Stadtleben

Die andere Stadt:

KyotoJeder Tempel oder Shinto-Schrein, der über diese Grenze von vier am Tag hinaus besichtigt wird, führt dazu, dass man sie ir­gendwann alle nicht mehr auseinanderhalten kann. Es stellt sich ein ähnlich verschwurbeltes Gefühl ein, wie es sonst die Japaner von ihrer „Europe in six days“-Tour kennen: Die Einzigartigkeit der einzelnen Anlagen verwischt, man kann „den mit dem größten Tor“ (Heian-Schrein) nicht mehr von „dem mit dem Wasserfall“ (Kiyomizu-Tempel) unterscheiden. Und dann gibt man mit tränenden Augen (Räucherstäbchen) und eis­kalten Füßen (Schuhverbot) seinem Reiseführer recht, der vor den fast 200 Tempeln in dieser schönsten aller japanischen Städte warnt: „Don’t overdose!“

Was macht man aber in Kyotos Dämmerung, nachdem die tägliche Vier-Tempel-Dosis erreicht ist? Man zieht sich die Schuhe wieder an und geht in den frühen Abendstunden im Bezirk Gion Geishas angucken!

Ein paar Geishas hat man den Tag über schon in den Tempelbezirken im Süden und Osten der Stadt gesehen. Mit ihren äußerst unpraktischen hohen Holzsandalen schuffeln sie unfallfrei durch die engsten Gassen oder flanieren mit aufgespanntem Ölpapierschirm und sirrendem Fächer entlang den Flusspromenaden. Und sie sehen genau so aus, wie man sich Geishas vorstellt: weiß geschminktes Gesicht, hellrote Lippen, Seidenki­mo­­no, aufwendige Frisur mit schwarzen Lackkämmen und Blumengestecken drin.

Ein Gesamtkunstwerk, das auch als erotisches Aushängeschild der Japaner durch westliche Hirne flirrt. Aber die Erotik der Geishas oder „Geikos“ wie sie in Kyoto heißen, ist subtil und hat mit körperlicher Prostitution seit Jahrhunderten nichts mehr zu tun. Junge Frauen werden jahrelang in Ochaya genannten Teehäusern in Musik, Tanz, Ike­bana und dem wichtigsten Teil der japanischen Kultur, der Teezeremonie, ausgebildet. Eine Gei­sha sollte nach mindestens fünf Ausbildungsjahren geistreich, gebildet, anmutig und charmant sein. So wie es ihre Vorgängerinnen seit dem 18. Jahrhundert waren, als man begann, die Geishas als „Frauen der Künste“ wertzuschätzen und die Trennung zwischen den Prostituierten und den „Kunstfrauen“ verordnete.

Diese traditionelle innere und äußere Perfektion wird auch heute noch dem zahlenden Gast in den Ochayas und anderen exklusiven Restaurants in Gion vorgeführt. Außer den Teehäusern gibt es in den mittelalterlichen zweigeschossigen Häusern auch noch Geschäfte für Kimonos, Perücken und Fächer, außerdem haben dort Tanzlehrer oder Maskenbildner ihre Räume. Die Chance, einige Gei-shas von einem dieser uralten Geschäfte zu ihrem Teehaus oder zu einem Termin gehen zu sehen, ist also in diesem Viertel sehr hoch. Und da viele der Gassen gepflas­tert und autofrei sind, ist für einen Moment die Illusion des alten Japan perfekt. Näher kommt man der Edo-Zeit, der Blütezeit japanischer Kunst und Kultur, in dem gründlich durchindustrialisierten Land wohl nicht.

Allerdings ist es eine teure Illusion guter alter Zeit, denn sie kann nur mit viel Geld aufrechterhalten werden. Und die Unterhaltung durch Geishas beim Essen ist wohl auch nur japanischen Geschäftsmännern mit Sinn für traditionelle Lautenmusik und perfekt synchrone Tänze die hunderte Euro pro Abend wert. Die Ausstattung der Geishas, ihre vielen unterschiedlichen Seidenkimonos, zu denen auch alle anderen Accessoires perfekt passen müssen, und ihre lange Ausbildung werden da mit auf der Rechnung der Teehäuser oder der vermittelnden Geisha-Agentur präsentiert. Aber unauffällig hinschauen kostet den Touristen ja nichts. Und wenn es nicht in Anstarren und Blitzlicht-Arien ausartet, wird es auch mit Charme und Anmut toleriert.

Essen sollte man aber trotz des netten Lächelns lieber allein, was in Gions vielen kleinen normalen Restaurants sehr gut und günstig zu haben ist. Für die Unterhaltung muss man dann selber sorgen, aber das kann in Bezug auf die un­gewöhnlichen Laute alter japanischer Instrumente auch ein Vorteil sein.

 

Infos:


Allgemein


Kyoto ist mit knapp 1000 Tempeln und Schreinen Bestandteil fast
aller organisierten Japan-Touren, aber es ist auch eine tolle Stadt für Individualtouristen. Entweder landet man von Europa aus direkt in Osakas Kansai Airport und nimmt den Shuttle-Bus, oder man braust von Tokio in zwei Stunden mit dem Shinkansen-Expresszug nach Kyoto. Beides ist wie alles in Japan bestens organisiert.

Reisezeit


Problem Kirschblüte: Nie ist die Stadt so schön wie zu dieser Zeit – und auch nie so voll. Zudem können Touristen im April auch die Geishas bei ihren Tänzen im Theater bewundern. Eine gute Alternative ist die Zeit der Laubfärbung, also Oktober bis Anfang Dezember. Und in Kyoto ist im Winter Schnee fast garantiert.

Übernachten


Mitten in Kyotos Geisha-Bezirk Gion liegt das Yoshiima Ryokan, ein exklusives japanisches Gästehaus. Es kostet allerdings mindestens 200 Euro pro Zimmer (2 Personen), www.yoshi-ima.co.jp Die günstige Alternative ist das Cheapest Inn B&B nahe des Nijo-Schlosses, ab 15 Euro, www.kyoto.cheapest-inn.com

 

Text: Iris Braun

 

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