Stadtleben

Die andere Stadt: Diyarbakir

DyiyarbakirSie sind schon eine sehr coole Gang, die älteren Herren mit den Goldzähnen und den gefärbten Haaransätzen, die sich Tag für Tag im Innenhof des Dengbej-Hauses in der Altstadt Diyarbakirs, genannt Dagkapi, versammeln. Es sind Dengbejs, kurdische Barden, sie beherrschen die Kunst des Geschichtenerzählens: uralte Mythen, tragische Liebesgeschichten, Stam­meskon­flik­te und von jahrhunder­tealter Armut und politischen Kon­flikten geprägte Regional­ge­schich­ten. Aber auch akutes Herzensleid besingen sie – auf Zuhörerwunsch. Zwackt dem Publikum dabei der Schmerz einmal besonders arg im Herzenskämmerlein, dann antwortet es mit einem ergriffenen Summen und schlägt sich auf die Brust.

Für die kurdischen Sänger bedeutet das schöne Kulturzentrum Dengbej Evi mit dem stadttypischen schwarz-weißen Mauerwerk, das 2008 von der Verwaltung der südostanatolischen Stadt nahe der assyrischen Kirche der Heiligen Maria eingerichtet wurde, späte Anerkennung – und einen ers­ten Schritt zur bisher ausbleibenden staatlichen Förderung kurdischen Kulturschaffens. Und dennoch hängt ein wenig Melancholie in der Luft. Waren die Dengbejs früher fester Bestandteil des öffentlichen Lebens und hielten die Leute über neueste Ereignisse auf dem Laufenden, haben moderne Medien längst diese Aufgaben übernommen. Die Institutionalisierung der Barden-Kunst scheint eben auch ein erster Schritt zu ihrer Musealisierung zu sein.

Dass die Sorge um die aussterbenden Klagekünstler allerdings nur bedingt berechtigt ist, zeigt sich abends in Jan Axins Portakal Kafe im Stadtteil Ofis. Das liegt nur wenige Kilometer außerhalb der mächtigen Basaltmauern, dem düsteren römisch-byzantinischen Wahrzeichen der Stadt. Während in der Altstadt die letzten Verkäufer schon längst ihren Schafskäse eingepackt haben, flaniert in Ofis das Jungvolk über die von Cafйs gesäumte Fußgängerpassage Sanat Sokagi, beguckt Schaufenster, knackt Nüsse und will Mädchenherzen bezirzen.
Axin ist nicht nur Cafйbesitzer, sondern auch Rockmusiker, ein junger und wilder – und doch voll der Bewunderung für die Barden von Dagkapi. Für ihn geht das zusammen: europäisch geschulter Rock und kurdische, traditionell inspirierte Texte als lebendige Verbindung mit der Vergangenheit. Erprobt hat er sie bereits auf zwei Alben. Die desolate finanzielle Lage für alternative Künstler der Stadt bremst seinen Enthusiasmus zwar, aufhalten kann sie ihn aber nicht.

Von der Suche der Kurden nach ihrem Platz in der türkischen Kulturlandschaft erzählt auch die Aufbruchsstimmung im kleinen Verlagshaus Lis mit angeschlossenem Lis Kafe. „Früher erschienen kurdischsprachige Bücher vor allem in europäischen Exilzentren und in Istanbul“, sagt Kawa Nemir, Übersetzer, Herausgeber und Autor kurdischer Poeme, „zunehmend gibt es sie nun auch hier, in Diyarbakir.“ Hätte es vor wenigen Jahren kaum eine nennenswerte kurdische Literatur­szene gegeben, erlebe diese seit 1998 – seit der Aufhebung des Verbots, in kurdischer Sprache zu publizieren– eine erste zarte Blüte.

Das passiert jedoch gänzlich unbemerkt von der internationalen Öffentlichkeit. Die pflegt meist ein sehr beschränktes Kurdenbild. Es sei doch seltsam, wie allein die Nennung mancher Region ein ganzes Gespräch ersparen könne, sagt auch der Student Ismail. Er habe oft beobachtet, dass Südost­ana­tolien eine Region sei, deren bloße Erwähnung reflexartige Reaktionen abrufe: „rückständig, arm, aufklärungsresistent.“ Auch in der Türkei sei das West-Ost-Gefälle stark ausgeprägt, und der ökonomisch stark vernachlässigte Osten müsse im Westen häufig als Negativfolie herhalten.
Das Schlimmste sei, dass so der Neugier der Weg abgeschnitten werde, meint Ismail. Er wünscht sich, dass Diyarbakir einmal andere Titel als „Hochburg kurdischer Separatisten“ oder „Armenhaus der Türkei“ tragen würde; dass also nicht Mitleid und Schrecken, sondern Verständnis und Interesse an den Menschen und ihrer multiethnischen Vergangenheit und Gegenwart überwiegt.

Text: Sonja Galler
Foto: Moran Ezdin

WICHTIG ZU WISSEN

Anreise Mit Turkish Airlines von Berlin über Istanbul nach Diyarbakir (Hin- und Rückflug ca. 320 Euro).

Essen Alle zehn ölverschmierten Finger leckt sich, wer im Buket Lahmacun (Gevran Cad., Ofis) türkische Pizza in allen Varianten durchprobiert. Für Gegrilltes und Süßes: Onur Ocakbasi (Gazi Cad., Dagkapi).

Unterkunft Wer’s feudal mag: Grand Kervansaray Hotel (ab 60 Euro). Auch zufrieden ruht es sich im Aslan Palas (ab 15 Euro), beide in Dagkapi.

Noch mehr Kunst Versteckt im Erdgeschoss des Einkaufszentrums Galeria, wartet das kleine, aber feine Kunstzentrum Diyarbakir Sanat Merkezi mit einem interessanten Ausstellungs- und Kinoprogramm und gelegentlichen Workshops und Lesungen auf. www.diyarbakirsanat.org

Lesenswert „Another Look at East and South­east Turkey“, erhältlich im Rathaus von Diyarbakir. Für die jüngste Geschichte um Armenier, Aleviten und Kurden: Christo­pher de Bellaigue, „Rebellenland“.

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