Stadtleben

Die andere Stadt: Dehli

DelhiDas Nachtleben von Delhi konzentriert sich am kolonialen Connaught Circus. In der Cocktailbar Blues, wo häufig Konzerte stattfinden, sitzt die Professorin Urvashi Sarkar bei einem Glas kaltem Weißwein. An den Wänden hängen ein Saxofon, eine Gitarre und ein Madonna-Poster. Die Bar füllt sich langsam. Dann scheppert die Rockband los. Laut, sehr laut.
– Frau Professorin, ist das hier gegen die indische Kultur? Urvashi wiegt lächelnd ihren Kopf hin und her. „Manche sehen das so, ja“, sagt sie dann. Die elegante Mittvierzigerin befasst sich an der örtlichen Universität besonders mit der Rolle der indischen Frau im 18. und 19. Jahrhundert. „Ich denke, dass wir durch die rasante wirtschaftliche Entwicklung der letzten Jahre Probleme bekommen haben, zwischen Tradition und Moderne zu vermitteln. Gerade weltoffene junge Leute haben Lust, miteinander auszugehen. Leider werden sie in manchen Gegenden zu politischen Ziel­scheiben gemacht.“
Sie spielt auf einen Vorfall an, der eine nationale Debatte auslös­te. Anfang des Jahres hatten Anhänger der rechten Hindu-Vereinigung Sri Ram Sene eine Bar im südindischen Mangalore gestürmt und die Gäste verprügelt. Vor allem die weiblichen Kneipengänger wurden an den Haaren auf die Straße gezogen. Pramod Muthalik, der Gründer von Sri Ram Sene, begründete den Übergriff gegen­über der Tageszeitung „Delhi Times“ damit, dass Frauen kein Recht darauf hätten, in Bars zu gehen: „Wir sind die Hüter der indischen Kultur. Frauen müssen geschützt werden, weil das Gesetz versagt hat.“
Es sind aber nicht nur die Fanatiker. Bei fast allen politischen Parteien gehören drakonische Anti-Spaß-Regeln wie ein Partyverbot nach elf Uhr abends, ein Tanzbann und Alkoholkontrollen zum Programm. In Delhi machen lokale Politiker Druck auf die Stadtverwaltung, alle Bars – von denen es ohnehin wenige gibt – zu schließen. Händchenhalten und Alkoholgenuss sind ihnen ein Gräuel. In Meerut und Bhuba­ne­s­war wurden Pärchen von der Polizei in der Öffentlichkeit gewaltsam getrennt, verprügelt und in einem Fall gar zwangsverheiratet.
Während sich in Indien Finanz­welt, Medien und Technologien in den vergangenen 15 Jahren rasant entwickelten, sind Sitten und Traditionen nahezu unverändert geblieben. „Die Bildungselite steht west­lichen Einflüssen ambivalent ge­gen­über“, meint Urvashi Sarkar, die selbst liberal eingestellt ist. „Hinter den Verboten und Angriffen steckt eine tiefe Furcht vor Veränderung.“
Nirgends offenbart sich Indiens Ambivalenz gegen­über der Moderne so sehr wie in der Traumfabrik Bollywood. Kuss-Szenen sind tabu, erotische Fanta­sien hingegen nicht – die nasse Sari-Szene fehlt in kaum einem Film. Und Aktricen sollen sexy und keusch zugleich sein. Kürzlich musste sich die bekannte Schauspielerin Shriya Saran auf Druck der konservativen hinduistischen Partei Hindu Makkal Katchie öffentlich für das Tragen von sexy Kleidung während der Aufführung eines Films entschuldigen.
Vor allem Indiens gebildete, genussaffine Jugend hat von der politischen Sittenzensur die Nase gestrichen voll. Shiv Karan, Barmann im Blues, findet: „Der Staat hat kein Recht darauf, sich in das Privatleben der Leute einzumischen. Es ist eine Schande, was in Mangalore passiert ist, beinahe eine Taliban-ähnliche Aktion.“ Annj Soo, Studentin aus Delhi, betont: „Schutzlose Frauen zu schlagen ist gegen unsere Kultur.“
So protestierten jüngst Studenten mit Gitarrenspiel und Plakaten wie „Stoppt die Moralpolizei“, „Frauen sind kein Vieh“ und „Dies ist meine Kultur“ in Delhi und im ganzen Land. In Internetforen wird heftig diskutiert: „Stellen Händchenhalten und Pub­kultur die indische Kultur oder die Sicherheit von Frauen in Frage?“ oder „Haben politische Gruppen das Recht, junge Leute eigenhändig zu bestrafen?“ Und zum Va­len­tinstag am 14. Februar, einem beliebten Termin im romantischen Indien, sandten junge Menschen haufenweise Päck­chen mit zart-rosa Höschen in das Hauptquartier der konservativen Sri-Ram-Sene-Bewegung.
Urvashi Sarkar ist überzeugt, dass es die Sittenwächter auch in Zukunft nicht leicht haben werden. „Indien verändert sich“, sagt sie. „Die Jugend kennt ihre Grenzen selbst. Sie ist bereit, sich gegen die Kriminalisierung von Intimität zu wehren.“ Die Professorin nippt noch einmal am Getränk.
Eine Bar, eine Frau, ein Glas Wein. Den selbst ernannten Spaßbremsen würde es bei diesem Anblick grausen.

Text und Fotos: Laila Niklaus

Wichtig zu wissen

Anreise
Die Lufthansa fliegt von Berlin aus direkt nach Delhi für ca. 700 Euro (Hin- und Rückflug). Günstiger sind Tickets von Aeroflot über Moskau oder mit Turkish Airlines über Istanbul, ca. 500 Euro.

Ayurveda
Zentrales Merkmal der indischen traditionellen Heilkunst – wörtlich „Lebensweisheit“: ganzheitliche Betrachtung des Menschen in enger Beziehung zu seiner Umwelt. Im Kairali Ayurvedic Health Resort, 120 Andheria Mehrauli, Neu-Delhi, kann man sich einen Tag lang oder bei längeren Kuren verwöhnen lassen (www.kairali.com).

Ausgehen
Das moderne Indien feiert am besten im angesagtesten Nachtclub der Stadt: dem Elevate in der sechsten Etage des Ein­kaufs­zentrums Center Stage Mall (www.elevateindia.com).

Stadterkundung
Stilvolle Sightseeing-Tour: ein weißes Ambassador-Auto mit Fahrer. Einfach in Taxis fragen oder vom Hotel aus buchen (ca. 20 Euro/Tag). Besonders lohnend: die Altstadt mit dem roten Fort, der Freitagsmoschee – größte Moschee Indiens – und dem arabischen Basarviertel Chandni Chowk. Und in Neu-Delhi: Basare und Luxusgeschäfte um den Connaught Circus, das Regierungsviertel, das Grab des Huma­yun aus der Mogulepoche.

Mehr über Cookies erfahren