Stadtleben

Die andere Stadt: Cardiff

Spillers


Treffpunkt Tiger Bay. Das ist der Hafen von Cardiff, wo bis zum Ende des Zweiten Weltkriegs die begehrte walisische Kohle in aller Herren Länder verschifft wurde. Dort wartet Catrin James, die 28-jährige Assistenzmanagerin des in Cardiff als Institution für Undergroundmusik geltenden Clwb Ifor Bach. Sie zählt die vielen großen Namen auf, die die Musikszene der walisische Hauptstadt schon hervorgebracht hat: Tom Jones, Bonnie Tyler, Manic Street Preachers, Stereophonics, Super Furry Animals, Catatonia.

Catrin James trägt eine Kleopatra-Frisur und erzählt besonders gern die Geschichte von Shirley Bassey, die einst mit der James- Bond-Titelmelodie „Goldfinger“ Weltruhm erlangte. Bassey wuchs in den 40er und 50er Jahren in der damals noch berüchtigten Hafengegend auf, bevor ihre große Karriere startete.

Cardiffs Musiktradition reicht aber noch viel weiter zurück. Nur ein paar Kilometer vom Hafen entfernt in der Innenstadt, gegenüber einer riesigen Baustelle und umgeben von unzähligen Pubs und Fish’n’Chips-Shops, sticht ein riesiges rotes Schild mit schwarzer Schrift über einer geöffneten Ladentür ins Auge: Spillers Records. Der Plattenladen existiert schon seit 1894 – und ist damit der älteste der Welt.

Die Wände des nur ein paar Quadratmeter großen Ladens mit High-Fidelity-Charme sind übersät mit Postern und Schallplatten. Inhaber Nick Todd, ein graumelierter Mittfünfziger und großer Liebhaber von Sixties-Soul und Ska, verweist besonders stolz auf das gut gefüllte 70er-Jahre Punkrock-Sortiment in seinem Laden: „Wir waren in Cardiff 1976 die ersten, die Punkscheiben verkauft haben.“ Doch auch Tonträger von neuen, meist noch unbekannten walisischen Bands sind bei Spillers zu finden. Dafür ist Nick Todds Tochter Ashli zuständig, die den Laden zusammen mit ihm führt.

Spillers

Catrin James, die auch regelmäßig bei Spillers einkauft, weiß, warum der Laden in der walisischen Musikszene so beliebt ist: „Jeder, der in Cardiff in einer Band spielt, kauft bei Spillers ein. Es ist wie eine große Gemeinschaft. Spillers ist eine Plattform, wo sich die Leute treffen.“ Lokalen Bands bietet Nick Todd in seinem Laden Auftrittsmöglichkeiten, sogar die berühmten Manic Street Preachers haben schon Konzerte in seinem Geschäft gegeben.

„Als ich den Laden vor 30 Jahren übernahm, konnte man jeden Samstagnachmittag auf der anderen Straßenseite Dutzende von Punks sehen, die hier rumhingen“, sagt er. Und was sieht er heute, wenn er aus dem Fenster schaut? Der Blick von Nick Todd verfinstert sich. Dort, wo einst Punk-Romantik herrschte, wird gerade das größte Einkaufszentrum Europas gebaut. Die Mieten in der Umgebung sind schon um ein Vielfaches gestiegen. Todd weiß nicht, ob er in Zukunft noch das Geld für die Ladenmiete aufbringen kann.

Doch zum Glück sorgt sich nicht nur er allein. Um die Musik-Institution Spillers vor dem Aus zu retten, veröffentlichte ein walisischer Parlamentsabgeordneter eine Petition, die zur Unterstützung des Ladens aufrief. Unter den 20.000 Unterzeichnern sind auch die Künstler des Plattenlabels Columbia Records wie Bob Dylan, Bruce Springsteen, Beyoncй Knowles und Justin Timberlake. Und auch die Manic Street Preachers stehen ihm zur Seite, sagt Nick Todd: „In vielen Interviews haben sie immer wieder gesagt, welche Bedeutung Spillers für ihren musikalischen Werdegang gehabt hat. Denn hier fanden sie Musik, die sie woanders nicht bekommen konnten.“

Im Club for Bach tritt abends eine walisische Band auf, deren Name für deutsche Ohren schier unaussprechlich klingt. Nach dem Gig füllt sich die Tanzfläche, der DJ legt Platten von Vertretern zweier unterschiedlicher walisischer Musikergenerationen auf. Erst besingen Catatonia „Mulder and Scully“, danach schmachtet Tom Jones „Delilah“. Wie schön.

Text: Dirk König

Infos über Cardiff

Hinkommen

Direktflüge Berlin–Cardiff gibt es ab ca. 300 Euro mit KLM. Günstiger ist es, von Berlin ins von Cardiff nur 45 Kilometer entfernte Bristol zu fliegen. Easyjet bietet die Strecke unter 100 Euro an.

Clubs und Konzerte

Spillers, 36 The Hayes; Clwb Ifor Bach, 11 Womanby Street (www.clwb.net). Lokale walisische Bands treten auch in der Buffalo Bar auf, 11 Windsor Place. Ein Ort für Indie und Punk ist das Dempseys, 15 Castle Street, hier legen DJs Platten von Belle and Sebastian bis zu den Dead Kennedys auf.

Essen

Landestypische Gerichte wie Cawl, den schmackhaften walisischen Eintopf, oder das köstliche Laverbread, ein Brotfladen aus Seetang und Haferflocken, gibt es zu moderaten Preisen im Celtic Cauldron (47-49 Castle Street). Die größten Frühstücksportionen der Stadt – meist deftig britisch – kann man in Ramon’s Café (Salisbury Road) genießen. In der Caroline Street befinden sich die zwei besten Fish’n’Chips-Shops der Stadt.

Übernachten

Neben den in Großbritannien typischen Bed-&-Breakfast-Angeboten gibt es in Cardiff günstige Übernachtungsmöglichkeiten ab 25 Euro im
zentral gelegenen Cardiff Youth Hostel (2 Wedal Road, www.yha.org.uk/find-accommodation/wales/hostels/cardiff/index.aspx). Die Preise für Doppelzimmer in Hotels beginnen in Cardiff ab etwa 80 Euro.

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