Stadtleben

Die andere Stadt: Heidelberg

HeidelbergDas erste Mal war komisch. Zuerst durchschnitt sie die Bauchdecke des Toten. Ihr Kittel roch hinterher nach Leichenfett. Sie musste sofort duschen gehen.
Kathi ist 20, gebürtige Bayerin, sie studiert Medizin in Heidelberg. Ihr erster Präp-Kurs ist jetzt wenige Monate her. Präp wie Präparation: das Freilegen von Muskeln, Knochen, Organen. „Der Kurs ist aber auch schön, man lernt unglaublich viel“, sagt Kathi. „Innere Organe sind echt das Beste.“
Heidelberg und seine Anatomie. Das klingt nicht eben nach einem Tourismusknaller. Anders die Altstadt, ein vom Zweiten Weltkrieg verschontes Kleinod. Aber nicht zufällig spielt der Sezierschocker „Anatomie“ (2000) dort. Bereits Ende des 14. Jahrhunderts sollen in Heidelberg „ana­tomische Demonstrationen“ stattgefunden haben. Zwischen 1847 und 1849 wurde hier eines der ersten Häuser in Deutschland extra für anatomische Forschungen errichtet – ausgerechnet im Klostergarten der ehemaligen Do­mini­ka­nerkirche. Darin präparierte man zuvor im Theatrum Anatomicum Leichen. Auch als öffent­liches Spektakel. Es ist fast so ähn­lich wie die „Körperwelten“. Ebenfalls ein Heidelberger Produkt. Sogar ein Exportschlager.
1977 erfand Gunther von Hagens an der Ruprecht-Karls-Universität eine völlig neue Körperkonservierung: die Plastination. Seit Mitte der 90er Jahre stellt der Anatom die je nach Sichtweise kunstvoll oder geschmacklos drapierten Leichenplastinate zu seinen kontrovers diskutierten Ausstellungen zusammen. Die neues­te Inkarnation läuft seit Januar in der Heidelberger Halle_02. Ab dem 7. Mai ist sie dann im Berliner Postbahnhof zu sehen.
Die Halle_02 liegt auf einem tris­ten Güterbahnhofsareal. Neben­­­­an frohlockt das Eroscenter 13: „Neu­eröffnung. Girls, girls, girls“. Ir­gend­wie passt das auch zum neuen „Körperwelten“-Untertitel. Der heißt: „Der Zyklus des Lebens“. Ge­burt, Jugend, Alter, Tod.
Die „Körperwelten“ sind so etwas wie das RTL2 unter den Ausstellungen. Sie machen reichlich auf Krawall, auf den (im Wortsinne) nack­ten Schockeffekt, geben sich aber auch zwischendrin mal didaktisch: mit Schrifttafeln wie „Kampf den freien Radikalen“ oder „Die letzte Reise“. Manche Besucher lesen sie sogar. Dominant wirken aber eben die rötlich-weißen Ganzkörperplastinate.
Eindrücklich funktioniert die Exponierung des menschlichen Körpers etwa beim „Hochspringer“. Beim größten Hingucker, der „Winterreise“ mit Schlitten, Weih­nachtsmann und vier Rentieren, liegen auch nicht nur die Nerven blank. Ganz am Ende des Rundgangs ist dann freilich endgültig Schluss mit lehrreich: eine Frau auf der Schaukel – mit gespreizten Beinen und geöffnetem Un­terleib.
„Einige Exponate haben wir auch kontrovers diskutiert“, sagt die Ausstellungskuratorin Angelina Whalley, von Hagens’ zweite Ehefrau. Zum Beispiel eine liegende schwangere Frau mit offengelegtem Fötus. „Wir haben lange überlegt, wie man dieser doppelten Tragödie gerecht wird.“
HerkulesbrunnenViele Tabus bleiben nicht mehr übrig. Ein Geschlechtsakt vielleicht noch. Man habe schon mal bei Körperspendern Meinungen dazu abgefragt, sagt Whalley. 75 Prozent der Männer seien dafür und 25 Prozent der Frauen. Auch keusch kommen die Heidelberger „Körperwelten“ bereits auf mehr als 200.000 Besucher. Weltweit sind es 27 Millionen.
Davon kann Sara Doll für ihre Führungen nur träumen. Mit eiligen Schritten durchmisst sie die anatomische Sammlung des Universitätsinstituts für Anatomie und Zellbiologie. Seit die heute 42-jährige gelernte Präparatorin dort 2004 anfing, haben sich die jährli­chen Besucherzahlen immerhin auf rund 1500 verdreifacht. Unter erschwerten Bedingungen.
1974 war das Institut aus dem alten Anatomiebau im Klostergarten zum Neuenheimer Feld auf die andere Seite des Neckars umgezogen. Dabei ging wahrscheinlich ein Großteil der historischen Präparate verloren. Was übrig blieb, darunter das Skelett des berühmten Räubers „Schinderhannes“, passt im Foyer auf zwei Etagen und in einige Unterrichtsräume.
Viele Präparate stammen aus der 33-jährigen Regentschaft von Friedrich Tiedemann, der 1849 pensioniert wurde. Tiedemann sagte einst: „Ärzte ohne Anatomie sind wie Maulwürfe, sie tappen im Dunkeln, und ihrer Hände Arbeit sind Erdhügel.“ Im Dunkeln tappt aber nun auch oft Sara Doll. „Es existiert seit 1916 kein neuer Gesamtkatalog“, ärgert sie sich. „Ein Unding.“ Nun erstellt sie selbst einen. Eine muss es ja mal machen.
Doll bleibt vor einer Glasvitrine stehen. Eine Halswirbelsäule, Präparat 157. Doll hat es selbst beschriftet. „Meiner Meinung nach gehört sie der Frau, die als letzter Mensch in Heidelberg hingerichtet wurde.“ Die Frau hatte ihren Gatten vergiftet. Sie starb 1844 unter dem Henkersschwert. Oben endet die Halswirbelsäule schräg. „Ein Ana­tom würde die Wirbel niemals so trennen“, sagt Sara Doll.
Das wäre Heidelbergs auch wahr­lich nicht würdig.

Text: Erik Heier

Anreise
Per Bahn: Umsteigen in Mannheim, ca. fünf Stunden Fahrzeit.
Per Flieger: von Berlin nach Frankfurt/Main mit anschließender Bahnfahrt.

Sightseeing
Kurfürstliche Schlossruine:
das Wahrzeichen der Stadt am Hang des Hausbergs 70 Meter
über dem Neckar. Im Weinkeller liegt das weltweit größte jemals befüllte Fass. 220.000 Liter Wein passen rein. Auch unbedingt sehenswert: die Altstadt mit ihren
historischen Bauten und Brücken.

Unterkunft
Am besten direkt in der Altstadt, z.B. in Papas Pension über dem
Hemingway’s, ab 35 Euro,
www.papaspension.de.

Essen & Trinken
Havana-Restaurant: großzügiges, fast mondänes karibisches Ambiente,
wenige Schritte vom Neckar entfernt, www.havana-heidelberg.de.
Studenten zieht es ansonsten vor allem in die Kneipen der Unteren Straße in
der Altstadt, zum Beispiel die SonderBar, bekannt auch für ihren Absinth-
Ausschank, oder die Destille. Da wird es gern mal laut. Sehr feucht und sehr fröhlich sowieso.

 

Gunther von Hagens‘ „Körperwelten“ in Berlin 

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