Stadtleben

Die andere Stadt: Bordeaux

BordeauxIn einer kleinen Gasse des Altstadtviertels Saint Pierre leuchtet zwischen sandsteinfarbenen Fassaden bunt ein Schaufenster, das mit „La Centrale“ überschrieben ist. „Zutritt nur für Mitglieder“, steht an der Eingangs­tür. Die aber werden nicht mehr kommen. Die Bar hat dichtgemacht. Sie musste. Als Probenraum für lokale Bands gestartet, hatte sich La Centrale in den vergangenen zehn Jahren zum Treffpunkt eines neugierigen Musikpublikums entwi­ckelt. Ob japanischer Free Jazz, australischer Folk oder bretonische Experimentalmusik – insbesondere weniger bekannte Gruppen aus dem Ausland fanden dort eine Bühne. „Wir wollten den Leuten etwas bieten, das sie nicht unbedingt in den großen Konzert­sälen zu sehen bekommen“, beschreibt Johann, einer der ehemaligen Barbetreiber, das Anliegen im Namen des gesamten Teams. Die Bar selbst funktionierte nach dem gemeinnützigen Konzept eines Vereins. „Seit fünf Jahren hat sich Bordeaux jedoch sehr verändert“, erzählt Johann. „Wir haben uns vor zehn Jahren hier niedergelassen, weil die Stadt einen fruchtbaren Boden für alternative Kultur bot. Aber das ist schon lange vorbei.“ Nach monatelangen Verhandlungen mit der Stadt Bordeaux hat die Bar im Frühling endgültig ihre Türen geschlossen. Nur die bunte Farbe klebt noch wie ein Überrest am Eingang.

La Centrale ist kein Einzelfall. Den Anfang vom Ende markierte das Jahr 1999. Unter dem damaligen konservativen Bürgermeister Alain Juppй mussten die ersten alternativen Räume weichen. Bis heute setzt sich diese Bewegung fort. Auf dem Vereinsprinzip basierend, existieren in der Stadt verteilt noch etwa eine Handvoll Orte, die sich alternativen Kunstformen verschrieben haben. Als Ausstellungsraum, Theater­bühne und Zirkuszelt, als Kinoleinwand und Workshopraum halten sie das kulturelle Leben abseits der großen Museen und Konzerthallen am Leben. Mit einer Reihe neuer Gesetze nimmt die Politik ihnen aber immer mehr die Luft zum Atmen: wie der Sperrstunde für Bars ab zwei Uhr nachts, einer Auflage für die Vermietung von Räumen in der Innenstadt und einem Verbot von Konzerten ab 22 Uhr.

BordeauxSeit einigen Jahren feiert sich die sechstgrößte Stadt Frankreichs selbst als erwachtes Dornröschen. Die Zahl der Touristen steigt und steigt. 2007 wurde Bordeaux als Weltkulturerbe der UNESCO eingestuft. Im vergangenen Herbst kandidierte es sogar für den Titel der Europäischen Kulturhauptstadt 2013. Zwar war Bordeaux dank des Weinhandels schon immer eine wohlhabende Stadt und ist in seiner architektonischen Einheit einmalig in Frankreich. Aber erst mit einem umfangreichen Sanierungsprojekt der Kaianlagen zum Beginn des neuen Jahrtausends wurde die Stadt zum Flussufer hin geöffnet. Drei Jahre später nahm die erste Straßenbahnlinie den Betrieb auf, und die Kalksteinfassaden im Zentrum wurden frisch sandgestrahlt.

In weniger als fünf Minuten gelangt man von dem mit Cafйs gesäumten Platz Fernand Lafargue an das Flussufer der Garonne. Die Promenade ist neu gepflastert, und in der Abgrenzung zur Straße finden sich ordentlich gepflegte Grünanlagen. Wenn die Düsen des flachen Bassins am Place de la Bourse in regelmäßigen Abständen Sprühregen in die Luft pusten, verschwinden die prunkvollen Fassaden der Stadt für Minuten hinter dem künstlichen Nebel. Eine sterile Idylle. „Mit der Umgestaltung hat sich Bordeaux zu einer gesicherten und sauberen Museumsstadt gewandelt“, sagt der gebürtige Bordelese Alexis Favraud, und er ist sichtlich wütend dabei. „Nach 22 Uhr ist das Stadtzentrum ruhig geworden.“ Favraud spürt den Umschwung als Musiker und Vorsitzender des Vereins Alternative Production auch am eigenen Leib. „Viele Kulturräume schließen für immer, andere ziehen an den Stadtrand, wo die Auflagen nicht so streng sind.“ Ersetzt werden sie durch riesige Kulturveranstaltungen wie das Evento, das in diesem Herbst zum ersten Mal stattfinden soll. Finanziert und geplant wird das Festival daher auch gleich von der Politik selbst.
Denn auch als Kulturmetropole will sich die Stadt neu erfinden. Mit der Ernennung zur Europäischen Kulturhauptstadt 2013 hat es trotzdem nicht geklappt: Dieser Titel ging an Marseille.

Text: Lene Albrecht

Anreise
Hin- und Rückflug von Berlin nach Bordeaux mit KLM Royal Dutch ab 200 Euro. Bahnreise über Nacht bei frühem Buchen für 150 Euro.
 
Unterkunft
Eine günstige Variante ist die Jugendherberge in der Nähe des Bahnhofs Saint Jean. Wer mehr ausgeben kann, wird im Stadtzentrum fündig. Gut gelegen ist das Quality Hotel Saint Catherine, 27, Rue du Parlement-Sainte-Catherine, DZ für 100 Euro pro Nacht.
 
Essen & Trinken
Das typisch französische Fischres­tau­rant Le Petit Commerce im Stadt­viertel Saint Pierre, 22, Rue du Parlement Saint Pierre, serviert Meeresfrüchte in einfacher, aber gemütlicher Atmosphäre. Einen Teller Jakobsmuscheln mit
frischem Baguette gibt es schon für sechs Euro. Dazu ist in Bordeaux natürlich ein Glas Rotwein obligatorisch.
 
Livemusik
Unbedingt sollte man in Bordeaux in einer der kleinen Bars ein Konzert hören, wie zum Beispiel im Comptoir du Jazz im Stadtviertel Saint Michel, 58, Quai de Paludate. Hält man bis zum Samstagmorgen um sechs Uhr durch, kann man auf dem Wochenmarkt
Capucins anschließend früh­stücken. Aktuelle Konzerte mit Adressen findet man auf der Seite
www.clubsetconcerts.com.

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