Stadtleben

Die andere Stadt:

trieste_nebbiaTriest sei eine wunderbare und merkwürdige Stadt, befand 1909 der Wiener Autor Hermann Bahr, man habe dort den Eindruck, „nirgends zu sein“. Dieses Unwirkliche trifft auch heute noch zu. Wer noch nie in Triest war, weiß nicht genau, wo es liegt. Triest fördert in seinen Besuchern einen Sinn für das Allegorische, das Verlangen, etwas übermäßig mit Bedeutung aufzuladen. Bereits Thomas Mann, Joyce, Rilke und Italo Svevo schätzten Triest wegen dieser zwischenzeitlichen Atmosphäre. Heute in Triest spazieren zu gehen oder in seinen Cafйs abzuhängen (die Stadt ist ideal für ein verbummeltes Dolcefarniente) bedeutet, sich in einem leicht halluzinatorischen Nebeneinander zu bewegen.

Auch der Begriff der nationalen Identität hat hier etwas Irreales. Ein schmaler Küstenstreifen ist alles, was die in einer halbkreisförmigen Bucht gelegene, von karstigen Kalkhängen eingeschlossene Stadt mit dem italienischen Territorium verbindet. Die slowenische Grenze ist fünf Kilometer vom Stadtzentrum entfernt, Kroatien fängt 15 Kilometer südlich an, und Serbien, Bosnien, Her­zegowina und Ungarn erreicht man mit dem Auto innerhalb eines Tages.

Triest war eine der größten Schöpfungen des Habsburger Imperiums. Es war ein verschlafenes Fischerstädtchen, bis Kaiser Karl VI den Hafen zum Freihafen erklärte und damit einen beispiello­sen wirtschaftlichen Aufschwung in Gang setzte. Um 1900 war Triest einer der wichtigsten Überseehäfen der mitteleuropäischen Wirtschaft. Von hier aus wurde der gesamte Handelsverkehr Ös­terreich-Ungarns über die Adria hinaus nach Kleinasien, Syrien, In­dien, China und Japan abgewickelt. Die eigentliche Inspiration, die der Stadt Ruhm und Wohlstand brachte, war das Geld, und Triests Ideologie war der Materialismus. Aber die Doppelmo­narchie ging unter, die Stadt verlor ihre Bedeutung, wurde zum Hinterzimmer der Geschichte. 1918 fiel Triest an Italien. Es liegt eine postimperiale, wie­­nerische Melancholie und Weh­­mut im städtischen Gewebe. Die Essenz dieser Triester Tristesse ist das Schloss Miramare, eines der meistbesuchten Schlösser Italiens. Der 27-jährige Erzherzog Maximilian erbaute es als Liebesrefugium für sich und seine Frau Charlotte. Der weltfremde Habsburger ließ sich allerdings von klerikal-konservativen Kreisen ver­führen und zum Kaiser von Mexiko ausrufen. 1867 wurde er dort von Aufständischen erschossen, und seine Gattin verfiel danach in geistige Umnachtung. Das Schloss brachte auch späteren Eigentümern kein Glück und ist seither von düsteren Legenden und unheilvollen Gerüchten umgeben.

schloss_miramareTriest in seinem Schwebezustand von Erwartung und Resignation kann seiner wechselvollen Geschichte und seiner Geografie nicht entkommen. Zwar ist es die Hauptstadt der Region Friaul-Julisch Venetien, hier haben immer noch große Versicherungen ihren Sitz, und es ist der fünftgrößte Hafen des Mittelmeers, aber die Fallhöhe ist zu immens. Die Stadt hat ihre einstige Bedeutung verloren und scheint auf der Suche nach einer Ersatzfunktion zu sein. Vielleicht besteht seit der Demokratisierung der Balkanstaaten die Möglichkeit, an die frühere Bedeutung zumindest anzuknüpfen. Aber ein Soufflй steigt nicht zweimal, und der Charakter Triests ist von der k. u. k. Monarchie bestimmt. Das wunderbar erhaltene Zentrum der Stadt mit den streng rechtwinkligen Straßenzügen, seiner etwas labyrinthischen Geometrie und seinem merkantil orien­tierten, leicht verwirrenden Übermaß an Symmetrie und Ordnung wurde im 18. und 19. Jahrhundert erbaut und ist ein edles Dekor im klassizistischen Stil, dessen Zentrum die grandiose Piazza Unitа ist, der größte Platz Italiens.

Triest ist keine Stadt für Pedanten. Es war schon immer auch eine Stadt der Kaffeehäuser und Kneipen, und hier verflüchtigt sich die Zeit wie Rauchschwaden. In dieser passenden Kulisse für unstete Wanderschaften, für Exodus und Exil lässt sich fabelhaft sinnieren, warum Joyce hier elf Jahre lebte, warum Rilke im benachbarten Duino zu seinem elegischen Meisterwerk inspiriert wurde. Hier kommt man leicht ins Philosophieren: Was suche ich hier? Was ist mein Weg? Was ist das Schicksal großer Träume, großer Weltreiche? Triest mag kein Touristenmagnet sein, aber wer für seine unvergleichliche Atmosphäre empfänglich ist, wird reich beschenkt.

Text: Egbert Hörmann

Wichtig zu wissen:
Anreise
Die führenden Low-Cost-Carrier bieten Flüge zur ganzen Adriaküs­te an. Der Aeroporto Friuli Venezia Giulia in Ronchi ist ca. 30 Kilometer von Triest entfernt.

Essen und Trinken
Die Triester Küche weist österreichisch-ungarische Einflüsse auf. Favorit in den Buffets (Imbisslokale) ist „porcina con senape e kren“ (Kaiserfleisch mit Senf und Kren), „Jota“ (Suppe aus Bohnen, Sauerkraut und Speck) und „Gubana“ (grappagetränkter Nusskuchen).

Unterkunft
Zentral gelegen und preisgünstig: Rittmeyer (ab 50 Euro, www.pensionerittmeyer.com),
B&B Marta (ab 50 Euro, www.hotelmarta.it), B&B Battisti (ab 60 Euro, www.bb-battisti.it).

Sehenswertes
Hügel von San Giusto Das historische Zentrum der Stadt mit römischen, mittelalterlichen und venezianischen Überresten, wunderbarer Blick auf Stadt und Meer. Castello di Miramare Von Tragik umwobenes Schloss auf einem Felsenvorsprung über dem Meer.
Grotta Gigante Eine der größten Tropfsteinhöhlen der Welt, versteckt im Triester Karst. Palazzo Revoltella Palast mit grandioser Inneneinrichtung aus dem 19. Jahrhundert. Ein Muss sind die traditionsreichen Cafйs, vor allem das Tommaseo, das San Marco, das Pirona und La Caffetteria del Borgo.

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