Stadtleben

Die andere Stadt: Baku

Baku„Ich bin Gasmann“, erklärt Heinrich mit lässigem Understatement. Er arbeitet für ein multinationales Konsortium, das die Nabucco-Gaspipeline baut, knappe 3500 Kilometer über die Türkei und den Balkan bis ins österreichische Baumgarten. Wie lange wird er bleiben? „Bis sich meine Enkel in Wien am Gas aus Baku wärmen.“ So jung und schon Enkel? Er stöhnt, bestellt noch ein Bier: „Das war ein Witz!“

Heinrich ist einer von zahlreichen Europäern, Amerikanern, Chinesen, die sich seit einigen Jahren in der Hauptstadt Aserbaidschans tummeln, zwischen Kaukasus und Kaspischem Meer. Die riesigen Öl- und Gasvorräte haben sie hergelockt. Andere arbeiten für internationale Organisationen wie OSZE oder GTZ. Sie sollen einen Staat zu Demokratie und Menschenrechten führen, den es erst seit 1991 gibt, in dem die Korruption blüht und der Präsident seinen Job vom Vater geerbt hat. Alle treffen sich abends im Tiger oder in einer der anderen teuren Bars und Restaurants, in denen gut verdienende Ausländer weitgehend unter sich bleiben.

„Die Leute hier sind blöd wie fünf Meter Feldweg“, findet Frank. Er baut für einen deutschen Konzern eine Müllverbrennungsanlage, die Schlamperei einheimischer Lieferanten behindert seit Wochen die Arbeiten. Ohne deutsche Qualitätsstandards geht natürlich alles schneller: Baku verändert sich rasant, immer neue Wolkenkratzer schießen in den Himmel. Der his­to­rische Stadtkern, immerhin UNES­CO-Weltkulturerbe, wird gna­denlos mit Hotels und Bürohäusern zugebaut. Nur noch einige Art-Nouveau-Residenzen zeugen vom Glanz des ersten Ölbooms, der Mitte des 19. Jahrhunderts begann und in den Wirren von Weltkrieg und Oktoberrevolution en­dete. Die Stadt verliert ihr Gesicht, überall sieht man Geld und Aufbruch – doch wohin dieser Aufbruch führen soll, das ist nicht zu erkennen.

„In Dubai haben die Eliten eine Vision, hier wollen sie sich nur bereichern“, bringt es ein Amerikaner auf den Punkt. Die Vision fehlt, weil es keine Vergangenheit gibt, auf der sie wachsen könnte. So viele Herrscher, Religionen und politische Systeme sind aus allen Himmelsrichtungen über das Land hereingebrochen, so viele Kirchen, Moscheen, Lenin-Statuen haben sie errichtet und wieder zerstört – mehr als Trümmer von Geschichte und Identität sind nicht übrig. Deshalb reicht es auch im jungen Aserbaidschan vorerst bloß zu Nationalismus und einem grotes­ken Personenkult um den jeweiligen Präsidenten.

„Doof wie zwei Meter Feldweg“, kreischt Frank. Es geht ihm heute Abend nicht gut – entweder der Bau seiner Müllverbrennungsanlage ist ernsthaft in Gefahr, oder an ihm bestätigt sich die „Nach drei Jahren hältst du’s nicht mehr aus“-Regel. Sie besagt, dass Baku drei Jahre lang eine durchaus lebenswerte Stadt ist – auch und gerade für alleinstehende Männer im Ölgeschäft. Man verdient gut, Tagessätze von 1000 Euro sind nicht selten. Der Arbeitgeber finanziert teure Appartements, manchmal sogar Personal und Dienstwagen.

In jeder Bar warten hübsche Mädchen auf eine lukrative Nacht mit einem Ausländer. Und selbst wer nicht in Luxus lebt – das Leben eines durchschnittlichen Aserbaidschaners, geprägt von Armut, Arbeitslosigkeit und Stromausfällen, muss ein Expatriat sich nicht zumuten. Aber nach drei Jahren hält man es eben nicht mehr aus. Da trösten weder Geld noch kostenlose Flüge in die Heimat, in der einen sowieso keiner mehr kennt. Da besteht das Leben nur noch aus Bier und Fernsehen und verklärten Erinnerungen an frühere Jobs, in denen alles viel besser lief. Angola, Sachalin, Irak …

Draußen ist es kalt, schon im Altertum war die Stadt berüchtigt für ihren scharfen Wind – und da trieb er noch nicht Zementstaub und Plastiktüten vor sich her. Jetzt schon zurück ins Hotel? Lieber noch auf einen Wodka in eine der Einheimischenbars, die sich meist in ehemaligen Souterrainlagerräumen etabliert haben. „You’re My Heart, You’re My Soul“, dröhnt aus den Boxen – Modern Talking ist hier immer noch groß. Vermutlich weil die eingängigen Moll-Melodien dem Osteuropa-Pop erstaunlich nahe sind.

Aber gehört Aserbaidschan überhaupt zu Europa? Oder doch eher zu Asien? Mit solchen Diskussionen kann man sich in Baku ganze Nächte um die Ohren schlagen – Einigung ausgeschlossen. Da geht man dann doch lieber ins Bett.

Infos:

Anreise
Am besten mit Airbaltic über Riga, den einfachen Flug gibt es ab 170 Euro. Etwas teurer ist die Turkish Air­lines, sie fliegt über Istanbul.

Einreise

Das 30-Tage-Visum gibt es schnell und einfach – gegen zwei Passfotos und 60 Euro – bei der Einreise am Flughafen. Wer auf dem Landweg einreisen will, muss das Visum vorher bei der aserbaidschanischen Botschaft besorgen.

Unterkunft
Hotel Absheron, schön und zentral am Meer gelegen. Das 16-stö­ckige Relikt aus der Sowjetzeit bietet passable Zimmer ab 65 Dollar die Nacht; für Baku ein Schnäpp­chen (www.hotel-absheron.com).


Restaurants und Nachtleben

Die besseren Restaurants und Bars konzentrieren sich in den Straßen zwischen Teppichmuseum und
Altstadtmauer. Überall in der Stadt werden Döner verkauft; nicht nur die Sprache, auch die aserbaidschanische Küche ist der türkischen sehr ähnlich.

Literatur

Einen deutschsprachigen Reiseführer über Aserbaidschan gibt es nicht; der beste englische ist „Azerbaijan“ von Mark Elliott, erschienen im Verlag Trailblazer.

Text: Kai Hensel

 


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