Stadtleben

Die andere Stadt: Antigua

AntiguaDie Sonne steht hoch am zartblauen Himmel und wirft ein gleißendes Licht auf Antigua. An einer Straße haben zwei traditionell gekleidete Maya-Frauen ein riesenhaftes Backgerät aufgestellt. Eigentlich müsste die Stadt zu dieser Mittagsstunde längst überkochen. Aber die im südlichen Hochland Guatemalas gelegene Siedlung sonnt sich anderthalb Kilometer über dem Meeresspiegel und wird beständig von frischer Luft durchweht. Im Stadtpark sitzen die alten Männer und träumen von damals.
Denn Antigua hat eine spektakuläre Geschichte des Aufstiegs und Nie­der­gangs. Im Jahr 1543 im spanischen Barockstil errichtet, erhielt die Stadt schon bald vom spanischen König Philipp II. den Namen „Höchst noble und höchst treue Stadt Santiago der Ritter von Guatemala“. Als die benachbarte Kapitale durch Erdrutsche verschüttet wurde, stieg sie sogar zur Hauptstadt der spanischen Kolonien in Zentralamerika auf und ließ sich wenig später mit Residenzen wie Lima und Mexico City vergleichen.
Wie zum Hohn traf es dann aber Antigua selbst. 1773 rang ein schweres Erdbeben die Stadt nieder, der Hauptstadttitel wanderte ins heutige Guatemala City weiter. Doch Antigua wurde niemals aufgegeben, sondern immer nur noch schöner wiederaufgebaut.
Vor 30 Jahren erhielt die Stadt ihre bislang letzte Auszeichnung. Die UNESCO reihte sie ins Welt­kul­tur­erbe ein. Ihr gefielen vor allem die Bauprachtstücke des 17. und 18. Jahrhunderts: die majes­tätische Catedral Metropolitana, die Universität San Carlos de Borromeo mit ihrem märchenhaften Innenhof, die hellgelb leuchtende Dreieinigkeit aus Kirche, Dom und Kloster La Merced. Von den einst 45 Kirchenbauten Antiguas sind noch rund 15 erhalten. Allerdings tragen ihre Fassaden zahllose Nähte und Flicken – Spuren der gewaltigen Verwüstungen, die die Stadt erlitt. Aufgelockert wird der koloniale Prunk durch Kleinode wie die Fontäne im Stadtpark, die verwitterten Stadtmauern und verspielten Arkaden.
AntiguaÜber all dem Menschenwerk thronen drei Vulkankegel, die den Ort wie eine Schildwache flankieren. Von West nach Südost heißen sie Acatenango, Fuego (Feuer) und Agua (Wasser). Mit dieser Fülle an Natur, Baukunst und Geschichte auf engstem Raum übertrumpft die 35.000-Einwohner-Stadt vergleichbare Orte des Kontinents mit Leichtigkeit.
Aber auch das heutige Antigua setzt sich ab, es ist – zugespitzt gesagt – all das, was Mittelamerika nicht ist, und damit auch das Gegenteil von der Hauptstadt Gua­temala City: sauber, friedlich, sicher. Die bösen Geister scheinen sich für immer aus Antigua verabschiedet zu haben.
Zwischen den Wohnhäusern haben sich elegante Galerien, Schmuckläden und Cafйs eingenis­tet, die zum Flanieren einladen. Die schnurgeraden, hellgrau schim­mernden Kopfsteinpflastergassen, die den Ort in akkurate Recht­ecke portionieren, besitzen fast europäisches Flair. Dominierende Farben der zumeist einstöckigen Gebäude sind Gelb, Hellblau und satte Rottöne.
Im Mai und Juni erstrahlt die Umgebung der Stadt zusätzlich im Weiß der Kaffeeblüten. Diese Helle bleibt noch lange im Kopf, wenn man Antigua längst wieder verlassen hat.

Text: Ivo Mailand

Foto:
Diana Kurzweg

Wichtig zu wissen

Anreise
Mit Iberia von Tegel über Madrid nach Guatemala City, acht Stunden Flug, ca. 660 Euro. Antigua liegt 45 Kilometer südlich der Hauptstadt, es gibt zahlreiche Busverbindungen, auch direkt ab Flughafen. Mit dem Mietwagen nimmt man die Carretera Interamericana CA-1.

Unterkunft
Viele Übernachtungsmöglichkeiten von simpel bis imperial. Preiswert und psychedelisch: Hostel UmmaGumma, 7a Av Norte 15,
Tel. (502) 78 32 44 13, www.ummagummahostel.blogspot.com

Unternehmungen
Ein Dutzend Sprachschulen bieten günstige Spanischkurse auf allen Niveaus. Brummt dann der Kopf, lohnt ein mehrstündiger Aufstieg auf einen der drei Vulkane. Weniger strapaziös, dafür sehr belebend: geführte Kaffeetouren durch Plantagen und Röstereien mit Verkostung.

 

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