Stadtleben

Die andere Stadt: Goma

Die Gewalt in Goma brach am 27. Oktober um 17 Uhr aus, als die Dämmerung einsetzte und die staubigen, unbeleuchteten Hauptstraßen nur noch von Autoscheinwerfern erhellt wurden. Wer kein Einheimischer ist, hätte die Zeichen nicht deuten können – nur, dass an diesem Spätnachmittag etwas anders war als sonst: Am zentralen Boulevard Kanyamuhanga bestiegen Soldaten mit Maschinengewehren die Ladeflächen ihrer Lkws. Die Soldaten sangen Militärparolen. In ihre Richtung, und nur noch in ihre Richtung, kamen Autos herangeschossen, die Fahrer hupten. Gomer rannten mit ihnen. Gomer rennen normalerweise nicht durch die Straßen. Die Soldaten fuhren ihnen entgegen.

An diesem Tag wurden drei Einheimische erschossen. Eine De­monstration war außer Kon­trol­le geraten: Die Gomer warfen Steine auf das UN-Hauptquartier, kongolesische Regierungs- und UN-Soldaten schossen in Selbstverteidigung in die Menge.
Die Nerven lagen blank in Goma. Rebellenführer Laurent Nkunda, der mit der 2000 Mann starken Armee seines CNDP (Nationalkongress zur Verteidigung des Volkes) Teile der Provinz Nord-Kivu kontrolliert, drohte damit, Goma einzunehmen. Seine Truppen standen zwölf Kilometer vor der Stadt. Angst und Wut der Bevölkerung entlud sich deshalb gegenüber der internationalen Hilfs­truppe, die die Invasion scheinbar nicht abwehren wollte – denn sie stellt mit 17.000 Soldaten in der Demokratischen Republik Kongo zwar ihr weltgrößtes Kontingent, ist aber ausgerechnet in Goma mit 800 Soldaten schwach besetzt.

Nkundas Angriffspläne sind eine Gefahr über die Region hinaus. Ein Konflikt mit dem benachbarten Ruanda droht: Nkunda gehört der Tutsi-Volksgruppe an und sympathisiert mit der Tutsi-dominierten Regierung Ruandas. Die kongolesische Regierung behauptet, Ruanda unterstütze die Rebellen. Nkunda begründet seine Angriffe damit, die Tutsis vor Hutu-Rebellen schützen zu wollen, die nach dem Ruandischen Genozid von 1994 in den Kongo flüchteten – damals töteten Milizen der verfeindeten Hutu-Volksgruppe bis zu eine Millionen Tutsis.
Zwei Tage nach dem Gewaltausbruch, am 29. Oktober, fuhr die UNO Panzer in Goma auf. Nkun­da stoppte seinen Vormarsch, rief einen Waffenstillstand aus. Dennoch, schätzt die UNO, sind bis heute zwei Millionen Kongolesen durch Flucht oder Vertreibung obdachlos. Die Vereinten Nationen sprechen von einer „humanitären Katastrophe“, es herrscht Lebensmittelknappheit. Friedensabkommen sind nicht in Sicht. Nkunda droht mit dem Sturm auf die Landeshauptstadt Kinshasa, sollte Regierungschef Kabila weiterhin direkte Verhandlungen mit ihm ablehnen.

Während in der Provinz Nord-Kivu Gefechte zwischen Rebellen und Regierungstruppen andauern, konnte der Marsch auf Goma gestoppt werden. In der 500.000-Einwohner-Stadt, die – abgesehen von einigen wenigen Luxushotels und für Ausländer hergerichteten unauffälligen Hinterhofrestaurants – in ihrer Ärmlichkeit eher an einen überdimensionalen Slum erinnert (marodes Straßennetz, kein öf­fent­licher Raum mit Geschäfts­zentren), nehmen die Dinge wieder ihren Lauf. Vertriebene kehren zurück. Die Läden, von ihren Besitzern aus Angst vor Plünderungen versiegelt, öffnen wieder. Die westlichen Ausländer sind wieder vollzählig: neben UN-Kräften vor allem Mitarbeiter von Hilfsorganisationen und Journalisten. Aus Sicherheitsgründen sind sie nur per Auto unterwegs.

Wer als Ausländer durch die Stra­ßen geht, lernt Einheimische schnell kennen. Man wird als „Mu­­sungu“ angesprochen oder be­kommt nahezu alle fünf Minuten ein „Musungu“ hinterhergerufen – in Swahili heißt das „Weißer“ und ist von den meisten Kongolesen ganz wertfrei gemeint. Bettler, Stra­ßen­verkäufer und Kinder halten Schritt. In Friedenszeiten muss das nicht beunruhigen, denn die Kri­mi­nalität gegenüber Ausländern liegt dann quasi bei null.
Doch Goma ist nicht friedlich. Kongolesische Einheiten verbreiten Terror: Immer wieder greifen vor Nkunda flüchtende Regierungssoldaten die Bevölkerung an. Sie plündern, vergewaltigen oder morden, und sie kommen immer nachts. Die Zivilisten sind wehrlos. Zerrieben zwischen Macht­in­teressen und Willkür der Regierung und der Rebellen. Der Wes­ten schaut bis jetzt tatenlos zu.

Text und Fotos: Sylvia Sergiou

Die Autorin ist wissenschaftliche Mitarbeiterin am Berliner Sonderforschungsbereich Governance in Räumen begrenzter Staatlichkeit. Sie forscht in Nord-Kivu zu den Themen Sicherheit und Konflikt.

Wichtig zu wissen


Risikoeinschätzung

Das Auswärtige Amt hat eine Reisewarnung für die Demokratische Republik Kongo ausgesprochen (www.auswaertiges-amt.de/
diplo/de/Laenderinformationen/ 01-Laender/KongoDemokratischeRepublik.html, Link: Reisewarnung).

Anreise
(für Friedenszeiten)
Die Landeshauptstadt Kinshasa liegt rund vier Flugstunden von Goma entfernt, es empfiehlt sich daher die Anreise über Kigali
(Ruanda) mit anschließender Taxifahrt nach Goma (drei Stunden, ca. 100 US-Dollar). Für die Demokratische Republik Kongo
besteht Visumpflicht (ca. 100 Euro für die mehrmalige Ein- und Ausreise, empfohlen aufgrund der Krisenlage), für Ruanda dagegen nicht.

Unterkunft

Luxushotels wie das Ihusi (Blvd. Kanyamuhanga) oder die Stella Matutina Lodge (ab ca. 100 Dollar pro Nacht) sind die sichersten, denn sie werden von bewaffneten Sicherheitsleuten bewacht.

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