährden. Hertha BSC kommt. Aber das ist auch egal, das „Wohnzimmer“ ist wieder hergerichtet, und Union hat einen Lauf. Am 9. Mai, im Jahn-Sportpark, wurde die Meis­terschaft der Dritten Liga und der Aufstieg in die Zweite klargemacht. Man brüllte „Auswärtssieg!“ und „Scheiß Dynamo!“, ließ den ungeliebten Rasen heil und machte, dass man heimkam. An der Alten Försterei wurde gefeiert. Uwe Neuhaus, der beherrschte Trainer aus dem Ruhrgebiet, rief vom Balkon: „Ihr geilen Säue, ich liebe euch!“ Neuhaus war endgültig angekommen bei Union. Die Anwesenden rasten, und am Montag standen sie um sieben wieder pünktlich beim Appell vor Sylvia Weisheit. Stadionbauer Olli sagt: „Union ist kein Verein, sondern eine Familie.“ Manche helfen in der Freizeit, nutzen ihren Urlaub und ris­kieren ihre Ehe.

Andere haben ihre Jobs gekündigt. Wer zwei linke Hände hat, kauft Aufbauhelfer-Stunden. Lehrer schwingen Besen, und Hartz-IV-Opfer vom Fach flechten begeistert Stahl. „Das Bauprojekt ist ein Sozialprojekt“, sagt Sylvia Weisheit. Man kann alles darin sehen in der Krise: Bürgersinn und Kommunismus. Selbst bei minus 20 Grad tauchten mehr Helfer auf als nötig. Wird sich auch das selbst gebaute Stadion füllen? Mehr als 20.000 passen in die Alte Försterei. Halb voll wäre Dirk Zingler recht, zuletzt kamen im Durchschnitt 7000. Zingler: „Wenn Union irgendwann identisch wäre mit einer Marke wie Hertha – was hätten wir damit erreicht?“ Man bleibt in Köpenick gern unter sich, erst recht, wenn Nina Hagen das Union-Lied kräht.
Wahrscheinlich bleibt alles beim Alten. Künftig allerdings im schöns­ten Stadion Deutschlands.

Text: Michael Pilz
Foto: Stefan Hupe, Andreas Labes

Eröffnungsspiel 1. FC Union – Hertha BSC
, Mi 8. Juli, 20.30 Uhr, an der Alten Försterei, An der Wuhlheide, Köpenick

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