Stadtleben

Die andere Stadt: Krakau

Krakau_MachineDie Blonia ist die berühmteste Grünfläche Polens. Bei seinen Besuchen in der Heimat sang Papst Johannes Paul II. hier die Messe vor über zwei Millionen Gläubigen und brachte damit das kommu­nistische Regime ins Wanken. Nun werden auf der Papstwiese Zeltkonstruktionen errichtet, Starkstromkabel verlegt und Boxentürme aufgestellt, damit Franz Ferdinand in angemessener Lautstärke über unchristliche Party-Exzesse singen können. Die Supergruppe aus Glasgow ist der Headliner des ersten Selector Festivals, außerdem stehen Digitalism, Röyksopp und Orbital auf dem Programm.

„Das wird eines der interessantesten Festivals für elektronische Musik in Europa“, schwärmt Robert Piaskowski, während er sich beharrlich durch einen Grillteller mit landestypisch üppigen Ausmaßen säbelt. „Und eines der günstigsten.“ Piaskowski ist beim Festivalbüro der Stadt Krakau für die Programmplanung verantwort­lich, seinen Mittagstisch nimmt er am liebsten im Innenhof eines Restaurants in der Altstadt ein, das hauptsächlich von sehr jungen und sehr gut aussehenden Polen frequentiert wird, und dessen Fleischmassen immerhin aus ökologischer Aufzucht stammen. Piaskowski und seinem Team ist es zu verdanken, dass das Selector Festival nicht hinter den sieben Bergen ausgetragen wird, sondern im Zentrum der zweitgrößten Stadt Polens.

Dabei hat Piaskowski, wie er freimütig zugibt, eigentlich keine Ahnung von elektro­nischer Musik. Das muss er auch nicht, denn er hat Partner, auf die er sich verlassen kann. Die Stadt Krakau veranstaltet das Techno-Spektakel gemeinsam mit der Event-Agentur Alter Art. Die Agen­tur stellt ein Programm zusammen, das gleichermaßen internationale Top-Acts und einheimische Newcomer berücksichtigt; das städtische Büro wiederum sorgt für einen reibungslosen Ablauf der Mammutveranstaltung und kümmert sich um Ausnahmegenehmigungen, Absperrungen und die Stromversorgung.

Das Selector-Open-Air ist das neueste Highlight im Krakauer Fes­tivalkalender. Um die Stadt auch jenseits ihres historischen Erbes mit Altstadt und Jüdischem Viertel für Besucher interessant zu machen, setzt man beim Standortmarketing ganz darauf, mit einem innovativen Programm Nischen im internationalen Kulturkalender zu besetzen. Das Festivalbüro hat sich dazu einiges einfallen lassen: Wo am ers­ten Juni-Wochenende Franz Ferdinand ins Rampenlicht treten werden, stand vor 14 Tagen die größte Kinoleinwand der Welt. Im Rahmen des Krakauer Filmmusikfestivals sahen rund 15.000 Zuschauer die komplette „Herr der Ringe“-Tri­logie – mit Live-Begleitung von einem Sinfonie-Orches­ter. Außerdem veranstaltet das Festival­büro in diesem Jahr unter anderem das Weltmusikfestival Crossroads und, zum traditionellen Mittsommernachtsfest, ein kos­tenloses Open-Air-Konzert mit Lenny Kravitz, der auf einer riesigen schwimmenden Bühne auf der Weichsel auftreten wird. „Wir wollen zeigen, dass Massentauglichkeit und künstlerischer Anspruch kein Wi­derspruch sind“, sagt Piaskowski.

Krakau_RobotsDas war nicht immer so. Nach dem EU-Beitritt Polens umwarb Krakau hauptsächlich britische Junggesellengruppen mit niedrigen Bierpreisen. Dass solche Gäs­te das Image einer Stadt nicht unbedingt aufwerten, ahnt man beim Spaziergang über den Marktplatz: In den Straßenlokalen sind immer wieder Ansammlungen von alkoholisierten Engländern zu beobachten, die mit freiem Oberkörper in der prallen Nachmittagssonne brutzeln und dabei allmählich eine scharlachrote Färbung einnehmen. Diesem Anblick soll das Fes­tivalbüro entgegenwirken. Gegründet wurde es Ende der 90er Jahre zur Vorbereitung und Ausrichtung der Feierlichkeiten im Jahr 2000, als Krakau europäische Kulturhauptstadt war. Inzwischen ist aus dem temporären Organisationsbüro eine dauerhafte Einrichtung geworden, die erfolgreich mit Künstlern, Sponsoren, Bildungseinrichtungen und kulturellen Institutionen auf der ganzen Welt zusam­menarbeitet.
So holte das Festivalbüro mit Unterstützung des Goethe-Instituts die Technopioniere von Kraftwerk nach Krakau, die beim letztjährigen Sacrum-Profanum-Festival drei ihrer raren Konzerte in einem Stahlwerk in der sozialistischen Mustersiedlung Nowa Huta gaben. „Dafür sind Fans aus der ganzen Welt angereist“, sagt Pias­kowski. Zur nächsten Ausgabe von Sacrum Profanum hat er den englischen Klangtüftler Aphex Twin eingeladen. Und der kommt bestimmt nicht zum Biertrinken.

Text: Heiko Zwirner

Festival-Highlights in Krakau

Selector Festival Neues Event für elektronische Musik und Artverwandtes mit Franz Ferdinand, Orbital, Dizzee Rascal, Fischerspooner, CCS u.v.m.
5. und 6.6.

Art Boom Malerei, Performance, Installation, Video: Vielfältige Arbeiten von jungen polnischen Künstlern werden im öffentlichen Raum präsentiert.
12. bis 22.6.

Summer Jazz Festival Über 50 Jazzkonzerte mit rund 200 Musikern aus Polen und dem Ausland.
6.7. bis 3.8.

Crossroads Das Festival für traditionelle Musik, Fusion und Weltmusik findet in diesem Jahr zum elften Mal statt.
24. bis 26.7.

Sacrum Profanum Zum siebten Mal präsentiert die ambitionierte Veranstaltungsreihe geistliche und weltliche, klassische und zeitgenössische Musik an außergewöhnlichen Orten. Die diesjährige Ausgabe widmet sich Künstlern aus England, Headliner ist Aphex Twin.
13. bis 20.9.

Weitere Infos zu Programm und Eintrittspreisen der Veranstaltungen unter www.biurofestiwalowe.pl (polnisch und englisch)

Mehr über Cookies erfahren