Stadtleben

Die andere Stadt: Glasgow

Fast die ganze Stadt ist elektrisiert, wenn es zu einem der ältes­ten und brisantesten Stadtderbys im Fußball überhaupt kommt, zu dem Spiel, das die Schotten seit jeher Old Firm nennen. Auf der einen Seite die Rangers, der Club mit den protestantischen Wurzeln, dessen Fans sich in der Mehr­heit unionistisch, also zu der Vereinigung mit England bekennen. Auf der anderen Seite Celtic, von katholisch-irischen Mön­chen gegründet, dessen Anhänger in der Mehrheit traditionell eine Nähe zu Irland haben und die schottische Unabhängigkeit von England befürworten.
In der ersten schottischen Liga spielen zwölf Mannschaften, jede tritt gegen jede viermal pro Spielzeit an. Rangers vs. Celtic: In ?dieser Saison trafen sie sich erstmals an einem Augustsonntag, 12.30 Uhr. Am Abend vorher auf der Sauchiehall Street, der Glasgower Vergnügungsmeile: Hier sind Dutzende Pubs und Restaurants aneinandergereiht. Craig, ein Mittzwanziger und seit frühester Jugend Rangers-Fan, taucht mit seinen Freunden in das Glasgower Nachtleben ein. „Ich zeige dir mal, was hier abends so abgeht“, sagt Craig zu seinem Besucher aus Berlin und fügt hinzu: „Denn neben Fußball ist die Musikszene in Glasgow meine große Leidenschaft.“ Eine warme Spätsommernacht liegt über der Stadt, in den Schlangen vor den Pubs und Clubs sammeln sich Männer in T-Shirts und auffallend viele Frauen mit Stilettos und ultrakurzen Röcken. Vor dem Nice’n’Sleazy, einem Club, aus dem eher härtere Klänge tönen, ist die Punk- und Indie-Fraktion versammelt. Craig nimmt mittlerweile Kurs auf die Budda-Bar, eine momentan äußerst angesagte Location. In der Mitte des großen Raums hängt ein riesiger Bildschirm, auf dem er sich am nächsten Tag das Spiel ansehen möchte.

Craig nimmt einen großen Schluck aus seiner „Irn Bru“-Dose, der schottischen Coca-Cola-Alternative, und schlägt nun den Weg in die Variety-Bar ein. Hier dominiert ein eher studentisches Publikum. Aus den Lautsprechern klingt die Musik von Jesus and Mary Chain, einer hervorragenden schottischen Band aus den 80er Jahren. Craig erzählt am Tresen detailreich die Geschichte von Maurice „Mo“ Johnston, dem ehemaligen Celtic-Spieler, der sich als Katholik den Rangers anschloss. Ein wahrer Aufruhr ging damals durch die Stadt. „Aber seit ein paar Jahren ist es bei Celtic und den Rangers normal geworden, dass sie Spieler über die konfessionellen Grenzen hinweg verpflichten“, betont er. Nach ein paar Pints geht es an dem King Tut’s Wah Wah Hut vorbei, dem besten Undergroundmusik-Club in Glasgow, in dem einst Oasis ihren ersten Plattenvertrag unterschrieben und sich bekannte schottische Bands wie Franz Ferdinand, Teenage Fanclub oder Glasvegas ihre ersten musikalischen Meriten verdienten.
Fußball und Musik, beides spielt in Glasgow seit jeher eine große Rolle. Schließlich gab es, bedingt durch den wirtschaftli­chen Niedergang der Stadt nach dem Zweiten Weltkrieg, für junge Menschen oft nur zwei Möglichkeiten, der Armut zu entfliehen: entweder Fußballprofi zu werden oder eine erfolgreiche Band zu gründen. Seit Glasgow 1990 Kulturhauptstadt Europas war, ist viel Geld in die Stadt geflossen. Häuserfassaden wurden herausgeputzt, viele neue moderne Restaurants und Cafйs sind in der Innenstadt entstanden. Glasgow erholt sich merklich von dem jahrzehntelangen Niedergang. Und gute Fußballer und Bands bringt die Stadt immer noch hervor.
Am nächsten Tag gibt es für Craig einen glorreichen Sieg zu feiern. Die Rangers gewinnen 4:2. Am 27. Dezember hat Celtic Gelegenheit zur Revanche. Dann steigt das nächste Old Firm.

Text
: Dirk König

Foto (1): William James Foster

Rangers vs. CelticWichtig zu wissen

Hinkommen
Easyjet bietet Direktflüge Berlin-Glasgow ab ca. 80 Euro an. Vom Flughafen bis zum Stadtzentrum sind es zirka 15 Kilometer.

Clubs und Konzerte
King Tut’s Wah Wah Hut (272 St Vincent Street): Legendärer Live-Club, in dem alle Glasgower Musikgrößen ihre ersten Konzerte gegeben haben. Nice’n’Sleazy (421 Sauchiehall Street): Club für Freunde von Punk- und Indie-Klängen. The Sub Club (22 Jamaica Street): International bekannte DJs legen vor allem Electro und HipHop auf.

Essen und Trinken
Uisge Beatha (232-246 Woodlands Road): Das äußerst gemütliche Pub gibt ein Bild des traditionellen Glasgow. Budda Bar (408 Sauchiehall Street): Bar und Restaurant mit asiatischer und mediterraner Küche. Variety Bar (401 Sauchiehall Street): In dem Pub im
Art-dйco-Stil tönen aus den Lautsprechern musikalische Perlen aus den 80ern. Тran Mуr (731-735 Great Western Road): In der wunderschönen mittelalterlichen Kirche gibt es neben einem Restaurant (traditionelle schottische Küche) auch Räume für Konzerte.

Unterkunft
Charing Cross Hotel
(310 Renfrew Street, www.glasgow-guesthouse.net): Zentral gelegenes, attraktives Bed & Breakfast ab zirka 35 Euro pro Person.

Fußball
Es ist äußerst schwierig, an Tickets für Spiele der Rangers oder Celtic im freien Verkauf zu gelangen. Die meisten gehen an die zahlreichen Fanclubs, dazu kommen Tausende Dauerkartenbesitzer. Beide Clubs haben eine riesige Anhängerschaft, die Stadien sind immer voll besetzt (www.celticfc.net,

www.rangers.premiumtv.co.uk)

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