Stadtleben

Die andere Stadt: Leipzig

LeipzigEin scharfer Wind pfeift durch die Karl-Liebknecht-Straße, Straßenbahnen schrammeln vorbei, der Feierabendverkehr setzt ein. In einer Seitenstraße der „Karli“ wohnt die Malerin Annette Schröter, seit 2006 Professorin an der re­nommierten Hochschule für Gra­fik und Buchkunst, um die sich hier in Leipzig fast die ganze Kunst­szene zu drehen scheint. 1977 bis 1982 hat Schröter bei Professor Bernhard Heisig studiert. Damals wollte sie „bloß raus hier“. Zusammen mit ihrem Mann, dem Fotografen Erasmus Schröter, stellte sie gleich nach ihrem Studienabschluss einen Ausreiseantrag.

Am großen Holztisch der Schrö­ters erzählt Erasmus von der unglaublichen Luftverschmutzung in der Stadt zu DDR-Zeiten, als noch Kohle abgebaut wurde. Fast ganz Leipzig sei damals beinahe durchgeschürft worden. Im ehe­ma­ligen Braunkohlegebiet im Süden der Stadt plätschert es inzwischen in den ersten beiden gefüllten Gruben des Leipziger Neuseenlandes. An der „Costa Cospuda“ wird gebadet, die Luft ist wieder genießbar. Die Gegend sei super, schwärmt Erasmus Schröter, die Kneipen auf der „Karli“ erreicht man zu Fuß, der Clara-Zetkin-Park ist nicht weit, und zum Zentrum braucht man auch nicht lange. Nebenan wohnte mal Neo Rauch, jetzt habe er sich aber woanders ein Haus gekauft. Ein paar Querstraßen weiter am Connewitzer Kreuz befindet sich das Werk II. Hier hat sich in einer ehemaligen Gasmesserfabrik so etwas wie ein Leipziger Mehringhof gebildet.
1985 waren die Schröters nach Hamburg gezogen. „Da war ich ziemlich schockiert“, sagt Annette. „Es wurde überhaupt nicht mehr gemalt, allein die Tatsache, Ölfarbe auf Leinwand zu setzen, galt schon als pervers. Aber ich habe weitergemalt.“ Als sich nach vier Jahren die Grenzen öffneten, hatten sie sich in Hamburg eingelebt. Annette besaß an der Fachhochschule einen Lehrauftrag für figür­liches Zeichnen, und sie wurde von einer guten Galerie vertreten. Dann kam der nächste Schock beim ersten Besuch in Leipzig: „Uff, schnell wieder zurück! Die Welt war so entsetzlich grau, es war Winter und regnete. Aber plötzlich fing dann hier etwas Neues an, und irgendwie fanden wir das total spannend.“

1997 zogen die beiden wieder in die alte Heimat. „Leipziger Schule war damals nicht absehbar“, sagt Annette, die es gelassen sieht, dass die jungen Studienanwärter von einem ihrer Kollegen ganz besonders angezogen werden. „Der Name Neo Rauch hat natürlich eine Strahlkraft, das ist vielleicht nur noch durch Gerhard Richter zu toppen“, erklärt sie und lacht. „Es werden natürlich Wünsche geäußert, aber die Lehrer entscheiden letztendlich, wer wo hineinpasst.“ Spannend ist der jährliche HGB-Rundgang Ende Januar kurz vor Semes­terende, bei dem die Studierenden ihre besten Arbeiten des vorangegangenen Jah­res zeigen. Galeristen und Samm­ler stürzen sich zwar auf Maler und Fotografen, aber alle vier Studiengänge verbuchen regen Besucherstrom und Interesse. Eine Studentin aus der Klasse für Grafik und Buchkunst erzählte empört, dass ihr beim letzten Mal eine Zeichnung geklaut wurde – buchstäblich von der Wand gerissen!

In Annette Schröters Atelier hängen ein paar neuere Arbeiten, die sie im April in Berlin zeigt, hauptsächlich Scherenschnitte alter Indus­trie­architektur und Graffiti, also viel Leip­zig. Auf dem Rück­weg durch die „Karli“ bevölkern bereits ein paar frierende Raucher den Bürgersteig – in Sachsen ist das „Gwahrzn“ in Gaststätten seit Februar verboten. Eine junge Frau sitzt in eine Wolldecke gewickelt vor der Bar und lächelt fast schuldbewusst. Auf dem Weg in den Osten der Stadt findet man in der Eisen­bahnstraße eine typische Neuköllner Mischung in Leipziger Form: türkischer Supermarkt, Döner, Pizza und Geizkragenläden. „Bin-Laden-­Straße“, sagt der Taxifahrer hinter vorgehaltener Hand. Mittendrin befindet sich das bürgerliche Galerie Hotel Leipziger Hof. Hier hat Besitzer Klaus Eberhard mit viel Aufwand ein Gründerzeithaus saniert und nicht nur das Hotel, sondern eine beachtliche Sammlung Leipziger Kunst untergebracht. Da heißt es nur – durchhalten!

Text/Foto: Constanze Suhr

 

Info:

Kunst ansehen (Auswahl)


Altes Tapetenwerk, Lützner Straße 91;
Leipziger Baumwollspinnerei, Spinnereistraße 7;
Delikatessenhaus, Karl-Heine-Straße 59;
D21, Demmeringstraße 21;
Galerie KO, Karl-Heine-Straße 68;
Galerie Schwind (Tübke-Stiftung), Springerstraße 5;
Galerie für Zeitgenössische Kunst, Karl-Tauchnitz-Straße 9-11;
HGB Galerie, Wächterstraße 11;
Kuhturm, Kuhturmstraße 4;
Kunsthalle der Sparkasse Leipzig, Otto-Schill-Straße 4a;
Kunstverein Leipzig, Kolonadenstraße 6;
Museum der bildenden Künste, Katharinenstraße 10;
Stadtgeschichtliches Museum, Neubau, Böttchergässchen 3;
Wolfgang-Mattheuer-Stiftung, Hauptmannstraße 1

Infos

Leipzig Tourismus und Marketing GmbH, www.ltm-leipzig.de, Tel. 0341-710 42 60/-65; einen Überblick über Ausstellungen und Galerien gibt: www.rundgang-kunst.de

Übernachten
Galerie Hotel Leipziger Hof, www.leipziger-hof.de, Tel. 0341-697 40

 


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